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Der
Spielmannszug Frankenhausen
Seit
1954 wird in Frankenhausen getrommelt und gepfiffen. So lange
schon reihen sich junge Männer in eine Musikformation ein,
die ursprünglich nur gegründet worden war, um Anlässe
im dörflichen Geschehen zu begleiten - vornehmlich um bei
Umzügen für den gewünschten Marschrhythmus zu
sorgen. Längst schon stehen auch Mädchen und junge
Frauen in den Reihen der Musikanten, und seit langem ist der
Spielmannszug in der weiten Umgebung ein Aushängeschild der
Gemeinde.
Ja,
das Dorf Frankenhausen war damals noch eigenverantwortliche
Kommune. Und ihr lag das örtliche Gemeinschaftsleben noch
am Herzen: Der Bürgermeister Karl Götzinger
selbst war es, der 1954 zur Gründung aufrief. Aber für
was brauchten die im
Grunde friedlichen Frankenhäuser eine militärische
Formation, wie sie ehedem für
die Ordnung der kämpfenden Truppe sorgen, Befehle von
Hauptleuten weitergeben
oder sogar mit ihrem Spiel das Fußvolk in seinem
Schlamassel zum Kampf mitreißen
sollte?
Wer
so fragt, weiß wenig von der Geschichte der Spielleute,
die nicht nur als „das Spiel"
(2 Trommler, 2 Pfeifer) zu jedem Landsknechtsfähnlein
gehörten oder viel früher schon zur Kriegsmusik bei
den germanischen Stämmen. Spielleute waren vielmehr
im Mittelalter fahrende Musikanten, die das mittelalterliche
Musikleben (wenn auch
nicht nur mit Trommeln und Flöten) zunehmend prägten.
Eher
darein sind Frankenhausens Spielleute einzureihen - wäre da
nicht das Repertoire aus Armeemärschen und anderen
Viervierteltakt-Stücken. Aber was ist dagegen schon
einzuwenden? Im Walzerschritt läßt sich nunmal kein
Kerweumzug anführen und auch am Rosenmontag nicht vor einem
Prinzenpaar defilieren. Marschmusik ist nun einmal auch
volkstümliche Musik
Und
schon zur Frankenhäuser Kirchweih im Gründungsjahr
1954 begeisterten 25 Frankenhäuser
Spielleute Einheimische und Gäste beim Marsch durch die
Frankenhäuser
Straßen mit solch volkstümlicher Marschmusik Schon
vom folgenden Jahr an trat der Spielmannszug auch auswärts
auf, meist zum eigenen Spaß an der Freude, oft aber auch
ganz im Sinne der Begründer zur Begleitung der anderen
Frankenhäuser Vereine. Der Gesang- und Turnverein
sowie die Freiwillige Feuerwehr wurden die wichtigsten Förderer
des Musikzuges, etwa bei der Beschaffung von Instrumenten. Der
Spielmannszug selbst ist rein rechtlich überhaupt kein
Verein geworden: Wie's die Gründer seinerzeit wollten ist
der Spielmannszug einfach eine unabhängige Formation
der Dorfgemeinschaft geblieben.
Und
sie trägt Frankenhausens Farben im wörtlichen Sinne
nach draußen: Die gemeinschaftliche Kleidung war stets am
Gelb und Grün des Frankenhäuser Gemeindewappens
orientiert.
Neben
dem verstorbenen Bürgermeister Götzinger ist der
Aufbau des Spielmannszuges
verbunden mit dem Namen des ebenfalls verstorbenen langjährigen
Stabführers
Georg Rettig, ausgezeichnet mit der Ernennung zum
Ehrenstabführer. Er schwang
wie seine Nachfolger nicht nur den Taktstock, sondern bewältigte
gleichzeitig die Verwaltungs- und Organisationsarbeit, die auch
in einem „Nicht-Verein" anfällt. Heike Mertz
geborene Spagl sowie Hans Spagl stellten sich nach ihm dieser
Verantwortung,
inzwischen schon (2004) seit zwanzig Jahren Frank Ackermann. Mit
ihnen verantwortlich für Aufbau und Bestand der Musikgruppe
waren aber auch die Ausbilder,
unter ihnen ganz am Anfang Jakobund Sohn Helmut aus der
Nieder-Beerbacher Musikantenfamilie Fertig, später die
Brüder Willi und Alois Bruckdorfer, Albert Heil,
Jürgen Schmidt, Sandra Heldmann und der stets beständige
Hans Keller.
Und
dann sind neben der musikalischen Arbeit die geselligen Aufgaben
zu bewältigen, sowohl unter den zeitweise weit über
50 jugendlichen und erwachsenen Spielleuten
wie auch in der Dorfgemeinschaft. Das waren nicht nur die
Mitwirkung bei vielerlei
Anlässen, sondern auch eigene Beiträge, vor allem die
Jubiläumsfeiern zum zehn-,
fünfundzwanzig oder dreißigjährigen Bestehen,
die zu wirklichen Volksfesten wurden.
Und
das, obwohl es auch Widrigkeiten zu überwinden galt: Beim
Fünfundzwanzigjährigen 1979 schoß gar ein
Hochwasser durch das Festzelt, daß sich die schweren
Kühlschränke
hoben. Anders in Arheilgen beim Fastnachtsumzug, den der
Spielmannszug seit
1973 über zwei Jahrzehnte lang begleitete: Einmal war es so
kalt, daß den
Pfeifern die Querflöten an die Unterlippe zu anzufrieren
drohten. Dann war da noch
ein Auftritt bei einem Festzug, in den die Frankenhäuser
sich nur irrtümlich einreihten,
weil der Busfahrer nicht den rechten Auftrittsort gefunden
hatte. Sogar ein Honorar spendierten die unbewußt beehrten
Gastgeber.
Auftritte bei den Hessentagen, zum ersten Mal
in Pfungstadt mit 55 Musikanten, sind
in guter Erinnerung geblieben. Aber auch bei der Griesheimer
Kerb über mehr als ein Jahrzehnt ab 1982, und zwar vor
allem wegen der schier unendlich langen Märsche durch die
Sonntagshitze im Griesheimer Sand, denen dann regelmäßig
noch eine nicht enden wollende Kerwerede folgte. Oder kleine
Mißgeschicke wie dieses in Nieder-Beerbach: Für
richtigen Takt ist ja nicht zuletzt der Mann an der großen
Trommel zuständig.
Was aber tun, wenn das malträtierte Fell den kräftigen
Taktschlägen nicht mehr standhält? Richtig, man dreht
die Pauke um - ei ja, bis eben auch das Seitenfell . .
.
Aber nicht nur
getrommelt und gepfiffen wurde im Frankenhäuser
Spielmannszug. Über Jahre hinweg verstand er sich ganz wie
mittelalterliche Vorbilder
auch als Fanfarenkorps, indem die Musikanten mit der
Trommelflöte ein zweites Instrument übernahmen. Dazu
gehörte besonderer Übungsfleiß, denn fast
ausnahmslos erlernten de Spieler das Beherrschen von
Marschtrommel, Trommelflöte, Fanfare, Lyra, große
Trommel oder Becken als Anfänger von der Pike auf.
Diese
Mühen, die Disziplin bei den Auftritten, der Zeitaufwand
bei auswärtigen Gastspielen waren über viele Jahre
auch einer großen Schar von Buben und Mädchen nicht
zu viel. Über dreißig Jugendliche reihten sich in
einen Schülerspielmannszug ein,
der alleine oder „mit den Großen" musizieren
konnte und den Klangkörper auf über sechzig Musikanten
steigerte. Trotz vielfältiger Angebote bei der Ausbildung
und der Betreuung
stehen so viele Jugendliche nicht mehr in den Reihen des Zuges,
und mancher „Große"
aus der Gründer- oder Anfangszeit steht nicht mehr zur
Verfügung.
Die
Erfolge bei Hessentagen, bei Fastnachts-Umzügen oder
Kirchweihen in der weiten Umgebung haben immer wieder
Begeisterung und Lust zum Weitermachen ausgelöst, so auch
die Ausflüge mit den Partnern, die weiteste Tagesreise nach
Waldfischbach in der Pfalz oder eine einwöchige
Konzertreise ins Elsaß.
Das fünfzigjährige
Bestehen 2004 ist wieder zu einem Gemeinschaftserlebnis vieler
Frankenhäuser geworden im stimmungsvollen Ambiente des
Gast- und Bauernhofes Zum Odenwald. Dennoch sind die
Personalsorgen nach fünfzigjährigem Bestehens recht
groß geworden. Stabführer Frank Ackermann erinnert
daran, daß einst auch in allen anderen Mühltal-Ortschaften
einst Musik- und Spielmannszüge bestanden, die sich
ausnahmslos auflösten
mit schmerzhaften Verlusten für das örtliche
Gemeinschaftsleben. Er hofft, daß Zukunft
des beliebten Spielmannszuges
gesichert werden kann, auch wenn neue Überlegungen
angestellt werden
müßten, um Nachwuchs und Neulinge zu gewinnen und den
Zielen den Gründer treu bleiben zu können.
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Volker
Teutschländer Mai 2004










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