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Das
Schilbach-Bild
Das bekannte Aquarell von
Johann Heinrich Schilbach ist die älteste nahezu
fotogetreue Abbildung aus der Nieder-Ramstädter Ortsmitte.
Es befindet sich im Hess. Landesmuseum Darmstadt. Auch diese
Abbildung aus dem Jahre 1820 zeugt bereits von dem unbekümmerten
Umgang mit alter Bausubstanz in Nieder-Ramstadt, wie er in den
1970er und 1980er Jahren zu einer wahren Abbruchorgie in dem
erhaltenswerten Ortskern geführt hat.
Der
Maler
Johann Heinrich Schilbach, geboren 1798 in
Barchfeld; gestorben am 1851 in Darmstadt, wird als einer der
bekanntesten Maler der Darmstädter Romantik genannt.
Schilbach war Schüler des Theatermalers Johann Georg
Primavesi. Ein Stipendium des Großherzogs Ludwig I.
ermöglichte ihm einen Italien-Aufenthalt, während dem
er mehrere deutsche Maler kennenlernte. In Rom wurde er ein
gefragter Maler italienischer Landschaften und Stadtansichten.
Ludwig berief Schilbach jedoch 1828 zurück, damit er die
Stelle einess Hoftheatermalers als Nachfolger von Georg
Primavesi antrete.
Schilbachs stärkste Neigung galt
der reinen Landschaft und seiner Liebe zur heimischen Natur. In
einem Brief an einen Künstlerfreund (Felsing) schrieb er
1827, nachdem er schon vier Jahre in Rom gearbeitet hatte: „Ach,
lieber Jacob, unsere Züge in den Odenwald, Auerbachs
Schloß, Erbach, Otzberg, Nieder-Ramstadt, Felsberg,
Rothenstein, die sind mir so lieb wie eine Reise nach Neapel.“
Lassen ursprüngliche Arbeiten noch Primavesis Stil
erkennen, so zeigt besonders das Aquarell von Nieder-Ramstadt
die persönliche Handschrift und mehr und mehr die Eigenart
des jungen Malers (nach „Volk und Scholle“, Gisela
Bergsträßer, etwa 1920).
„In
Niederramstadt, 1820“
Der mächtige Turm
der Kirche auf dem höchsten Punkt des alten Dorfes
beherrscht das Motiv, von dem es frühestens 80 Jahre später
Fotografien gibt. Bis dahin hat sich das Ortsbild hier in der
Mitte schon deutlich verändert. Schilbach malt detailgetreu
die Baulichkeiten in einem romantischen Dorfkern. Inwieweit er
von seinem Recht auf künstlerische Freiheit Gebrauch
gemacht hat, bedürfte einiger mühsamer
Archivarbeit.
Zur Orientierung: Wir schauen aus der
Kesselgasse auf die ortsbildprägende Kirche auf dem
höchsten Punkt des Dorfes. Die Kesselgasse heißt
heute Ober-Ramstädter Straße. Warum nur? Der Name
Kesselgasse hatte seinen Ursprung in einer von vielen
geschichtlichen Begebenheit, die vor der gänzlichen
Vergessenheit hätten bewahrt werden können.
Die
Sonne steht im Westen, wie die langen Schatten zeigen, also ist
es später Nachmittag. Die hohe Giebelwand mit dem Torbogen
rechts gehört zu einer Hofreite etwa auf dem Standort des
„Zollhauses“, des schönen (1966 abgebrochenen)
Fachwerkhauses, der Schmiede der Familie Geibel. Hier steht
heute das Rathaus als Teil des Bürgerzentrums. Nach
(südlich) dieser Hofreite, fällt Licht ungehindert in
die schattige Gasse, weil dort die Fahrgasse einmündet, und
zwar über den recht großen Platz, den Schilbach nur
andeuten kann, dort nämlich, wo die Gasthäuser Linde
und Löwen standen sowie die alte Schule am
Schulbuckel.
Bleiben wir auf der rechten Straßenseite:
Im Hintergrund springt das Fachwerk des Gasthauses Römer
ins Auge, eine der wenigen markanten Häuser des alten
Nieder-Ramstadts, die den Abbruchsturm 1960/1970 überlebt
haben, wenn auch nicht als die bekannte
Apfelweinwirtschaft.
Kilianshaus, Kirche, Rathaus
Die
Pforte am linken Bildrand (man beachte den Klopfring, mit dem
man vor der Zeit elektrischer Sprechanlagen Einlaß
begehren konnte) ist nach links gewendet. Das deutet die
Einfahrt zur Münstergasse an, damals als Durchgangsstraße
von Nieder-Modau und dem Modautal über Nieder-Ramstadt
Richtung Bergstraße sehr bedeutend. Das Haus mit dem
Mansarddach und dem Krüppelwalm nennt Hans Rauch in der
Chronik von 1988 „das Stammhaus der Kilians“. Es ist
dem Straßenbau 1838/40 zum Opfer gefallen.
Georg
Wendel Kilian aus der großen Sippe der Kilians hat 1905
der Gemeinde ein stattliches Erbe hinterlassen. Gegenüber
dem Kilianshaus hat die Gemeinde den letzten Willen Kilians
erfüllt und 1912 das markante Monument errichtet, das 1966
ebenfalls dem „Ortsbildsturm“ zum Opfer gefallen
ist.
Wo das Kilianshaus stand, steht heute etwa das
frühere Gasthaus Darmstädter Hof, von dem die
Metzgerei Knapp übrig geblieben ist. Zwischen Knapp und der
Kirche erhebt sich auch heute eine mächtige Stützmauer,
die den östlichen Hang zur Dorfmitte abfängt. Bis Ende
des 19. Jh. wurden oberhalb der Stützmauer die Verstorbenen
aus dem Kirchspiel Nieder-Ramstadt, Traisa und Waschenbach
bestattet. Heute steht auf dem gewesenen Gottesacker der
evangelische Kindergarten.
Kirchhofsmauer und Turm
stehen zu Schilbachs Zeit in einer Flucht und geben den Blick
von der Kesselgasse zum Rathaus und in die Untergasse
(Kirchstraße) frei. Das war möglich, weil die
Kesselgasse weit nach Westen ausholte, um das Areal der Kirche
zu umgreifen.
Der stattliche Kirchenbau beherrscht das
alte Ortsbild. Von dem um die Mitte des 15. Jahrhunderts
errichteten Kirchenbau ist der
spätgotische Chor noch erhalten, dessen First höher
liegt als der des Langhauses. Die äußere Form
der heutigen Kirche geht auf einen Umbau in den Jahren 1605/06
zurück.
Der vor der Friedhofsmauer sichtbare
Aufgang führt am Kirchturm vorbei zum (nicht sichtbaren)
Portal der Kirche und zu den Arkaden im Rathaus. Es war wohl ein
nicht unattraktives Haus aus dem Jahre 1729. Das Fenster rechts
des Rathausportals ist schon als Nische mit einer künstlerischen
Skulptur gedeutet worden. Bei genauem Hinsehen unterschlägt
Schilbach aber nicht die Gitterstäbe vor dem Fensterchen.
Wie üblich hatte also auch Nieder-Ramstadt eine
Betzenkammer (Gefängnis) an zentralem Platz, in die das
vergitterte Fenster mehr Einblick für Passanten, denn
Ausblick für den Missetäter bot, der in seinem Verlies
solchermaßen zur Schau gestellt wurde.
Der
Schlußstein im Arkadengewölbe des Rathauses mit
Sandstein-Relief des Gemeindewappens soll im wenig attraktiven
Nachfolgebau erhalten worden sein, hat aber dessen Abbruch 1966
nicht überlebt. Das Rathaus springt deutlich in den
Straßenkörper hinein und wird wohl deshalb das erste
der vielen Opfer gewesenn sein, die Nieder-Ramstadt dem
Durchgangsverkehr gebracht hat. Durch seinen Abbruch wurde die
Fahrbahn frei in die Untergasse (heute Kirchstraße), den
wohl ältesten Teil Nieder-Ramstadts, in die Schilbach einen
kleinen Blick gewährt.
Kilianshaus, Kirchhofsmauer,
Kirchenaufgang, Kirchenportal und Rathaus von 1729 sind allesamt
dem Bau 1838 der Provinzialstraße 1838 bis 1840 nach
Ober-Ramstadt im Osten und nach Eberstadt zum Opfer gefallen.
Bis dahin endeten die Kesselgasse und die Untergasse am
Ortsrand, und nur Feldwege führten – wegen des
Modaulaufes teilweise recht umständlich - in die
Nachbargemeinden.
Der
Nachfolgebau des 1838/40 geschleiften Rathauses wurde in der
Straßenflucht bündig mit dem Kirchturm gesetzt, also
nicht mehr hineinragend in die Fahrbahn. Er diente der
Gemeindeverwaltung am Amtsgebäude, bis die Gemeinde 1908
dafür (und für die Einrichtung eines
Elektrizitätswerkes) die Brückenmühle erwarb.
Dieses „alte Rathaus“, wie es in der Bevölkerung
noch ein Begriff ist, diente danach unterschiedlichen
öffentlichen Zwecken, der Rathaussaal verschiedentlich auch
dem Schulunterricht. Auch der schmucke Pferdewagen, mit dem die
seinerzeit die Verstorbenen zur Bestattung gebracht wurden,
hatte hier seine Unterkunft.
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Text: Volker
Teutschländer


Johann
Heinrich Schilbach Bleistiftzeichnung von August Hopfgarten,
1827/28 (aus Wiki)


Als
Grafik eines unbekannten Künstlers dem Schilbach-Bild
nachempfunden findet sich das Motiv häufig in
Nieder-Raumstadt

Die
ähnliche Motiv knapp 100 Jahre später: Das
Ensemble mit Kirchhofmauer, Aufgang zum Kirchenportal und
Rathaus ist mit dem Bau der Ortsdurchfahrtsstraße 1838/40
verschwunden. Die Fahrbahn ist unmittelbar an eine neue
Kirchhofsmauer und den Kirchturm gerückt.

1912
entstand unter der Friedenslinde das mächtige Monument für
die Opfer des Krieges 1870/71
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