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Geschichte > Nieder-Ramstadt > das Ortsbild

Stand: 14.10.2011

 

 

 


 

Das Schilbach-Bild

Das bekannte Aquarell von Johann Heinrich Schilbach ist die älteste nahezu fotogetreue Abbildung aus der Nieder-Ramstädter Ortsmitte. Es befindet sich im Hess. Landesmuseum Darmstadt. Auch diese Abbildung aus dem Jahre 1820 zeugt bereits von dem unbekümmerten Umgang mit alter Bausubstanz in Nieder-Ramstadt, wie er in den 1970er und 1980er Jahren zu einer wahren Abbruchorgie in dem erhaltenswerten Ortskern geführt hat.

Der Maler

Johann Heinrich Schilbach, geboren 1798 in Barchfeld; gestorben am 1851 in Darmstadt, wird als einer der bekanntesten Maler der Darmstädter Romantik genannt. Schilbach war Schüler des Theatermalers Johann Georg Primavesi. Ein Stipendium des Großherzogs Ludwig I. ermöglichte ihm einen Italien-Aufenthalt, während dem er mehrere deutsche Maler kennenlernte. In Rom wurde er ein gefragter Maler italienischer Landschaften und Stadtansichten. Ludwig berief Schilbach jedoch 1828 zurück, damit er die Stelle einess Hoftheatermalers als Nachfolger von Georg Primavesi antrete.

Schilbachs stärkste Neigung galt der reinen Landschaft und seiner Liebe zur heimischen Natur. In einem Brief an einen Künstlerfreund (Felsing) schrieb er 1827, nachdem er schon vier Jahre in Rom gearbeitet hatte: „Ach, lieber Jacob, unsere Züge in den Odenwald, Auerbachs Schloß, Erbach, Otzberg, Nieder-Ramstadt, Felsberg, Rothenstein, die sind mir so lieb wie eine Reise nach Neapel.“ Lassen ursprüngliche Arbeiten noch Primavesis Stil erkennen, so zeigt besonders das Aquarell von Nieder-Ramstadt die persönliche Handschrift und mehr und mehr die Eigenart des jungen Malers (nach „Volk und Scholle“, Gisela Bergsträßer, etwa 1920).

In Niederramstadt, 1820“

Der mächtige Turm der Kirche auf dem höchsten Punkt des alten Dorfes beherrscht das Motiv, von dem es frühestens 80 Jahre später Fotografien gibt. Bis dahin hat sich das Ortsbild hier in der Mitte schon deutlich verändert. Schilbach malt detailgetreu die Baulichkeiten in einem romantischen Dorfkern. Inwieweit er von seinem Recht auf künstlerische Freiheit Gebrauch gemacht hat, bedürfte einiger mühsamer Archivarbeit.

Zur Orientierung: Wir schauen aus der Kesselgasse auf die ortsbildprägende Kirche auf dem höchsten Punkt des Dorfes. Die Kesselgasse heißt heute Ober-Ramstädter Straße. Warum nur? Der Name Kesselgasse hatte seinen Ursprung in einer von vielen geschichtlichen Begebenheit, die vor der gänzlichen Vergessenheit hätten bewahrt werden können.

Die Sonne steht im Westen, wie die langen Schatten zeigen, also ist es später Nachmittag. Die hohe Giebelwand mit dem Torbogen rechts gehört zu einer Hofreite etwa auf dem Standort des „Zollhauses“, des schönen (1966 abgebrochenen) Fachwerkhauses, der Schmiede der Familie Geibel. Hier steht heute das Rathaus als Teil des Bürgerzentrums. Nach (südlich) dieser Hofreite, fällt Licht ungehindert in die schattige Gasse, weil dort die Fahrgasse einmündet, und zwar über den recht großen Platz, den Schilbach nur andeuten kann, dort nämlich, wo die Gasthäuser Linde und Löwen standen sowie die alte Schule am Schulbuckel.

Bleiben wir auf der rechten Straßenseite: Im Hintergrund springt das Fachwerk des Gasthauses Römer ins Auge, eine der wenigen markanten Häuser des alten Nieder-Ramstadts, die den Abbruchsturm 1960/1970 überlebt haben, wenn auch nicht als die bekannte Apfelweinwirtschaft.

Kilianshaus, Kirche, Rathaus

Die Pforte am linken Bildrand (man beachte den Klopfring, mit dem man vor der Zeit elektrischer Sprechanlagen Einlaß begehren konnte) ist nach links gewendet. Das deutet die Einfahrt zur Münstergasse an, damals als Durchgangsstraße von Nieder-Modau und dem Modautal über Nieder-Ramstadt Richtung Bergstraße sehr bedeutend. Das Haus mit dem Mansarddach und dem Krüppelwalm nennt Hans Rauch in der Chronik von 1988 „das Stammhaus der Kilians“. Es ist dem Straßenbau 1838/40 zum Opfer gefallen.

Georg Wendel Kilian aus der großen Sippe der Kilians hat 1905 der Gemeinde ein stattliches Erbe hinterlassen. Gegenüber dem Kilianshaus hat die Gemeinde den letzten Willen Kilians erfüllt und 1912 das markante Monument errichtet, das 1966 ebenfalls dem „Ortsbildsturm“ zum Opfer gefallen ist.

Wo das Kilianshaus stand, steht heute etwa das frühere Gasthaus Darmstädter Hof, von dem die Metzgerei Knapp übrig geblieben ist. Zwischen Knapp und der Kirche erhebt sich auch heute eine mächtige Stützmauer, die den östlichen Hang zur Dorfmitte abfängt. Bis Ende des 19. Jh. wurden oberhalb der Stützmauer die Verstorbenen aus dem Kirchspiel Nieder-Ramstadt, Traisa und Waschenbach bestattet. Heute steht auf dem gewesenen Gottesacker der evangelische Kindergarten.

Kirchhofsmauer und Turm stehen zu Schilbachs Zeit in einer Flucht und geben den Blick von der Kesselgasse zum Rathaus und in die Untergasse (Kirchstraße) frei. Das war möglich, weil die Kesselgasse weit nach Westen ausholte, um das Areal der Kirche zu umgreifen.

Der stattliche Kirchenbau beherrscht das alte Ortsbild. Von dem um die Mitte des 15. Jahrhunderts errichteten Kirchenbau ist der spätgotische Chor noch erhalten, dessen First höher liegt als der des Langhauses. Die äußere Form der heutigen Kirche geht auf einen Umbau in den Jahren 1605/06 zurück.

Der vor der Friedhofsmauer sichtbare Aufgang führt am Kirchturm vorbei zum (nicht sichtbaren) Portal der Kirche und zu den Arkaden im Rathaus. Es war wohl ein nicht unattraktives Haus aus dem Jahre 1729. Das Fenster rechts des Rathausportals ist schon als Nische mit einer künstlerischen Skulptur gedeutet worden. Bei genauem Hinsehen unterschlägt Schilbach aber nicht die Gitterstäbe vor dem Fensterchen. Wie üblich hatte also auch Nieder-Ramstadt eine Betzenkammer (Gefängnis) an zentralem Platz, in die das vergitterte Fenster mehr Einblick für Passanten, denn Ausblick für den Missetäter bot, der in seinem Verlies solchermaßen zur Schau gestellt wurde.

Der Schlußstein im Arkadengewölbe des Rathauses mit Sandstein-Relief des Gemeindewappens soll im wenig attraktiven Nachfolgebau erhalten worden sein, hat aber dessen Abbruch 1966 nicht überlebt. Das Rathaus springt deutlich in den Straßenkörper hinein und wird wohl deshalb das erste der vielen Opfer gewesenn sein, die Nieder-Ramstadt dem Durchgangsverkehr gebracht hat. Durch seinen Abbruch wurde die Fahrbahn frei in die Untergasse (heute Kirchstraße), den wohl ältesten Teil Nieder-Ramstadts, in die Schilbach einen kleinen Blick gewährt.

Kilianshaus, Kirchhofsmauer, Kirchenaufgang, Kirchenportal und Rathaus von 1729 sind allesamt dem Bau 1838 der Provinzialstraße 1838 bis 1840 nach Ober-Ramstadt im Osten und nach Eberstadt zum Opfer gefallen. Bis dahin endeten die Kesselgasse und die Untergasse am Ortsrand, und nur Feldwege führten – wegen des Modaulaufes teilweise recht umständlich - in die Nachbargemeinden.

Der Nachfolgebau des 1838/40 geschleiften Rathauses wurde in der Straßenflucht bündig mit dem Kirchturm gesetzt, also nicht mehr hineinragend in die Fahrbahn. Er diente der Gemeindeverwaltung am Amtsgebäude, bis die Gemeinde 1908 dafür (und für die Einrichtung eines Elektrizitätswerkes) die Brückenmühle erwarb. Dieses „alte Rathaus“, wie es in der Bevölkerung noch ein Begriff ist, diente danach unterschiedlichen öffentlichen Zwecken, der Rathaussaal verschiedentlich auch dem Schulunterricht. Auch der schmucke Pferdewagen, mit dem die seinerzeit die Verstorbenen zur Bestattung gebracht wurden, hatte hier seine Unterkunft.

Text:
Volker Teutschländer





Johann Heinrich Schilbach Bleistiftzeichnung von August Hopfgarten, 1827/28
(aus Wiki)





Als Grafik eines unbekannten Künstlers dem Schilbach-Bild nachempfunden findet sich das Motiv häufig in Nieder-Raumstadt



Die ähnliche Motiv knapp 100 Jahre später:
Das Ensemble mit Kirchhofmauer, Aufgang zum Kirchenportal und Rathaus ist mit dem Bau der Ortsdurchfahrtsstraße 1838/40 verschwunden. Die Fahrbahn ist unmittelbar an eine neue Kirchhofsmauer und den Kirchturm gerückt.



1912 entstand unter der Friedenslinde das mächtige Monument für die Opfer des Krieges 1870/71