Frankenstein Freizeit Gemeinschaft Geografie Geschichte Mühlen Sehenswert

 

 

 

 

Die örtlichen Gemeinschaften > Brauchtum 

Stand: 8. Feb 2012

 

 

 


 

Wandertag am „Dritten Feiertag“


Am „dritten Feiertag“ ist Wånnerdåg. Den früher in ländlichen Gebieten und in unserem Teil des Odenwaldes gibt es im Mühltal noch in Waschenbach. Wer von der männlichen Einwohnerschaft kann, nimmt sich am „dritten Feiertag“, das ist der Tag nach den beiden Weihnachtsfeiertagen, frei und schließt sich der langen Waschenbacher Wanderschar an. Auf dem ganztägigen Fußmarsch wird gerastet, gegessen und getrunken – und zu manchmal recht entfernten Zielen „gewånnert“.

Aber auch Vereine, Gruppen und Freundeskreise „wånnern“ seit Alters her am dritten Feiertag, ob‘s regnet oder schneit.

Wie bei vielen anderen Bräuchen ist auch der Ursprung des Wandertages den meisten Beteiligten nicht bekannt, vor allem ist der seinerzeitige Anlaß längst obsolet.

Ein Teil der Männer und Frauen im Dorf, das waren weit mehr als diejenigen die eine eigen Bauerei betreiben konnten, verdienten sich ihr Brot oder ein nötiges Zubrot als Tagelöhner bei den örtlichen Landwirten, vornehmlich bei Saisonarbeiten, wie beim Hacken, bei der Heu- und Getreideernte oder beim Dreschen. Größere landwirtschaftliche Betrieben hatten freilich Bedarf an ständigen Hilfskräften und könnten sich Knechte und Mägde halten, die sich beim Bauer verdingten.

Aber nicht nur in der Landwirtschaft „dienten“ diese „Arbeitnehmer“, sondern auch bei „besseren Leuten“, die eine Haushälterin oder Küchenhilfe, einen Helfern in Haus, Garten und Stall anstellen konnten. Viele Frauen waren so bis zur Heirat „in Stellung“.

Ungeschrieben galt die Anstellung für ein Jahr vereinbart. Ein Arbeitsplatzwechsel fand dann tunlich dann statt, wenn Mensch und Natur durchatmeten – also nicht in Stoßzeiten der landwirtschaftlichen Arbeit. Was lag näher als „zwischen den Jahren“ zu „wånnern“, von einem Arbeitsplatz zum anderen zu wandern.

Heinrich Sehnert, Lehrer in Waschenbach in den 1950er Jahren, beschreibt in seinem Buch über Volkstum an der nördlichen Bergstraße und im Vorderen Odenwald „Sou woarsch ba uns dahaom“ den Ablauf jener ursprünglichen Wandertage:


Die Mädchen bekamen den Kasten (die Truhe), dem sie ihre Habseligkeiten aufbewahrten, von den Burschen zur neuen „Herrschaft“ getragen oder gefahren. Diejenigen, die nicht „wanderten“, erhielten von den Burschen ihren Kasten nur „gerückt“. Für beides mußten sie ihnen „Wånnerweu“ oder „Bündelweu“ bezahlen. Das Kastenrücken ging folgendermaßen vor sich: Die Burschen stellten den Kasten hinunter auf die Straße und schafften ihn erst wieder auf die Kammer, wenn das Mädchen Bündelwein bezahlt hatte. Abends war für alle Dienstboten in der Gastwirtschaft Tanz. Das Gesinde hatte am Wandertag frei.
















Text:
Volker Teutschländer