|
|
Die
Kirche zu Nieder-Beerbach
Die
Dorfkirche – wie im Odenwald häufig, so auch in der
Nachbarschaft in Nieder-Ramstadt und in Frankenhausen –
steht auf der höchsten Stelle des alten Dorfes. Zur Kirche
gelangt man aufwärts über den Kirchweg ab der Dorflinde,
unter der einst die Frankensteiner Herren Hain- und Rügengericht
hielten und wo bis 1819 in der „Betzenkammer“ die
Tunichtgute eingesperrt wurden.
Ein kirchliches Gebäude
besaß Nieder-Beerbach bereits im 14. Jahrhundert. Die
älteste urkundliche Erwähnung hat einen recht bösen
Anlass: Am 26. Nov. 1385 trug das Mainzer geistliche
Gericht dem Archivpresbyter (Dekan) zu Bensheim und den Plebanen
(Leutpriestern und Inhabern der Pfarrstellen) zu Zwingenberg und
und Bickenbach auf, den Ritter Schenk Eberhard zu Erbach und die
Gebrüder Wilhelm und Gerhard gen. Rauch mit einer
Entschädigungssumme von 60 Goldgulden zu belegen und solche
im Weigerungsfalle vor ihr Gericht zu laden „wegen ihren an
dem Nieder-HerbacherPleban Johannes Montze begangenen
Gewalttätigkeiten und Verbrennung seiner Kirche“.
Nach
der mutwilligen Zerstörung muß die Kirche alsbald
wieder aufgebaut worden sein: Bauherren der Pfarrkirche waren die
Herren von Frankenstein, deren jüngere Linie in ihr auch ihre
letzte Ruhe fand – die ältere Linie dagegen in der
Eberstädter Kirche. Aus dieser Zeit stammt das Schiff
der jetzigen Kirche, da der um 1404 bis 1433 erscheinende Philipp
d.Ä. von Frankenstein schon in ihr beerdigt wurde. Der Turm
dagegen, welcher den byzanthinischen Baustil an sich trägt,
stammt wohl noch von der alten Kirche her.
Ältester
erhaltener Teil der Kirche ist der quadratische gotische Chorturm
mit verschieferter Glockenstube, über der sich ein
achtseitiger eingezogener Spitzhelm erhebt. Hier läuten seit
1402 bzw. 1480 die Marien- und die Hosiannaglocke zum Gebet und zu
den Gottesdiensten. Die 1753 gegossene Glocke war gesprungen und
musste im Ersten Weltkrieg „auf dem Altar des Vaterlandes
geopfert werden“ (Dr. Esselborn, Nieder-Beerbach, 1921)
Der
Altar der Kirche war der Heiligen. Katharina geweiht, wie sich aus
einer Verleihungsurkunde Philipps von Frankenstein aus dem Jahr
1560 ergibt. 1614 wurde ein neuer Altar geweiht. Ein Dokument
darüber wurde in Form eines schmalen Pergamentzettels in
einem Gläschen beim Umbau 1737 entdeckt. Bei diesem Umbau
wurde die Kirche von Grund auf erneuert, wobei die Gemeinde das
nötige Holz lieferte, alle übrigen Kosten dagegen durch
eine Kirchenkollekte im ganzen Land gedeckt wurden. Der Umbau
wirkte sich recht vorteilhaft für das Innere des Gotteshauses
aus. Schwerfällige steinerne Chorpfeiler wurden durch
gefälligere hölzerne ersetzt, aber auch der kaum mehr
als hundertjährige Altar. Auf diese grundhafte Sanierung des
Gotteshauses soll das heutige Nieder-Beerbacher Kirchweihfest
zurückgehen.
Die Vergrößerung der fünf
Kirchenfenster unterstrich das neue freundliche Klima im
Kirchenschiff, sie erhielten zum Schutz gegen Wind und Wetter
sogar Fensterläden. Tauftisch und Kanzel wurden gleichfalls
neu hergerichtet, eine Orgel für 100 Gulden gekauft –
„und ein besonderer Stuhl für die Frau Pfarrerin
hergerichtet“ (Scriba). Die Orgel wurde schon 1837 wieder
ersetzt.
Das stattliche Pfarrhaus neben der Kirche wurde
1841 gegen eine Hofreite im Dorf vertauscht.
Eine weitere
Grunderneuerung erfuhr die Kirche 1862, weil Bodenfeuchtigkeit an
dem tief in der Erde steckenden Mauerwerk und dem Gestühl
Schäden verursacht hatten. Das kam fast einem Neubau des
gesamten Kirchenschiffes gleich. Die Kirche wurde bis auf den Turm
abgetragen und neu aufgebaut sowie am 2. Weihnachtsfeiertag 1862
feierlich eingeeiht.
Bei einer Erneuerung 1922 gestaltete
der bekannte Kirchenmaler Velte (Nieder-Ramstadt) das Innere der
Kirche künstlerisch neu. Die letzten größeren
Erneuerungen im Innern erfuhr das Gotteshaus schließlich
anlässlich des Jubiläums der Burg Frankenstein 1952
sowie im Jahr 1977.
Die Grabdenkmäler
Bei
den Umbauten und Erneuerungen wurde wenig Rücksicht auf die
Grabmale der Frankensteiner an den Innenwänden und auf dem
Fußboden genommen. Sie wurden entweder beseitigt oder an die
westliche Außenwand verlegt.
Von mehreren
Grabdenkmälern der Herrschaftsfamilie auf der Burg
Frankenstein bewahrt die Nieder-Beerbacher Kirche nur noch drei:
Das Grabmal Philipps des Alten (gestorben 1443) und der Anna
Elisabeth von Frankenstein, einer Tochter eines jüngeren
Philipps v. Frankenstein (gestorben 1566). Das dritte,
künstlerisch beachtenswerte Grabmal der Frankensteiner,
nämlich des Ritters Georg von Frankenstein (gest. 1531), von
dem die bekannte Sage berichtet, wurde bei der Restaurierung 1922
ins Kircheninnere versetzt.
Bemerkenswert ist eine in die
Kirchhofsmauer eingelassene Steintafel mit dem eingemeißelten
Spruch: "Vile so unter der Erde schloffen liegen, werden
ufferstehen; etliche zum ewigen Leben, etliche zur ewigen Schmach
und Schande. Dan. 12 Kap." Die Tafel hatte bis zum Umbau 1862
zusammen mit dem Mal von Anna Elisabeth ihren Platz im
Kircheninnern
Ein viertes Grabmal aus der
Nieder-Beerbacher Kirche, das prächtigste, nämlich das
lebensgroße Alabasterstandbild des Ritters Philipp Ludwig
(gest. 1602), wurde1851 in die wiederaufgebaute Burgkapelle
versetzt. Philipp Ludwig war am 20. Mai im Alter von 21 Jahren auf
dem Wege vom Frankenstein nach Seeheim mit Pferden und Wagen in
einen Abgrund geschleudert und tödlich verletzt
worden.
Kirchspiel und Parochie
Nieder-Beerbachs
Kirche war zumindest von 1560 an Filialkirche für Malchen und
in einer Parochie verbunden mit Ober-Beerbach, dem seinerseits die
Filialorte Schmal-Beerbach, Steigerts und Stettbach sowie die
Weiler Wallhausen (ehem. Ziegelschall) und Hainzerklingen
zugehörten. Nieder-Beerbach war Wohnsitz des Pfarrers.
Das
Kirchspiel war vor der Reformation dem St. Viktorstift in Mainz
unterstellt unter dem Patronat der Herren von Frankenstein. 1882
wurde die Parochie aufgelöst. Dass seit Mitte des 19. Jh. mit
Frankenhausen ein Kirchspiel bestehe, ist falsch: Frankenhausen
ist ebenso eigenständige Kirchengemeinde wie Nieder-Beerbach.
Beide bilden vielmehr eine Parochie, d.h. der jeweilige Pfarrer
verwaltet beide Gemeinden in Personalunion.
Die
Turmbekrönung
Karl Schwinn (†), namhafter
Volkskundler aus Reichelsheim, hat die Turmkrone gezeichnet und in
seinem Buch über „Alte Sinnbilder auf hohen Türmen“
(Verlag Marga Hoseman Mörlenbach, 1985) abgebildet wie rechts
wiedergegeben: Dazu schreibt er:
„Der senkrechte
Schaft des Kreuzes ist aus drei, der waagrechte Balken aus zwei
Stäben zusammengesetzt. Sie sind durch leicht gebogene Bänder
verstrebt. Die drei oberen Arme sind an den Enden lilienartig
verziert. Den Rautenseiten sind nach innen kleine Dreiecke
aufgesetzt. Die um den Mittelpunkt herum gruppierten Dreiecke
bilden paarweise vier Rauten. Das Kreuz sitzt unmittelbar über
dem Knopf. Auf der Spitze befindet sich ein Hahn.“
Der
Kirchhof und der Karner
Begräbnisstätte für
die Dorfbewohner waren seit alter Zeit die Kirchhöfe der
Pfarrkirchen, so auch in Nieder-Beerbach. Wenn eine Weiterbelegung
nicht mehr möglich war, nahm man die Skelette der
Vorbestattungen aus dem Grab und überführte sie in das
Beinhaus, den Karner. Diese Karner wurden in den evangelischen
Gegenden nach der Reformation aufgegeben. Aus der bekannten
Reichenbacher Chronik (1599 – 1620) wissen wir, dass am 16.
Juli 1611 „die Totenbein zu Beerbach begraben worden“.
Das Nieder-Beerbacher Beinhaus wurde also aufgelöst und die
Gebeine begraben. Die Chronik hält sorgfältig fest,
„dass keine Predigt bei solcher Sepultur (= Bestattung)
gehalten ward“.
Wieso berichtet die Reichenbacher
Chronik von der Auflösung des Nieder-Beerbacher Beinhauses?
Die Antwort schreibt der Reichenbacher Pfarrer zwei Jahre später:
Vierzehn Tage vor Michaelis (29. Sept.) 1613 sind der
Nieder-Beerbacher Pfarrer Johann Waldschmidt und seine Frau an der
Pest gestorben. Folglich hat in Nieder-Beerbach die Post gewütet,
so dass der Reichenbacher Pfarrer das eine oder andere
Amtsgeschäft in Nieder-Beerbach zu vollziehen hatte.
In
der Reichenbacher Chronik ist sogar weiter zu lesen, dass ein
Plaustrarius, Pfarrer aus Beedenkirchen, „eine Abfuhr
erlitt“, also seine Bewerbung abgewiesen wurde. „Dran
gekommen“ ist dagegen Leonhardus Crispinus, bis dahin
Pfarrer in Gräfenhausen. Der Gemeinde in Nieder-Beerbach ist
er am Vierten Advent 1613 vorgestellt worden.
Der
Gottesacker um die Kirche wurde 1842 geschlossen in einer Zeit, in
der allgemein Friedhöfe aus vermeintlich hygienischen Gründen
aus der Dorfmitte vor das Dorf verlegt worden sind. Zeitzeugen aus
der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wissen, daß bei
Schachtarbeiten zur Fundamentierung einer neuen Stütz- und
Einfriedigungsmauer große Mengen an Resten menschlicher
Gebeine gefunden wurden, offenbar ein Teil des Massengrabes, in
dem die Überreste aus dem aufgelösten Karner bestattet
wurden.
|
Text: Volker
Teutschländer
Quellen: Pfarrer Dr. Heinrich Eduard
Scriba (1853)
Dr. Karl Esselborn (1921)
Denkmaltopografie
für den Landkreis Darmstadt-Dieburg (1988)
Karl
Schwinn „Alte Sinnbilder auf hohen Türmen“ (Verlag
Marga Hosemann Mörlenbach, 1985)
Jakob
Reiß Darmstädter Echo
(Kreisblatt) 3.8.1977

Zurück
zu




Ansicht
vor und nach der umgebenden Wohnbebauung der Nachkriegszeit,die
die Sicht auf die schöne Schlichtheit der Kirche stört

Vor
dem Portal nach dem beschwerlichen Aufstieg vom Dorf

Die
Nordwand der Kirche mit Grabmalen der Frankensteiner im
Hintergrund und Denkmäler des 1842 aufgelassenen Friedhofs
auf dem Kirchhof

Grabmal
Philipps des Alten, gest. 1443

und
Anna Elisabeth, gest. 1566

Ritter
Georg im Innern der Kirche, gestorben 1531. Der zu seinen
Füßen abgebildete Drachen nimmt Bezug auf seinen
Namenspatron, den Heiligen Georg, und ist wohl Ursprung der Sage
vom „Ritter Schorsch vom Frankenstein“.

Das
ehemalige Pfarrhaus von 1727


Die
Turmbekrönung
|