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Stand: 23.04.2011

 

 

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Geschichte > Frankenhausen

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Die Kirche

 

Die kleine Kirche im Römerweg 5 a ist ein Saalbau (mit 3/8 Schluß). Über dem Giebel erhebt sich ein quadratischer Dachreiter mit spitzer, achtseitiger eingeknickter Haube. Und wie ein Turm verfügt der Dachreiter über eine Turmbekrönung. Karl Schwinn, namhafter Volkskundler aus Reichelsheim, erwähnt in „Alte Sinnbilder auf hohen Türmen“ Frankenhausens schöne Turmkrone mehrfach und beschreibt sie so: „Senkrechter Schaft und waagrechter Balken des Kreuzes sind aus gleich starken Stäben errichtet. An den vier Armen sind große Herzmotive zu erkennen, deren Spitzen nach innen weisen. Durch weitere Verzierungen entsteht um die Mitte eine Raute. Die waagrechten Arme enden in hörnerformigen Ranken. Blattwerk aus getriebenem Blech bedeckt das ganze Kreuz. Der Knopf ist abgeflacht. Um die Spitze dreht sich der Hahn.“

In die Bruchsteinaußenwände sind rechteckige Fensteröffnungen mit flachen Stichbögen und einfachen Sandsteingewänden eingelassen. Das Gotteshaus ist einschließlich der Turmbekrönung 17,36 m hoch, das Turmkreuz 1,34 m und der Wetterhahn weitere 0,37 m. Sie steht wegen ihrer geschichtlichen und baukünstlerischen Bedeutung unter Denkmalschutz.

Im Innern ist die Kirche mit einer flachen Holzbalkendecke versehen. An einer Längs- und einer Schmalseite sind hölzerne Emporen eingebaut – mit einer barocken Orgel gegenüber der Altarseite. Im Eingangsbereich zu Kirche und Friedhof befindet sich eine Gedenkstätte für die Kriegstoten.

Eine kleine Gemeinde baut ihre Kirche

Den Bau ihrer Kirche vor 300 Jahren feierten die evangelischen Christen in Frankenhausen beziehungsreich zur Kirchweih 2009. Ob die Kirchenweihe 1709 der ursprüngliche Anlaß für die jährliche Frankenhäuser Kerb ist, darüber gibt es wie auch anderenorts keine Belege. Kirchweih wird ja auch in Dörfern gefeiert, in denen es überhaupt keine Kirche gibt.

In Frankenhausen hat es lange vor der heutigen Kirche ein Gotteshaus mitten im Dorf gegeben, in dem zeitweise ein Kaplan die kirchlichen Dienste versah. Es stammte aus katholischer Zeit, und diente nach der Reformation noch etwa 170 Jahre seiner Bestimmung. Jene Kapelle hat wohl im Dreißigjährigen Krieg entscheidend gelitten. Das ganze Dorf war zerstört, alle Menschen ermordet oder geflohen.

Am Anfang des 18. Jh. verfiel die Kapelle, die schon im Dreißigjährigen Krieg als baufällig bezeichnet wird, völlig. Der mit der Besichtigung der Kapelle beauftragte Werkmeister Schäfer berichtet im Jahr 1708, die Kapelle sei so alt und baufällig, daß man sie als zur Haltung des Gottesdienstes in allem ganz unbrauchbar bezeichnen müsse. „... es sei augenscheinlich zu beförchten, daß der Boden, so alle Bohlen verfault, einbreche.“ Auch „sei das Gotteshaus zu klein und nicht zu reparieren.“ (Diehl, Hassia sacra)

Und dieser mörderische Krieg war erst sechzig Jahre vergangen. Erst 17 Familien mit 85 Seelen waren zurückgekehrt oder zugewandert, die dennoch beschlossen, „ihr einem Viehstall ähnlicher als einem Gotteshause [aus]sehendes Capellchen“ durch einen Neubau zu ersetzen (a.a.O.) denen der Bau einer neuen Kapelle bevorstand. Aber: Diese sehr kleine Gemeinde früher Frankenhäuser hatte ja sogar schon 1690 ihr erstes Schulhaus gebaut, in dem ein eigener Lehrer unterrichtete!

Im Jahr 1709 wird mit diesem Kirchenbau begonnen, und im Jahr 1710 die noch nicht völlig ausgebaute Kapelle vor dem Dorf in Gebrauch genommen“ (a.a.O.). Im gleichen Jahr wird die alte Kapelle im Dorf abgebrochen. Die neue Kapelle wird erst 1715, fertiggestellt, indem das an die Kapelle gebaute Türmchen, das noch nicht im Trockenen stand, unter Dach und Fach kommt.

Erst nach 200 Jahren wird die Kirche Eigentümerin der Kirche

Bauherrin war übrigens die bürgerliche Gemeinde Frankenhausen. Das ist nicht verwunderlich, denn Aufgaben der bürgerlichen und der evangelischen Gemeinde waren seinerzeit nicht nur in Frankenhausen weitgehend identisch. Die Kirche war sogar, möglicherweise irrtümlich, als Eigentum der bürgerlichen Gemeinde ins Grundbuch eingetragen. Erst 1903 ist das geändert worden. Das waren damals harte Auseinandersetzungen. Sollte mit dem Übergang der Immobilie denn auch die Baulast an die Kirchengemeinde übergehen? Das Oberkonsistorium, heute etwa die Landeskirchenverwaltung, riet aber vom Streit ab und dazu, mit dem Eigentum auch die Baulast zu übernehmen. Der Wunsch der Kirchengemeinde blieb damit unerfüllt, die bürgerliche Gemeinde möge die laufende Baulast oder wenigstens eine Abfindung in Form einer jährlichen Kostenbeteiligung für eine längere Zukunft übernehmen.

So „geriet“ die Kirche in das Eigentum der Kirchengemeinde, aber nur der Baukörper. Das Umfeld vom Friedhof bis zum Außenaufgang und der Einfriedigungsmauer sind im Grundeigentum der bürgerlichen Gemeinde verblieben. Der Friedhof ist 1721 in der Folge des Kirchen-Neubaues neben der Kirche angelegt worden. Bis dahin mußten Frankenhausens Verstorbene auf dem recht weit entfernten Kirchhof des Kirchspiels in Ober-Ramstadt bestattet werden.

Die Zugehörigkeit zum Kirchspiel Ober-Ramstadt hat für Frankenhausen wie für alle Kirchspielorte in allen Kirchspielen zur Folge, daß es Teilhaber an Kirche, Pfarrhaus und Schulen ist, also an der Bauunterhaltung mitzutragen hat. Bei der obrigkeitlichen Gestattung eines eigenen Friedhofs in Frankenhausen wird ausdrücklich zur Auflage gemacht, daß Frankenhausen weiterhin an der Bauunterhaltung von Kirche und Pfarrhaus in Ober-Ramstadt mitzutragen habe.

Das war wohl schon bald nicht mehr durchsetzbar und 1830 auch verbrieft, indem Frankenhausen als Filial der Pfarrei Ober-Beerbach für 20 Jahre zugeschlagen wurde.

Kirchspiel oder Parochie

„Vor Zeiten“, also lange vor dem Dreißigjährigen Krieg, hatte die alte Kapelle einen Kaplan „gehabt“, Danach und auch nach dem Kirchen-Neubau aber nicht mehr. Frankenhausen blieb Filialort von Ober-Ramstadt bis 1830, dann 20 Jahre von Ober-Beerbach. Seit 1851 bildet die ev. Frankenhäuser Kirchengemeinde mit Nieder-Beerbach eine Parochie, also einen Amtsbezirk für einen gemeinsamen Pfarrer, der seinen Sitz in Nieder-Beerbach hat. Beide Kirchengemeinden sind dennoch eigenständig, sind kein Kirchspiel, wie immer wieder zu hören und zu lesen ist. Frankenhausen ist also keine „Filiale“ von Nieder-Beerbach. Lediglich der gemeinsame Pfarrer verwaltet beide Kirchengemeinden. Diese Eigenständigkeit ist ein Kriterium, daß Frankenhausens Kapelle eine Kirche ist!. Diehl in Hessia sacra wie auch Dr. Wendel Mertz, eingeborener Frankenhäuser, in seinem im Heimatbuch sprechen allerdings von der „neuen Kapelle“ und stehen dabei im Widerspruch zu den Einheimischen, die ihre „Kirche“ lieben. Schließlich hat die „Kirchen“gemeinde einen „Kirchen“vorstand und auch sonst fehlt der Kapelle nichts, was sie nichts, was nicht auch eine Kirche haben würde..



 

Volker Teutschländer



Quellen:

Denkmaltopografie für den Landkreis Darmstadt-Dieburg 1988

Karl Schwinn
„Alte Sinnbilder auf hohen Türmen“
(Verlag Marga Hosemann Mörlenbach, 1985)

Frankenhausen im Odenwald
Dr. Wendel Mertz, 1955,
Gemeinde Frankenhausen

Wilhelm Diehl
Hassia sacra Bd. 8;
1935







Aufnahmen von Hans W. Keller
aus 2007 bis 2009



Kolorierte Postkarte 1911
(aus dem Besitz vom
Hans W. Keller)



Die große Glocke vor ihrer „Verwendung“ 1917 im Ersten Weltkrieg