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Geschichte > Nieder-Beerbach

Stand: 11.08.2011

 

 

 




 

Die Kirche zu Nieder-Beerbach 


Die Dorfkirche – wie im Odenwald häufig, so auch in der Nachbarschaft in Nieder-Ramstadt und in Frankenhausen – steht auf der höchsten Stelle des alten Dorfes. Zur Kirche gelangt man aufwärts über den Kirchweg ab der Dorflinde, unter der einst die Frankensteiner Herren Hain- und Rügengericht hielten und wo bis 1819 in der „Betzenkammer“ die Tunichtgute eingesperrt wurden.

Ein kirchliches Gebäude besaß Nieder-Beerbach bereits im 14. Jahrhundert. Die älteste urkundliche Erwähnung hat einen recht bösen Anlass: Am 26. Nov. 1385 trug das Mainzer geistliche Gericht dem Archivpresbyter (Dekan) zu Bensheim und den Plebanen (Leutpriestern und Inhabern der Pfarrstellen) zu Zwingenberg und und Bickenbach auf, den Ritter Schenk Eberhard zu Erbach und die Gebrüder Wilhelm und Gerhard gen. Rauch mit einer Entschädigungssumme von 60 Goldgulden zu belegen und solche im Weigerungsfalle vor ihr Gericht zu laden „wegen ihren an dem Nieder-HerbacherPleban Johannes Montze begangenen Gewalttätigkeiten und Verbrennung seiner Kirche“.

Nach der mutwilligen Zerstörung muß die Kirche alsbald wieder aufgebaut worden sein: Bauherren der Pfarrkirche waren die Herren von Frankenstein, deren jüngere Linie in ihr auch ihre letzte Ruhe fand – die ältere Linie dagegen in der Eberstädter Kirche. Aus dieser Zeit stammt das Schiff der jetzigen Kirche, da der um 1404 bis 1433 erscheinende Philipp d.Ä. von Frankenstein schon in ihr beerdigt wurde. Der Turm dagegen, welcher den byzanthinischen Baustil an sich trägt, stammt wohl noch von der alten Kirche her.

Ältester erhaltener Teil der Kirche ist der quadratische gotische Chorturm mit verschieferter Glockenstube, über der sich ein achtseitiger eingezogener Spitzhelm erhebt. Hier läuten seit 1402 bzw. 1480 die Marien- und die Hosiannaglocke zum Gebet und zu den Gottesdiensten. Die 1753 gegossene Glocke war gesprungen und musste im Ersten Weltkrieg „auf dem Altar des Vaterlandes geopfert werden“ (Dr. Esselborn, Nieder-Beerbach, 1921)

Der Altar der Kirche war der Heiligen. Katharina geweiht, wie sich aus einer Verleihungsurkunde Philipps von Frankenstein aus dem Jahr 1560 ergibt. 1614 wurde ein neuer Altar geweiht. Ein Dokument darüber wurde in Form eines schmalen Pergamentzettels in einem Gläschen beim Umbau 1737 entdeckt. Bei diesem Umbau wurde die Kirche von Grund auf erneuert, wobei die Gemeinde das nötige Holz lieferte, alle übrigen Kosten dagegen durch eine Kirchenkollekte im ganzen Land gedeckt wurden. Der Umbau wirkte sich recht vorteilhaft für das Innere des Gotteshauses aus. Schwerfällige steinerne Chorpfeiler wurden durch gefälligere hölzerne ersetzt, aber auch der kaum mehr als hundertjährige Altar. Auf diese grundhafte Sanierung des Gotteshauses soll das heutige Nieder-Beerbacher Kirchweihfest zurückgehen.

Die Vergrößerung der fünf Kirchenfenster unterstrich das neue freundliche Klima im Kirchenschiff, sie erhielten zum Schutz gegen Wind und Wetter sogar Fensterläden. Tauftisch und Kanzel wurden gleichfalls neu hergerichtet, eine Orgel für 100 Gulden gekauft – „und ein besonderer Stuhl für die Frau Pfarrerin hergerichtet“ (Scriba). Die Orgel wurde schon 1837 wieder ersetzt.

Das stattliche Pfarrhaus neben der Kirche wurde 1841 gegen eine Hofreite im Dorf vertauscht.

Eine weitere Grunderneuerung erfuhr die Kirche 1862, weil Bodenfeuchtigkeit an dem tief in der Erde steckenden Mauerwerk und dem Gestühl Schäden verursacht hatten. Das kam fast einem Neubau des gesamten Kirchenschiffes gleich. Die Kirche wurde bis auf den Turm abgetragen und neu aufgebaut sowie am 2. Weihnachtsfeiertag 1862 feierlich eingeeiht.

Bei einer Erneuerung 1922 gestaltete der bekannte Kirchenmaler Velte (Nieder-Ramstadt) das Innere der Kirche künstlerisch neu. Die letzten größeren Erneuerungen im Innern erfuhr das Gotteshaus schließlich anlässlich des Jubiläums der Burg Frankenstein 1952 sowie im Jahr 1977.

Die Grabdenkmäler

Bei den Umbauten und Erneuerungen wurde wenig Rücksicht auf die Grabmale der Frankensteiner an den Innenwänden und auf dem Fußboden genommen. Sie wurden entweder beseitigt oder an die westliche Außenwand verlegt.

Von mehreren Grabdenkmälern der Herrschaftsfamilie auf der Burg Frankenstein bewahrt die Nieder-Beerbacher Kirche nur noch drei: Das Grabmal Philipps des Alten (gestorben 1443) und der Anna Elisabeth von Frankenstein, einer Tochter eines jüngeren Philipps v. Frankenstein (gestorben 1566). Das dritte, künstlerisch beachtenswerte Grabmal der Frankensteiner, nämlich des Ritters Georg von Frankenstein (gest. 1531), von dem die bekannte Sage berichtet, wurde bei der Restaurierung 1922 ins Kircheninnere versetzt.

Bemerkenswert ist eine in die Kirchhofsmauer eingelassene Steintafel mit dem eingemeißelten Spruch: "Vile so unter der Erde schloffen liegen, werden ufferstehen; etliche zum ewigen Leben, etliche zur ewigen Schmach und Schande. Dan. 12 Kap." Die Tafel hatte bis zum Umbau 1862 zusammen mit dem Mal von Anna Elisabeth ihren Platz im Kircheninnern

Ein viertes Grabmal aus der Nieder-Beerbacher Kirche, das prächtigste, nämlich das lebensgroße Alabasterstandbild des Ritters Philipp Ludwig (gest. 1602), wurde1851 in die wiederaufgebaute Burgkapelle versetzt. Philipp Ludwig war am 20. Mai im Alter von 21 Jahren auf dem Wege vom Frankenstein nach Seeheim mit Pferden und Wagen in einen Abgrund geschleudert und tödlich verletzt worden.

Kirchspiel und Parochie

Nieder-Beerbachs Kirche war zumindest von 1560 an Filialkirche für Malchen und in einer Parochie verbunden mit Ober-Beerbach, dem seinerseits die Filialorte Schmal-Beerbach, Steigerts und Stettbach sowie die Weiler Wallhausen (ehem. Ziegelschall) und Hainzerklingen zugehörten. Nieder-Beerbach war Wohnsitz des Pfarrers.

Das Kirchspiel war vor der Reformation dem St. Viktorstift in Mainz unterstellt unter dem Patronat der Herren von Frankenstein. 1882 wurde die Parochie aufgelöst. Dass seit Mitte des 19. Jh. mit Frankenhausen ein Kirchspiel bestehe, ist falsch: Frankenhausen ist ebenso eigenständige Kirchengemeinde wie Nieder-Beerbach. Beide bilden vielmehr eine Parochie, d.h. der jeweilige Pfarrer verwaltet beide Gemeinden in Personalunion.

Die Turmbekrönung

Karl Schwinn (†), namhafter Volkskundler aus Reichelsheim, hat die Turmkrone gezeichnet und in seinem Buch über „Alte Sinnbilder auf hohen Türmen“ (Verlag Marga Hoseman Mörlenbach, 1985) abgebildet wie rechts wiedergegeben: Dazu schreibt er:

„Der senkrechte Schaft des Kreuzes ist aus drei, der waagrechte Balken aus zwei Stäben zusammengesetzt. Sie sind durch leicht gebogene Bänder verstrebt. Die drei oberen Arme sind an den Enden lilienartig verziert. Den Rautenseiten sind nach innen kleine Dreiecke aufgesetzt. Die um den Mittelpunkt herum gruppierten Dreiecke bilden paarweise vier Rauten. Das Kreuz sitzt unmittelbar über dem Knopf. Auf der Spitze befindet sich ein Hahn.“

Der Kirchhof und der Karner

Begräbnisstätte für die Dorfbewohner waren seit alter Zeit die Kirchhöfe der Pfarrkirchen, so auch in Nieder-Beerbach. Wenn eine Weiterbelegung nicht mehr möglich war, nahm man die Skelette der Vorbestattungen aus dem Grab und überführte sie in das Beinhaus, den Karner. Diese Karner wurden in den evangelischen Gegenden nach der Reformation aufgegeben. Aus der bekannten Reichenbacher Chronik (1599 – 1620) wissen wir, dass am 16. Juli 1611 „die Totenbein zu Beerbach begraben worden“. Das Nieder-Beerbacher Beinhaus wurde also aufgelöst und die Gebeine begraben. Die Chronik hält sorgfältig fest, „dass keine Predigt bei solcher Sepultur (= Bestattung) gehalten ward“.

Wieso berichtet die Reichenbacher Chronik von der Auflösung des Nieder-Beerbacher Beinhauses? Die Antwort schreibt der Reichenbacher Pfarrer zwei Jahre später: Vierzehn Tage vor Michaelis (29. Sept.) 1613 sind der Nieder-Beerbacher Pfarrer Johann Waldschmidt und seine Frau an der Pest gestorben. Folglich hat in Nieder-Beerbach die Post gewütet, so dass der Reichenbacher Pfarrer das eine oder andere Amtsgeschäft in Nieder-Beerbach zu vollziehen hatte.

In der Reichenbacher Chronik ist sogar weiter zu lesen, dass ein Plaustrarius, Pfarrer aus Beedenkirchen, „eine Abfuhr erlitt“, also seine Bewerbung abgewiesen wurde. „Dran gekommen“ ist dagegen Leonhardus Crispinus, bis dahin Pfarrer in Gräfenhausen. Der Gemeinde in Nieder-Beerbach ist er am Vierten Advent 1613 vorgestellt worden.

Der Gottesacker um die Kirche wurde 1842 geschlossen in einer Zeit, in der allgemein Friedhöfe aus vermeintlich hygienischen Gründen aus der Dorfmitte vor das Dorf verlegt worden sind. Zeitzeugen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wissen, daß bei Schachtarbeiten zur Fundamentierung einer neuen Stütz- und Einfriedigungsmauer große Mengen an Resten menschlicher Gebeine gefunden wurden, offenbar ein Teil des Massengrabes, in dem die Überreste aus dem aufgelösten Karner bestattet wurden.

 

Text:
Volker Teutschländer

Quellen:
Pfarrer Dr. Heinrich Eduard Scriba (1853)

Dr. Karl Esselborn (1921)

Denkmaltopografie für den
Landkreis Darmstadt-Dieburg
(1988)

Karl Schwinn
„Alte Sinnbilder auf hohen Türmen“
(Verlag Marga Hosemann Mörlenbach, 1985)

Jakob Reiß
Darmstädter Echo (Kreisblatt)
3.8.1977




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Ansicht vor und nach der umgebenden Wohnbebauung der Nachkriegszeit,die die Sicht auf die schöne Schlichtheit der Kirche stört



Vor dem Portal nach dem beschwerlichen Aufstieg vom Dorf



Die Nordwand der Kirche mit Grabmalen der Frankensteiner im Hintergrund und Denkmäler des 1842 aufgelassenen Friedhofs auf dem Kirchhof



Grabmal Philipps des Alten, gest. 1443



und Anna Elisabeth, gest. 1566



Ritter Georg im Innern der Kirche,
gestorben 1531.
Der zu seinen Füßen abgebildete Drachen nimmt Bezug auf seinen Namenspatron, den Heiligen Georg, und ist wohl Ursprung der Sage vom „Ritter Schorsch vom Frankenstein“.



Das ehemalige Pfarrhaus von 1727





Die Turmbekrönung