|
|
Die
Dorflinde, die Haingerichtsordnung und die Betzenkammer
An
Geschichte, Geschichten und Mythen ist Nieder-Beerbach
vermutlich die reichste Ortschaft im Mühltal. Das macht
nicht nur die historisch bedeutsame Burg Frankenstein aus oder
die Tatsache, daß sich im kommenden Jahr zum 350. Male
jährt, daß die Nieder-Beerbacher verkauft wurden und
der Knute der Frankensteiner unter die Knute der hessischen
Landesherren „entkamen“.
Eine Reihe
augenfälliger Zeugnisse der Nieder-Beerbacher Vergangenheit
sind erhalten, sogar - weniger augenfällig - ein Kleinod
besonderer Art, nämlich die Gerichtsordnung, die Ludwig und
Philipp Heinrich zu Frankenstein im Jahre 1581 seinen Beerbacher
Untertanen verordnet hat. Die Ordnung wurde 1980 amtlich als der
überraschendste Fund in der hessischen kommunalen
Archivpflege bezeichnet. Jährlich am Donnerstag vor dem
Namenstag des Heiligen Georg sollte nach dieser Ordnung „unter
der Linde mitten im Dorf“ Gericht gehalten werden.
Die
Linde ist am 1. November 2011 von uns gegangen, unter der nicht
nur die frankensteinische Obrigkeit Gericht halten hat, sondern
die über Jahrhunderte der Mittelpunkt des örtlichen
Geschehens war. Sie ist gefällt worden, weil nach einem
Sachverständigengutachten, das die Gemeindeverwaltung
eingeholt hatte, der Baum keine Überlebenschance mehr
hatte.
Noch 2003 hatte das Rathaus dem ortsbildprägenden
Baum nach einer aufwendigen und kostspieligen Sanierung gute
Chancen eingeräumt, noch weitere Menschengenerationen zu
überleben: Frisch gestutzt sah man ihm bis vor kurzem die
historische Würde an, von der eine Tafel berichtet, die ein
Freund der Beerbacher Heimatgeschichte an ihrem Fuße
angebracht hatte:
„Hier
tagte von 1581 bis 1819 das Hain- oder Rügegericht. Unter
der Linde befand sich das Ortsgefängnis, die sogenannte
Betzenkammer. Sie wurde 1819 geschlossen, da sich die Bürger
gebessert hatten.“
Für
die angebliche Begründung der Auflassung der Betzenkamer
liegen keine Belege vor, auch nicht für das Alter des
Baumes von 450 Jahren. Fachleute gingen 2003 immerhin von mehr
als 250 Jahren aus. Nachzählen an Jahresringen ließ
sich das nicht mehr, als der mächtige Stamm im Grase lag:
Der Kern mußte bei der damaligen Sanierung vollständig
von der Wurzel bis zum Kronenansatz mit Beton ausgegossen
werden, um die Standfestigkeit zu sichern. Der Spezialfirma aus
Michelstadt, die jetzt den weniger hohen als breiten Riesen zu
Fall bringen mußte, sind am Betonkern einige Sägeketten
zerborsten.
Die gut gemeinten lebensverlängernden
Maßnahmen von 2003 wirkten nur wenige Jahre. Der Fachmann
aus Michelstadt meinte, heutzutage würde man zwar auch den
erkrankten Kern aushöhlen, gleichzeitig aber die noch
lebende Hülle so stützen und fördern, daß
die Linde lebensfähig geblieben wäre. So aber war sie
inzwischen zusätzlich von Pilzkrankheiten geschwächt –
das Todesurteil war nicht zu verhindern.
Nieder-Beerbachs
Heimatkenner und -forscher Adam Breitwieser hat die Höhe
des Stammes bis zum Ansatz der Krone mit 3,20 m vermessen, den
Stammumfang in 1,60 m Höhe mit 3,85 m. Breitwieser hat
zugleich die Gelegenheit genutzt, mit der Wünschelrute die
Reste des unter der Oberfläche liegenden Mauerwerkes der
Betzenkammer zu orten, in der ehedem Bösewichte weggesperrt
wurden. Der so ermittelte Innenraum von 3,60 mal 5,70 m bei
einer Mauerdicke von 0,60 m war keine Wohlfühlbehausung,
sondern wird in Beschreibungen als „gar greuliches Loch“
geheißen.
An gleicher Stelle setzte der
Nieder-Beerbacher Georg Steiner jun. am 1. Mai 2012 eine junge
Linde zur Erinnerung an die Dorflinde. Bei dieser Gelegenheit
grub er mit schwerem Gerät erfolglos nach Gemäuer, das
die Existenz einer Betzenkammer im Grund unter dem alten und
neuen Standort der Linde belegt hätte. Also doch nur eine
schöne Legende?
|
Text: Volker
Teutschländer


Die
Dorflinde nach
der lebensverlängernden Sanierung 2003

Die
Informationstafel bis zur Fällung
der Dorflinde

Lebendig
war nur noch eine schmale Hülle des mehrhunderjährigen
Baumstammes. Beton und Maueranker in seinem Kern von der Wurzel
bis zur Krone verlängerten das Leben der Dorfinde zur
wenige Jahre.
|