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Geschichte > Nieder-Beerbach

 

 


 

Die Post

Wie in vielen Ortschaften in ähnlicher Größe beklagen die Einwohner Nieder-Beerbachs, daß die Ausstattung mit Einzelhandelsgeschäften je mehr ausgedünnt wurde, desto mehr sich das Dorf mit seiner gewachsenen örtlichen Gemeinschaft zur überwiegenden Wohngemeinde veränderte. Arbeitnehmer pendeln in die Arbeitsstätten außerhalb ihrer Wohngemeinde und besorgen dort auch ihre Einäufe der täglichen Daseinsvorsorge. Einzelhändlern ist nicht zu verdenken, wenn sie ihre Geschäfte aufgeben, weil die Umsätze keinen Gewinn mehr abwerfen, der ihre Arbeit lohnen würde.

Ein anderes Geschäftsziel hatte die selige Deutsche Bundespost, die – nicht immer zur Zufriedenheit – eine flächendeckende Bedienung und Versorgung der Bevölkerung als hoheitliche Aufgabe hatte. Seit Post von einem Privatunternehmen betrieben wird und nach Gewinn strebt, der in Odenwalddörfern wie Nieder-Beerbach schwerlich zu erzielen ist, kommt zur Ausdünnung der Versorgung mit den Dingen des täglichen Bedarfs die Vernächlässigung der Postversorgung hinzu.

Freilich, bis 1918 gab es in Nieder-Beerbach auch keine eigene Postdienststelle. Aber: Der Briefträger aus Eberstadt kam zweimal täglich zu Fuß über den Frankenstein, um die seinerzeit bestimmt wenigen Briefe an die 825 Nieder-Beerbacher auszutragen! Erst dann entstand die erste Poststelle in der Gemischtwarenhandlung Stüber in der Untergasse 14. Die Gastwirtschaft im gleichen Hause firmierte nun als „Gasthaus zur Post“.Spätere Posthaltereien waren in der Obergasse 6, in der Bachgasse (jetzt Ludwig-Bauer-Straße) 3 und in der Mühlstraße 31.

Bis 1998 fühlte sich Nieder-Beerbach auch vom inzwischen gewinnorientierten Privatunernehmen ordentlich betreut – gerade 80 Jahre fühlte sich die Post den Menschen auf dem Land verpflichtet. Von einem auf den anderen Tag am 14. März kündigte die Post den kleinen Schalterraum, und für Nieder-Beerbach gab es nur noch Postdienst „im Vorbeifahren“, indem der Briefträger das eine oder andere kleine Postgeschäft mit erledigte („Mobiler Postservice“).

Adam Breitwiesers besondere Protestaktion von damals ging in die örtliche Geschichte ein, die „Beerdigung“ eines weiteren Stücks kommunaler Identität Nieder-Beerbachs. Seine Trauerrede im Don-Camillo-ähnlichen Gewandt vor zahlreichem Publikum begleiteten Uwe Keller als Polizeidiener in Uniform und Ortsschelle und Helmut Fertig – der bekannte Musikant und wirkliche Briefträger – als Postbote mit üppigem Trauerkranz mit Schleifen: „Die Mir kreist um die Erde, Nieder-Beerbach fällt ins Zeitalter der Postkutsche zurück“.

Inzwischen gibt es wieder eine Postfiliale. Und mehrere Einzelhändler bemühen sich mit Erfolg, eine Versorgung vor Ort aufrecht zu erhalten.

Stand: 24.05.2011

Text:
Volker Teutschländer

Quelle:
Adam Breitwieser