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Die örtlichen Gemeinschaften > Mundart

Stand: 19. Feb 2012

 

 

 


 

Mühltalerisch“ ist nicht Hessisch . . .

Text:
Volker Teutschländer


å
Beim Thema Mundart

läßt es sich nicht vermeiden, den einen oder anderen Satz in Mundart zu schreiben. Und das ist ein Problem: Es gibt keinen Duden und auch kein anderes vergleichbares Werk für Mundart-Rechtschreibung.

Deshalb lassen häufig genug Mundart-Schreiber und –Dichter ihrer orthographischen Phantasie freien Lauf. Lautschrift (phonetische Transkription) würde zwar das Gesprochene weitgehend lautgetreu wiedergeben können - freilich zu Lasten der Lesbarkeit.

Hier beschränkt sich also der Versuch, Mundart-Ausdrücke wiederzugeben, auf die Darstellung der Aussprache, wie wir sie aus der gängigen Rechtschreibung gewohnt sind.

Nur eines: Was meinen Mundartschreiber mit „ao“, „oa“, „aao“ „ooa“, „aa“ usw.? Sie meinen jenen kehligen Vokallaut, den es im Hochdeutschen nicht gibt und wie ihn die Mühltaler vor allem aus dem Namen ihrer schwedischen Partnerstadt Vingåker kennen.

In anderen Dialektlandschaften, in denen es den Vokal zwischen a und o ebenfalls gibt, hilft man sich elegant mit dem „å“ oder „Å“, dem Umlaut aus skandinavischen Sprachen.

Wir werden das å bei künftig geplanten Ausarbeitungen verwenden. Dies gilt nicht, soweit wir anders geschriebene Zitate verwenden. Sie werden in der Schreibweise wiedergegeben, wie sie der Autor für richtig befunden hat. Nötigenfalls werden Erläuterungen hinzugefügt..

 

. . . und Mühltaler Mundart gibt es nicht!

 

Mundart lebt und wird gestaltet in mehr oder weniger klar abgrenzbaren weiträumigen Mundartlandschaften. Spezifische Klänge und Nuancen bestehen in Kleinräumen, zumeist im Dorf, wo sich das Miteinander im überschaubaren Kreis von Menschen abspielt. Örtliche Charakteristika von Mundart behaupten sich am besten in jenen Gemeinschaften, aus denen relativ wenige etwa zur Berufstätigkeit auspendeln oder sonstige „Außenkontakte“ haben.

Ein solcher geschlossener Kleinraum ist das Mühltal zwar als Natur- oder Landschaftsraum. Die Gemeinsamkeiten im sozialen, wirtschaftlichen und kirchlichen Miteinander der Mühltalortschaften aber waren untereinander unterschiedlich stark ausgeprägt. Auf jeden Fall nicht so, daß örtliche Einfärbungen des gemeinsamen fränkischen Dialektes bis heute abgeschliffen worden wären.

Manche glauben an eine künftige Angleichung der Mundarten in größeren Räumen. Wieder andere an die Entstehung eines „Hoch-Dialektes“ (Südhessisch, Frankfurterisch) quasi zwischen der örtlichen Mundart und dem Hochdeutschen. Ein Außenstehender hört gewöhnlich die kleinen Unterschiede zwischen den Idiomen der einzelnen Dörfer nicht einmal heraus. Aber noch gibt es sie, die die Feinheiten im Traaserischen, schon gar im Beerbacherischen.

 

Mühltal ist ein Kunstwerk!

 

Nicht das Mühltal, aber die Gemeinde Mühltal ist ein künstliches Gebilde. Geschaffen vom hessischen Gesetzgeber zum 1.1.1977 aus Ortschaften, die jede für sich ein ausgeprägtes örtliches Gemeinschaftsleben pflegten. Örtliche Mundarten sind darin entstanden aus dem jahrhundertelangen Miteinander der Menschen in dörflichen Gemeinschaften und ihrer jeweiligen Umgebung.

 

Mühltal ist aber vor allem ein Naturraum . . .

 

. . . gegeben durch die landschaftliche Lage im Tal der Modau und die Ausrichtung der Seitentäler auf das Modautal, das in diesem Abschnitt seit Alters her Mühltal heißt. Menschliche, d. s. vor allem verwandtschaftliche, soziale und wirtschaftliche Verflechtungen sind daraus entstanden, nicht zuletzt, weil sich Verkehrswege traditionell an den landschaftlichen Gegebenheiten (und zwar fast immer flußabwärts!) orientierten. Dieser Naturraum des Mühltales liegt freilich inmitten des großen südhessischen Mundartraumes. Der Dialekt im Mühltal ist mit all seinen örtlichen Schattierungen folglich „Südhessisch“.

 

Südhessischen Dialekt“ . . .

 

. . . aber gibt es nur im allgemeinen Sprachgebrauch, um die Mundartlandschaft geografisch zu umreißen. Ungeachtet der politischen Grenzen umfaßt „das Südhessische“ auch das Unterfränkische um den bayerische Untermain und Aschaffenburg ebenso wie ganz Rheinhessen jenseits des Stromes.

Gesprochen wird in einem solchen über die Grenzen ausufernden Südhessen aber nicht etwa eine Art „Hessisch“, sondern schlicht Fränkisch, genauer „Rheinfränkisch“ in gewissen Varianten.

 

Bier und Beer, das Ourewäller „Ou“ und das Bergsträßer „hoschte“, „bischte“

 

Bei allen Gemeinsamkeiten mit dem südhessischen Mundartraum sind in den örtlichen Mundarten des Mühltals noch Unterschiede von Ort zu Ort unüberhörbar und für den ungeübten Zuhörer häufig nicht gleich zu differenzieren. In Traisa beispielsweise klingt in „mir“ und „dir“ der Vokal wie im Hochdeutschen, im Mühltal-Rest wird ein gedehntes „e“ daraus. Die Tür wird bei alteingesessenen Traisaern zur Dier, die Birne zur Bier, in allen anderen Mühltalortschaften spricht man von Deer und Beer.

Andererseits bleiben in der Mundart, wenn man fein hören kann, historische Bindungen zu anderen Räumen oder einfach der Übergang zur Nicht-Mühltaler Nachbarschaft erkennbar. Zum Beispiel in Nieder-Beerbach, wo man schon ganz fein den Klang von der Bergstraße jenseits des Berges heraushören kann: „hoschte“, „bischte“ (hast du, bist du). Oder Frankenhausen: Da klingt manchmal noch ganz fein das markante Odenwälder „ou“, wie es viel weiter modauaufwärts oder im östlichen Vorderen Odenwald typisch ist.

 

Mer macht net uf Miehldål, mer macht uf Mühltal

 

Eine Gemeinsamkeit haben alle Mundartsprecher im Mühltal aber doch: Sie haben keinen Mundart-Ausdruck für ihre gemeinsame Gemeinde! Als Landschaftsname für das Mühltal ist Mundartsprechern sehr wohl „Miehldål“ geläufig. Aber die Gemeinde ist einfach zu jung, als das sich dieser Mundartbegriff auch für die Kommune bisher hätte durchsetzen können.