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Die
Volksfeste: Die Kirchweih
Das
Kirchweihfest ist das am Weitesten verbreitete und populärste
dörfliche Fest. Seine Bedeutung im Dorfleben zeigte z.B. die
innerörtliche Zeitbestimmung: Zum Teil noch in unseren Tagen
pflegte man zu sagen: „Das ist so und so lang vor (oder
nach) der Kerb“. Ein vielfach behaupteter heidnischer oder
germanischer Ursprung der Kirchweih ist höchst
unwahrscheinlich. Vielmehr ist sie nachweislich einst ein
christliches Fest gewesen, das an die Bischofsweihe der Kirche
vor der Reformation erinnerte, die zumeist am Namenstag des
Schutzheiligen stattfand.
Aber weil dieser Tag nicht in
jedem Jahr auf den gleichen Sonntag im Monat zu liegen kommt,
konnte die Kerb durchaus ein „beweglicher Feiertag“
sein. Beispielsweise berichtet der verstorbene
Heimatkunde-Faachmann Karl Dehnert, daß sich die Traisaer
Kerb in manchem Jahr durchaus vom dritten auf den vierten Sonntag
im August verschieben konnte. Die Regel ist in Vergessenheit
geraten – wer sie noch weiß, wird um Nachricht
gebeten.
Im Mittelalter wurde der Festschmaus oft in der
Kirche selbst oder auf dem Friedhof gefeiert, aber schon mit dem
ausgehenden Mittelalter ging die kirchliche Bindung verloren, und
die Kirchweih wurde zum weltlichen Dorffest, das auch in allen
Dörfern gefeiert wurde, in denen es mangels Kirche nie eine
Kirchenweihe gab – nach einem alten Kerwespruch:
Und
ist das Dörfchen noch so klein: einmal im Jahr muß
Kichweih drin sein.
Wie
in Waschenbach, das im gemeinsamen Kirchspiel ja Anteil an der
gemeinsamen Nieder-Ramstädter Kirche hat. Dennoch feiert
Waschenbach Kirchweih, ein weltliches Heimatfest, aber mit
Gottesdienst! Oder Traisa: Die Kirchweih ist viel älter als
die eigene Kirche, die erst 1956 fertiggestellt wurde. Die
Traisaer Kerb ist längst schon gefeiert worden, als Traisas
Christen ebenfalls im Kirchspiel mit Nieder-Ramstadt verbunden
waren.
Zu allen Zeiten war die Kerb ein Familienfest. Zur
Kerb kamen auch die auswärtigen Verwanden, mit denen man
abends zum Tanze ging. Die Kinder erhielten vom Paten Kerbgeld,
damit sie auf der Reitschule fahren oder sich eine der begehrten
Zuckerstangen kaufen konnten.
Im 19. Jahrhundert sind
weitgehend die örtlichen Gastwirtschaften, die eigene
Tanzböden hatten, wie wir aus den Dorfältestenbefragungen
des Jahres 1943 erfahren, Träger des Festes. Mit ihren
jugendlichen Stammgästen zogen sie die Kerb auf. Höhepunkte
waren – wie schon in den Jahrhunderten bisher – der
Kerwetanz und jetzt auch der Kerweumzug mit der Kerwerede.
Damit
die Kerb beginnen kann – früher am Samstag, heute
meist schon am Freitag , muss sie zunächst ausgegraben
werden. Die
"Kerb ausgraben" heißt, dass früher ein
steinerner Weinkrug, heute eine Flaschen Wein, gefüllt mit
gutem Wein oder Apfelwein, ausgegraben wird, der nach Abschluss
der letztjährigen Kerwefeiern unter lautem Wehklagen in
einem Loch vergraben worden war. Dabei wird der Kerwebaum
aufgestellt, eine Fichte, mit blank geschältem Stamm und
grün belassenen Wipfel, geschmückt mit einem mit Buchs
oder Tannengrün geflochtenen Kranz. Kranz und Stamm sind mit
Bändern der örtlichen Farben gewunden.
Am
Kerwesonntag fand nach dem Gottesdienst in den Gastwirtschaften
der Frühschoppen statt. Nachmittags zwischen 14 und 15 Uhr
wurde der Umzug aufgestellt, der dann durch die Straßen
zog. Der Kerwezug wird vom Kerwepfarrer (Kerwevater) und seinem
Glöckner (Mundschenk) angeführt. Während des Zuges
schenkten mehrere Beteiligte aus großen Bembeln Äppelweu
aus. In
unserer Gegend werden im Kerwezug einfache Motivwagen mit der
Darstellung von Szenen aus der anschl. Kerwerede durch die
farbenfroh mit Maien (Birken) und bunten Papierbändern
geschmückten Straßen mitgeführt.
Der
Kerwepfarrer, meist als evangelischer Geistlicher verkleidet,
besteigt nun seinen Sitz unter dem Kerwebaum. Aus einem großen
dicken Buch verliest er Anekdoten, die sich im verflossenen Jahr
im Ort zugetragen haben. Ist der Kerwepfarrer ein kleiner Poet,
trägt er die Anekdoten in Versform vor.
Zwischen
den einzelnen Geschichten unterbricht der Kerwepfarrer immer
wieder seinen Vortrag mit den Worten:
"Glöckner
(oder „Kamerad“) schenk eu, es muss emol getrunke
seu!“,
um
anschließend einen tiefen Schluck aus dem Weinglas zu sich
zu nehmen. Am Ende seines Jahresberichtes angelangt, läßt
der Kerwevater sein Weinglas fallen mit den Worten:
„Wenn
dieses Gläschen nicht zerspringt die (Rämschter
/ Traaser / Beerwicher / Waschebächer / Frånkehaiser)
Kerb heut nicht
gelingt.“
Dann
kommt von ihm erstmals der Ausruf:
"Wem
is die Kerb?"
und
die Kerwegemeinde ruft als Antwort laut und vernehmlich:
"Unser!"
Mit
diesem Ausruf sind die Kerwefeierlichkeiten eröffnet. Jung
und Alt strömen in den Saal, um zu singen und zu tanzen,
einfach, um Verwandte, Nachbarn und auswärtige Bekannte zu
treffen, fröhlich und gar ausgelassen zu sein. Zwischendurch
erschallt immer wieder der Ruf:
"Wem
is die Kerb?"
und
die Antwort kommt laut und vernehmlich:
"Unser!"
Einmal
im Jahr ist Kerb im Dorf – im Mühltal sogar fünfmal!
in
Nieder-Ramstadt am Wochenende des 1. Sonntags im August die
„Rämschter Kerb“ in Traisa am Wochenende des
3. Sonntags im August die „Draaser Kerb“ in
Waschenbach am Wochenende des letzten Sonntags im August die
„Waschebächer Kerb“ in Frankenhausen zur am
Wochenende des 3. Sonntags im September die „Frånkehaiser
Kerb“ und in Nieder-Beerbach am Wochenende des 4.
Sonntags im September die „Beerwicher Kerb“
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Text: Heinz
Bormuth † Volker Teutschländer

Auweia.
Die Mundart!
Die
Kerb heißt im Mühltal „Kerb“ in der
Einzahl, und nur in der Mehrzahl z.B. „Die 5 Mühltaler
Kerwe“.
Aber in zusammengesetzten Wörtern mit
„Kerb“ heißt es dann doch „Kerwe“.
Es gibt keinen Kerb- sondern nur einen Kerwegottesdienst, keine
Kerb- sondern nur eine Kerwerede, keinen Kerb- sondern nur den
Kerwetanz (den gibt es sowieso schon lange nicht mehr).
Im
Mühltal heißt es bei diesen Beispielen wie bei allen
anderen denkbaren: „Kerwezug“, „Kerweparre
(-vadder)“, „Kerweplatz“ usw.
Und die
Kerweburschen heißen „Kerweborsch“ in Einzahl
wie in Mehrzahl – und nicht „-borsche“, wenn
man‘s genau nimmt.

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Traisas
Kerweborsch von 1949 mit Kerwevater Ernst Valter in der Mitte,
von dem auch das Foto stammt

Nieder-Ramstädter
(„Rämschter“) Kerweborsch
1930

Frankenhausens
Kirchenmodell beim Kerwezug 2009: Die christlichen Ursprünge
des heute weltlichen Volksfestes sind nicht
vergessen.

Waschebächer
Kerb 1921: Es war eine Reitschul' da, der Kerwezug formiert sich,
in der Mitte das in Waschenbach traditionelle Einrad.
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