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Die örtlichen Gemeinschaften > Brauchtum

Stand: 15.11.2011

 

 

 


 

Die Volksfeste: Die Kirchweih

Das Kirchweihfest ist das am Weitesten verbreitete und populärste dörfliche Fest. Seine Bedeutung im Dorfleben zeigte z.B. die innerörtliche Zeitbestimmung: Zum Teil noch in unseren Tagen pflegte man zu sagen: „Das ist so und so lang vor (oder nach) der Kerb“. Ein vielfach behaupteter heidnischer oder germanischer Ursprung der Kirchweih ist höchst unwahrscheinlich. Vielmehr ist sie nachweislich einst ein christliches Fest gewesen, das an die Bischofsweihe der Kirche vor der Reformation erinnerte, die zumeist am Namenstag des Schutzheiligen stattfand.

Aber weil dieser Tag nicht in jedem Jahr auf den gleichen Sonntag im Monat zu liegen kommt, konnte die Kerb durchaus ein „beweglicher Feiertag“ sein. Beispielsweise berichtet der verstorbene Heimatkunde-Faachmann Karl Dehnert, daß sich die Traisaer Kerb in manchem Jahr durchaus vom dritten auf den vierten Sonntag im August verschieben konnte. Die Regel ist in Vergessenheit geraten – wer sie noch weiß, wird um Nachricht gebeten.

Im Mittelalter wurde der Festschmaus oft in der Kirche selbst oder auf dem Friedhof gefeiert, aber schon mit dem ausgehenden Mittelalter ging die kirchliche Bindung verloren, und die Kirchweih wurde zum weltlichen Dorffest, das auch in allen Dörfern gefeiert wurde, in denen es mangels Kirche nie eine Kirchenweihe gab – nach einem alten Kerwespruch:

Und ist das Dörfchen noch so klein:
einmal im Jahr muß Kichweih drin sein.

Wie in Waschenbach, das im gemeinsamen Kirchspiel ja Anteil an der gemeinsamen Nieder-Ramstädter Kirche hat. Dennoch feiert Waschenbach Kirchweih, ein weltliches Heimatfest, aber mit Gottesdienst! Oder Traisa: Die Kirchweih ist viel älter als die eigene Kirche, die erst 1956 fertiggestellt wurde. Die Traisaer Kerb ist längst schon gefeiert worden, als Traisas Christen ebenfalls im Kirchspiel mit Nieder-Ramstadt verbunden waren.

Zu allen Zeiten war die Kerb ein Familienfest. Zur Kerb kamen auch die auswärtigen Verwanden, mit denen man abends zum Tanze ging. Die Kinder erhielten vom Paten Kerbgeld, damit sie auf der Reitschule fahren oder sich eine der begehrten Zuckerstangen kaufen konnten.

Im 19. Jahrhundert sind weitgehend die örtlichen Gastwirtschaften, die eigene Tanzböden hatten, wie wir aus den Dorfältestenbefragungen des Jahres 1943 erfahren, Träger des Festes. Mit ihren jugendlichen Stammgästen zogen sie die Kerb auf. Höhepunkte waren – wie schon in den Jahrhunderten bisher – der Kerwetanz und jetzt auch der Kerweumzug mit der Kerwerede.

Damit die Kerb beginnen kann – früher am Samstag, heute meist schon am Freitag , muss sie zunächst ausgegraben werden. Die "Kerb ausgraben" heißt, dass früher ein steinerner Weinkrug, heute eine Flaschen Wein, gefüllt mit gutem Wein oder Apfelwein, ausgegraben wird, der nach Abschluss der letztjährigen Kerwefeiern unter lautem Wehklagen in einem Loch vergraben worden war. Dabei wird der Kerwebaum aufgestellt, eine Fichte, mit blank geschältem Stamm und grün belassenen Wipfel, geschmückt mit einem mit Buchs oder Tannengrün geflochtenen Kranz. Kranz und Stamm sind mit Bändern der örtlichen Farben gewunden.

Am Kerwesonntag fand nach dem Gottesdienst in den Gastwirtschaften der Frühschoppen statt. Nachmittags zwischen 14 und 15 Uhr wurde der Umzug aufgestellt, der dann durch die Straßen zog. Der Kerwezug wird vom Kerwepfarrer (Kerwevater) und seinem Glöckner (Mundschenk) angeführt. Während des Zuges schenkten mehrere Beteiligte aus großen Bembeln Äppelweu aus. In unserer Gegend werden im Kerwezug einfache Motivwagen mit der Darstellung von Szenen aus der anschl. Kerwerede durch die farbenfroh mit Maien (Birken) und bunten Papierbändern geschmückten Straßen mitgeführt.

Der Kerwepfarrer, meist als evangelischer Geistlicher verkleidet, besteigt nun seinen Sitz unter dem Kerwebaum. Aus einem großen dicken Buch verliest er Anekdoten, die sich im verflossenen Jahr im Ort zugetragen haben. Ist der Kerwepfarrer ein kleiner Poet, trägt er die Anekdoten in Versform vor.

Zwischen den einzelnen Geschichten unterbricht der Kerwepfarrer immer wieder seinen Vortrag mit den Worten:

"Glöckner (oder „Kamerad“) schenk eu, es muss emol getrunke seu!“,

um anschließend einen tiefen Schluck aus dem Weinglas zu sich zu nehmen. Am Ende seines Jahresberichtes angelangt, läßt der Kerwevater sein Weinglas fallen mit den Worten:

Wenn dieses Gläschen nicht zerspringt
die
(Rämschter / Traaser / Beerwicher / Waschebächer / Frånkehaiser) Kerb heut nicht gelingt.“

Dann kommt von ihm erstmals der Ausruf:

"Wem is die Kerb?"

und die Kerwegemeinde ruft als Antwort laut und vernehmlich:

"Unser!"

Mit diesem Ausruf sind die Kerwefeierlichkeiten eröffnet. Jung und Alt strömen in den Saal, um zu singen und zu tanzen, einfach, um Verwandte, Nachbarn und auswärtige Bekannte zu treffen, fröhlich und gar ausgelassen zu sein. Zwischendurch erschallt immer wieder der Ruf:

"Wem is die Kerb?"

und die Antwort kommt laut und vernehmlich:

"Unser!"

Einmal im Jahr ist Kerb im Dorf – im Mühltal sogar fünfmal!

in Nieder-Ramstadt am Wochenende des 1. Sonntags im August die „Rämschter Kerb“
in Traisa am Wochenende des 3. Sonntags im August die „Draaser Kerb“
in Waschenbach am Wochenende des letzten Sonntags im August die „Waschebächer Kerb“
in Frankenhausen zur am Wochenende des 3. Sonntags im September die „Frånkehaiser Kerb“
und in Nieder-Beerbach am Wochenende des 4. Sonntags im September die „Beerwicher Kerb“

Text:
Heinz Bormuth

Volker Teutschländer



Auweia. Die Mundart!

Die Kerb heißt im Mühltal „Kerb“ in der Einzahl, und nur in der Mehrzahl z.B. „Die 5 Mühltaler Kerwe“.

Aber in zusammengesetzten Wörtern mit „Kerb“ heißt es dann doch „Kerwe“. Es gibt keinen Kerb- sondern nur einen Kerwegottesdienst, keine Kerb- sondern nur eine Kerwerede, keinen Kerb- sondern nur den Kerwetanz (den gibt es sowieso schon lange nicht mehr).

Im Mühltal heißt es bei diesen Beispielen wie bei allen anderen denkbaren: „Kerwezug“, „Kerweparre (-vadder)“, „Kerweplatz“ usw.

Und die Kerweburschen heißen „Kerweborsch“ in Einzahl wie in Mehrzahl – und nicht „-borsche“, wenn man‘s genau nimmt.



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Traisas Kerweborsch von 1949 mit Kerwevater Ernst Valter in der Mitte, von dem auch das Foto stammt



Nieder-Ramstädter („Rämschter“) Kerweborsch 1930



Frankenhausens Kirchenmodell beim Kerwezug 2009: Die christlichen Ursprünge des heute weltlichen Volksfestes sind nicht vergessen.



Waschebächer Kerb 1921: Es war eine Reitschul' da, der Kerwezug formiert sich, in der Mitte das in Waschenbach traditionelle Einrad.