Startseite

Frankenstein Freizeit Gemeinschaft Geografie Geschichte Mühlen Sehenswert

Stand: 10.11.2010

 

 

.. Geschichte

Geschichte > Frankenhausen

Text:

 


 

Der Spielmannszug Frankenhausen


Seit 1954 wird in Frankenhausen getrommelt und gepfiffen. So lange schon reihen sich junge Männer in eine Musikformation ein, die ursprünglich nur gegründet worden war, um Anlässe im dörflichen Geschehen zu begleiten - vornehmlich um bei Umzügen für den gewünschten Marschrhythmus zu sorgen. Längst schon stehen auch Mädchen und junge Frauen in den Reihen der Musikanten, und seit langem ist der Spielmannszug in der weiten Umgebung ein Aushängeschild der Ge
meinde.

Ja, das Dorf Frankenhausen war damals noch eigenverantwortliche Kommune. Und ihr lag das örtliche Gemeinschaftsleben noch am Herzen: Der Bürgermeister Karl Götzinger selbst war es, der 1954 zur Gründung aufrief. Aber für was brauchten die im Grunde friedlichen Frankenhäuser eine militärische Formation, wie sie ehedem für die Ordnung der kämpfenden Truppe sorgen, Befehle von Hauptleuten weitergeben oder sogar mit ihrem Spiel das Fußvolk in seinem Schlamassel zum Kampf mitreißen sollte?

Wer so fragt, weiß wenig von der Geschichte der Spielleute, die nicht nur als „das Spiel" (2 Trommler, 2 Pfeifer) zu jedem Landsknechtsfähnlein gehörten oder viel früher schon zur Kriegsmusik bei den germanischen Stämmen. Spielleute waren vielmehr im Mittelalter fahrende Musikanten, die das mittelalterliche Musikleben (wenn auch nicht nur mit Trommeln und Flöten) zunehmend prägten.

Eher darein sind Frankenhausens Spielleute einzureihen - wäre da nicht das Repertoire aus Armeemärschen und anderen Viervierteltakt-Stücken. Aber was ist dagegen schon einzuwenden? Im Walzerschritt läßt sich nunmal kein Kerweumzug anführen und auch am Rosenmontag nicht vor einem Prinzenpaar defilieren. Marschmusik ist nun einmal auch volkstümliche Musik

Und schon zur Frankenhäuser Kirchweih im Gründungsjahr 1954 begeisterten 25 Frankenhäuser Spielleute Einheimische und Gäste beim Marsch durch die Frankenhäuser Straßen mit solch volkstümlicher Marschmusik Schon vom folgenden Jahr an trat der Spielmannszug auch auswärts auf, meist zum eigenen Spaß an der Freude, oft aber auch ganz im Sinne der Begründer zur Begleitung der anderen Frankenhäu­ser Vereine. Der Gesang- und Turnverein sowie die Freiwillige Feuerwehr wurden die wichtigsten Förderer des Musikzuges, etwa bei der Beschaffung von Instrumenten. Der Spielmannszug selbst ist rein rechtlich überhaupt kein Verein geworden: Wie's die Gründer seinerzeit wollten ist der Spielmannszug einfach eine unabhängige For­mation der Dorfgemeinschaft geblieben.

Und sie trägt Frankenhausens Farben im wörtlichen Sinne nach draußen: Die gemeinschaftliche Kleidung war stets am Gelb und Grün des Frankenhäuser Gemeindewappens orientiert.

Neben dem verstorbenen Bürgermeister Götzinger ist der Aufbau des Spielmannszuges verbunden mit dem Namen des ebenfalls verstorbenen langjährigen Stabführers Georg Rettig, ausgezeichnet mit der Ernennung zum Ehrenstabführer. Er schwang wie seine Nachfolger nicht nur den Taktstock, sondern bewältigte gleichzeitig die Verwaltungs- und Organisationsarbeit, die auch in einem „Nicht-Verein" anfällt. Heike Mertz geborene Spagl sowie Hans Spagl stellten sich nach ihm dieser Verantwortung, inzwischen schon (2004) seit zwanzig Jahren Frank Ackermann. Mit ihnen verantwortlich für Aufbau und Bestand der Musikgruppe waren aber auch die Ausbilder, unter ihnen ganz am Anfang Jakobund Sohn Helmut aus der Nieder-Beerbacher Musikantenfamilie Fertig, später die Brüder Willi und Alois Bruckdorfer, Albert Heil, Jürgen Schmidt, Sandra Heldmann und der stets beständige Hans Keller.

Und dann sind neben der musikalischen Arbeit die geselligen Aufgaben zu bewälti­gen, sowohl unter den zeitweise weit über 50 jugendlichen und erwachsenen Spielleuten wie auch in der Dorfgemeinschaft. Das waren nicht nur die Mitwirkung bei vielerlei Anlässen, sondern auch eigene Beiträge, vor allem die Jubiläumsfeiern zum zehn-, fünfundzwanzig oder dreißigjährigen Bestehen, die zu wirklichen Volksfesten wurden.

Und das, obwohl es auch Widrigkeiten zu überwinden galt: Beim Fünfundzwanzigjährigen 1979 schoß gar ein Hochwasser durch das Festzelt, daß sich die schweren
Kühlschränke hoben. Anders in Arheilgen beim Fastnachtsumzug, den der Spielmannszug seit 1973 über zwei Jahrzehnte lang begleitete: Einmal war es so kalt, daß den Pfeifern die Querflöten an die Unterlippe zu anzufrieren drohten. Dann war da noch ein Auftritt bei einem Festzug, in den die Frankenhäuser sich nur irrtümlich einreihten, weil der Busfahrer nicht den rechten Auftrittsort gefunden hatte. Sogar ein Honorar spendierten die unbewußt beehrten Gastgeber.

Auftritte bei den Hessentagen, zum ersten Mal in Pfungstadt mit 55 Musikanten,
sind in guter Erinnerung geblieben. Aber auch bei der Griesheimer Kerb über mehr als ein Jahrzehnt ab 1982, und zwar vor allem wegen der schier unendlich langen Märsche durch die Sonntagshitze im Griesheimer Sand, denen dann regelmäßig noch eine nicht enden wollende Kerwerede folgte. Oder kleine Mißgeschicke wie dieses in Nieder-Beerbach: Für richtigen Takt ist ja nicht zuletzt der Mann an der großen Trommel zuständig. Was aber tun, wenn das malträtierte Fell den kräftigen Taktschlägen nicht mehr standhält? Richtig, man dreht die Pauke um - ei ja, bis eben auch das Seitenfell . . .

Aber nicht nur getrommelt und gepfiffen wurde im Frankenhäuser Spielmannszug. Über Jahre hinweg verstand er sich ganz wie mittelalterliche Vorbilder auch als Fanfarenkorps, indem die Musikanten mit der Trommelflöte ein zweites Instrument übernahmen. Dazu gehörte besonderer Übungsfleiß, denn fast ausnahmslos erlernten de Spieler das Beherrschen von Marschtrommel, Trommelflöte, Fanfare, Lyra, große Trommel oder Becken als Anfänger von der Pike auf.

Diese Mühen, die Disziplin bei den Auftritten, der Zeitaufwand bei auswärtigen Gastspielen waren über viele Jahre auch einer großen Schar von Buben und Mädchen nicht zu viel. Über dreißig Jugendliche reihten sich in einen Schülerspielmannszug
ein, der alleine oder „mit den Großen" musizieren konnte und den Klangkörper auf über sechzig Musikanten steigerte. Trotz vielfältiger Angebote bei der Ausbildung und der Betreuung stehen so viele Jugendliche nicht mehr in den Reihen des Zuges, und mancher „Große" aus der Gründer- oder Anfangszeit steht nicht mehr zur Verfügung.

Die Erfolge bei Hessentagen, bei Fastnachts-Umzügen oder Kirchweihen in der weiten Umgebung haben immer wieder Begeisterung und Lust zum Weitermachen ausgelöst, so auch die Ausflüge mit den Partnern, die weiteste Tagesreise nach Waldfischbach in der Pfalz oder eine einwöchige Konzertreise ins Elsaß.

Das fünfzigjährige Bestehen 2004 ist wieder zu einem Gemeinschaftserlebnis vieler Frankenhäuser geworden im stimmungsvollen Ambiente des Gast- und Bauernhofes Zum Odenwald. Dennoch sind die Personalsorgen nach fünfzigjährigem Bestehens
recht groß geworden. Stabführer Frank Ackermann erinnert daran, daß einst auch in allen anderen Mühltal-Ortschaften einst Musik- und Spielmannszüge bestanden, die sich ausnahmslos auflösten mit schmerzhaften Verlusten für das örtliche Gemeinschaftsleben. Er hofft, daß Zukunft des beliebten Spielmannszuges gesichert werden kann, auch wenn neue Überlegungen angestellt werden müßten, um Nachwuchs und Neulinge zu gewinnen und den Zielen den Gründer treu bleiben zu können.




 

Volker Teutschländer
Mai 2004