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Wo
die Toten ruhen
Der Kirchhof für das
Kirchspiel
Es geht hier nicht um die von den
Archäologen ergrabenen vor- und frühchristlichen
Begräbnisstätten, die gerade in unserem Raum
ausreichend dokumentiert sind, sondern um den Gottesacker um die
Kirche von Nieder-Ramstadt.
Der Raum um die Pfarrkirchen
hieß früher Gottesacker oder Kirchhof, diese Namen
beziehen sich eindeutig auf die Kirche. Weit verbreitet ist aber
auch die Bezeichnung Friedhof (ahd. Vrithof = Freihof), die auf
die Bedeutung der geweihten Kirchenvorhöfe als Asylstätte
hinweist. Noch heute heißt z. B der Platz vor der
Einhardbasilika in Seligenstadt „Freihof'. Flüchtige
Totschläger durften nicht weiter verfolgt werden, wenn es
ihnen gelang, den Freihof zu erreichen. Dadurch sollte ihnen
Gelegenheit gegeben werden, sich in Verhandlungen, sogenannten
Sühneabreden, mit ihren Verfolgern zu einigen und der
Blutrache des alten Rechts zu entgehen, die ganze Sippen
ausgerottet hat. Der Herr der Freistätte, in diesem Fall
der Abt des Benediktinerklosters, hatte sie bei diesen
Verhandlungen zu unterstützen. Die Freistätten waren
so wichtige Einrichtungen der Gottes- und Landfrieden des
Mittelalters.
In der Kirche selbst wurden nur die Pfarrer
und die Angehörigen der Patronatsherrschaft begraben,
allerdings zeigen die bei einer Restaurierung der alten
Julianastiftskirche von Mosbach/Baden geborgenen Grabplatten,
dass dort, wenigstens bis zur Reformation, auch Angehörige
von Patrizierfamilien (Stiftsherren?) beigesetzt
wurden.
Begräbnisstätte für die
Dorfbewohner waren die Kirchhöfe der Pfarrkirchen. Das
ausgeprägte Zusammengehörigkeitsgefühl der
Dorfbewohner und der einzelnen Familien führte dazu, dass
die Kirchhöfe in Quartiere eingeteilt waren, die den zur
Pfarrkirche gehörenden Dörfern zugewiesen wurden. In
diesen Quartieren lagen die Begräbnisstätten der
Sippen, die oft durch mehrere Generationen hindurch belegt
wurden. Wenn eine Weiterbelegung nicht mehr möglich war,
nahm man die Skelette der Vorbestattungen aus dem Grab und
überführte sie in das Beinhaus, den Karner.
Diese
Karner wurden in den evangelischen Gegenden nach der
Reformation, auf den katholischen Friedhöfen meist erst
später, aufgehoben, doch finden sich vereinzelt auch heute
noch alte Karner, so in unserer Nähe das Beinhaus bei der
Katharinenkirche von Oppenheim, mit der schönen gotischen
Totenleuchte. Auch die Gottesackerkirche in Schaafheim steht als
ehemaliger Karner unter Denkmalschutz. Nach der Auflassung hatte
sie ein recht wechselvolles Schicksal, u. a. diente sie lange
Zeit als Schulgebäude. Zu den meisten Karnern gehörten
kollektive Totenleuchten, eine besonders schöne Leuchte hat
sich auf dem Ersheimer Friedhof von Hirschhorn erhalten („der
oft beschriebene Elendstein von 1412"), der dazugehörende
Karner ist längst vergangen, aber bis in unsere Zeit wurde
das Licht in der Totenleuchte von den Einheimischen turnusmäßig
unterhalten. Sie ist, wie auch die vorgeschilderten Gebäude,
ein eindrucksvolles Denkmal des Memento mori.
Bei der
Enge des Kirchhofes in Nieder-Ramstadt dürfte es für
die Verstorbenen aus dem Kirchspiel einen Karner gegeben haben,
denn aus 1612 liegt eine gedruckte Predigt vor „bei
Begräbnis einer großen Menge Todten Beine ...“
(Karl Dehnert ).
Da die Totenbestattungen
früher in den Kirchhöfen der Pfarrkirchen erfolgten,
waren die Wege von den Filialdörfern zum Kirchhof oft recht
weit. Nieder-Ramstadt war ab der Reformation Pfarrkirche mit den
Filialen Traisa und Waschenbach, so daß die Toten der
Pfarrgemeinde und der Filialen auf dem Kirchhof Nieder-Ramstadt
begraben wurden.
Von einzelnen Grabmälern des alten
Kirchhofs existieren Bilder in der interessanten Dokumentation
des ersten hessischen Denkmalpflegers Prof. Dr. Walbe. („Alte
Grabmäler auf hessischen Friedhöfen“, in: Volk
und Scholle, H.2/1926). Weitere Bilder dürften sich im
Nachlass von Baurat Dr. Winter befinden, der als Depositum im
Staatsarchiv Darmstadt verwahrt wird. Winter hatte sich bei
seinen Dorfältestenbefragungen auch mit dem Totenbrauch
befasst. Wichtige Literatur zum Thema: Werner Geiger:
„Totenbrauch im Odenwald", Lindenfels im Odenwald,
1960 (Diss. Frankfurt am Main, Phil. Fakultät), mit
umfassendem Literaturverzeichnis. Friedrich Mössinger: „Was
uns der Odenwald erzählt" Bd. III, S. 188 ff, reich
bebilderte Geschichte der Grabdenkmale des hinteren Odenwaldes
(schmiedeeiserne Kreuze, Holzkreuze und Steinmale).
Im
Odenwald gibt es auf einigen Friedhöfen Sammlungen alter
Grabdenkmale, an denen man die Veränderung der Grabdenkmale
und ihrer ikonographischen Gestaltung über längere
Zeit studieren kann, so in Michelstadt, Erbach (Brudergrund),
Lauerbach, Bad König, Miltenberg bei der Laurentiuskapelle
usw. Leider sind diese Darstellungen nicht vergleichbar mit der
Entwicklung im Kristallinen („Vorderen“) Odenwald,
da die Steinmetze anstehendes Material verwendeten. Der
Buntsandstein des Hinteren Odenwaldes läßt sich nun
einmal sehr viel leichter bildnerisch gestalten, während
die Grabsteinindustrie im Vorderen Odenwald erst im 19. Jh.
beginnt. So kommt z. B., dass mitten zwischen den Granitblöcken
des Felsenmeeres bei Reichenbach im Vorderen Odenwald ein
Sandsteindenkmal aus dem Hinteren Odenwald für den 1839
dort verunglückten Bürgermeister Lampert steht.
Auf
den Friedhöfen des Vorderen Odenwalds wird wegen der
aufwendigeren Bearbeitung des heimischen kristallinen Gesteins
das vergängliche Holzdenkmal dominierend gewesen sein:
Einzelne Sandsteindenkmale auf den Kirchhöfen unserer
kristallinen Landschaft standen auf Gräbern von
Personen, die sich ein Sandsteindenkmal aus dem Hinteren
Odenwald leisten konnten. Noch heute gibt es recht interessante
Friedhöfe mit Holzkreuzen oder sogenannten Grabstickeln, so
in Schlierbach bei Lindenfels und im nahegelegenen Weschnitztal.
Weitere
Literatur: Karl Dehnert: 650 Jahre Christliche Gemeinde
Nieder-Ramstadt. 1982. Ludwig Hellriegel: Der Kirchhof zu
Bensheim, seine Toten und seine Kapelle. 1961. Gisela Külper,
Peter Sattler: Unsere Friedhöfe - Oasen der Ruhe. In:
„gelurt" Odenwälder Jahrbuch f. Kultur und
Geschichte 2006. S. 82 ff. Rolf Reuter Zur Geschichte von
Kirchhof, Friedhof und Friedhofskapelle in Beerfelden. a.a.O
2007. Joseph Schopp: Der Freihof. Seligenstadt 1981. Zu
den Darmstädter Friedhöfen siehe das Buch von Carlo
Schneider: Die Friedhöfe in Darmstadt. 1991.
Kommunale
Friedhöfe in den Kirchspielgemeinden
In
der Nieder-Ramstädter Kirche gibt es, wie in anderen
Kirchen auch, alte Grabmäler und Gedenksteine. An der
Nordwand neben der Kanzel befinden sich die Gedenksteine des
Pfarrers Vietor, gestorben 1674 sowie der der Gattin und des
Kindes des Pfarrers Moter, beide gestorben 1739.
Patrone
der Kirche und Angehörige des örtlichen Adels wurden
üblicherweise in der Kirche bestattet. Vor
dem Altar wurde 1763 Maria Katharina Hofmann geb. Eberhorn
bestattet, die Frau des Erbauers des „Schlosses“ auf
dem Areal des ehem. Vollmarschen Gutes. Die Grabplatte ist bei
der Renovierung des Kirchenraumes 1952 entfernt worden.
Der
„evangelische“ Friedhof rund um die Kirche blieb
Begräbnisort rund 1200 Jahre bis 1897, obwohl man in den
meisten Odenwaldorten schon viel früher die Friedhöfe
aus den Dörfern hinaus verlegt hatte, nicht nur, weil rund
um die Kirche der Platz nicht mehr ausreichte für die
Bestattungen Verstorbener aus einer angewachsenen Einwohnerzahl,
sondern auch, weil man die Verbreitung von Seuchen durch die
Friedhöfe inmitten der immer dichter besiedelten Dörfer
fürchtete.
Wenige Grabmäler aus der Zeit des
Kirchhofes wurden auf den neuen Friedhof herübergerettet,
so das Grabmal des Wilhelm Friedrich I, des Brückenmüllers.
Wenige Fotos von recht
imposanten steinernen Grabmälern sind bekannt. Rechts vom
Portal der Kirche ist ein stattliches Mal erhalten, allerdings
so stark verwittert, daß sein frühere Funktion nicht
mehr zu erkennen ist. 2010 ist bei Ausschachtungsarbeiten zur
Anlage eines Spielplatzes für den Kindergarten auf dem
Kirchhof ein gut erhaltener Stein gefunden worden, der an der
Außenwand der Kirche aufgestellt wurde. 1969 ist auf dem
Standort des alten Kirchofes der neue evangelische Kindergarten
eröffnet worden. Bei den Ausschachtungen für die
Fundamentierung der Kindergarten-Gebäude ist es nicht immer
pietätvoll zugegangen, als Überreste von Betatteten
zum Vorschein kamen. Aushubmaterial wurde zum Verfüllen des
Mühlgrabens in der Untersten Schachenmühle verwendet,
wobei nach Augenzeugen ebenfalls sterbliche Reste zum Vorschein
kamen.
Im Anschluss an den
Nachmittags-Gottesdienst am 27. Juni 1897 ist der alte Friedhof
um die Kirche feierlich geschlossen worden. Die bürgerliche
Gemeinde Traisa eröffnete 1872 einen „bürgerlichen“
Friedhof, die Gemeinde Waschenbach am 7. Februar 1899. Die
verzögerte Eröffnung des Friedhofes in Waschenbach
hatte einen Grund darin, daß der Standort des neuen
kommunalen Friedhofs Nieder-Ramstadt abgewartet werden sollte.
Obwohl dieser Standort an der Landstraße nach Waschenbach
zu liegen kam, entschloß sich die Gemeinde Waschenbach zu
einer eigenständigen Lösung.
Eine Woche nach
Schließung des Kirchhofs, am 4. Juli, eröffnete
Pfarrer Otto Schöner den neuen Friedhof „in der
Waschenbacher Huhl“, wie es anfangs unter Einheimischen
hieß. Es war die Zeit, als böhmische und bayerische
Steinmetze die Kunst in unserer Heimat verbreiteten, das hier
heimische Odenwälder Gabbrogestein zu bearbeiten. Deshalb
zeigen die wenigen zugänglichen Fotos anfangs noch weit
überwiegend Holzdenkmale auf den Grabstätten. Nur
betuchte Angehörige könnten sich bis dahin Denkmäler
aus Sandstein aus dem hinteren Odenwald leisten. Jetzt aber
begann die Zeit der Steinmetze, die Grabsteine aus heimischem
Gestein gestalten konnten. Änderungen in der Mode, im
Begräbniskult und billigeres ausländisches Material
verursachten inzwischen weitere Veränderungen.
Der
Nieder-Ramstädter Friedhof erfuhr seitdem mehrere
Umgestaltungen und Erweiterungen. Vor allem die Kapelle mit
ihren Funktionsräumen und ihrer nach einer Seite offenen
Halle genügten den Ansprüchen nicht mehr, so daß
in den 1970er Jahren eine moderne Kapelle errichtet wurde. Die
verschiedenen Mahnmale wurden aus dem Ortsbild entfernt und auf
einem Feld zum Gedenken an die Opfer der jüngsten Kriege
zusammengefaßt.
In einer Abteilung des Friedhofes
befanden sich in den Nachkriegsjahren eine Reihe von
einheitlichen Grabstätten im Stile von
Kriegsgräberfriedhöfen, jede versehen mit einem
Emailtäfelchen, auf dem der zumeist slawische Name, zum
Teil auch Geburts- und Sterbedatum, verzeichnet waren. Es soll
sich um die Grabstätten von Kriegsgefangenen oder
Fremdarbeitern gehandelt haben, die in Nieder-Ramstadt in den
letzten Kriegsjahren oder den ersten Nachkriegsjahren in den
Kliniken verstorben sind, die in die Häuser der
Nieder-Ramstädter Heime ausgelagert waren.
1966
wurden diese Toten umgebettet und auf dem neuen
Kriegsgräberfriedhof in Brandau überführt, auf
dem verstorbene Kriegsopfer aus dem damaligen Landkreis
Darmstadt, aber auch aus Starkenburg und Unterfranken beigesetzt
wurden. Von den dortigen fast 500 bestatteten Kriegsopfern
stammt fast jeder zehnte vom Friedhof Nieder-Ramstadt. Der
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge führt in
seiner Beschreibung der Brandauer Anlage aus:
Unter
den ausländischen Kriegstoten sind auch zahlreiche Frauen
und Kinder. Einige von ihnen wurden von Nieder-Ramstadt aus
umgebettet. Dort gab es so genannte „weibliche
Arbeitslager, Familien- und Kinderlager“. Viele Kinder
kamen zusammen mit ihren zur Zwangsarbeit verschleppten Müttern
nach Deutschland. Als Folge der schlechten Lagerbedingungen war
die Sterblichkeit unter den polnischen und sowjetischen
Säuglingen und Kleinkindern besonders hoch.
2010
begann die Gemeinde Mühltal mit der Anlage einer
„Museumswand“, vor der Grabmäler abgeräumter
Grabstätten verdienter Bürger aufgereiht werden.
Der
Friedhof der Nieder-Ramstädter Diakonie
Die
Interessen der Gemeinde Nieder-Ramstadt und der
Nieder-Ramstädter Diakonie wegen der Bestattung
Verstorbener aus den Heimen trafen sich schon sehr früh.
Nur drei Jahre nach Eröffnung des kommunalen Friedhofes
begannen die diakonischen Einrichtungen der Heime mit ihrer
segensreichen Arbeit an behinderten Menschen – die Zahl
der Betreuten wuchs alleine in den ersten dreißig Jahren
von 18 auf fast 300.
Für Behinderte war der Weg zur
Trauerarbeit auf dem gemeindlichen Friedhof „in der
Waschenbacher Huhl“ nicht nur weit, sondern auch
beschwerlich. Schon zehn Jahre nach der Eröffnung der
Diakonie, wie die Einrichtungen heute heißen, wurde der
Wunsch nach einem eigenen Friedhof laut. Was der bürgerlichen
Gemeinde nicht ungelegen kam, denn sie fürchtete um die
schnelle Auslastung ihrer neuen Begräbnisstätte.
1932 konnte der neue heimeigene Friedhof eröffnet
werden. Ein hohes Kreuz, aufgerichtet 1933, beherrscht das Bild
der Anlage. jedes Grab schmückte ein Holzkreuz. Sie wurden
in den 1990er Jahren aus wirtschaftichen Gründen mit
schlichten Steintafeln ersetzt.
Naturfriedhof
nahe Dippelshof
Am 8. Januar 2012
eröffnete die Gemeinde Mühltal im Wald an der Alten
Ober-Ramstädter Straße, nordöstlich des
Dippelshofes einen „Naturfriedhof“.
|
Verfasser: Heinz
Bormuth †
 Volker
Teutschländer


Die
Kirche und ihr Umfeld aus der Luft vor 1950: Der gesamte
Fichtenbestand und weitere Fläche nach links sind das
Gelände des Friedhofes – zum Zeitpunkt der Aufnahme
schon weitgehend abgeräumt.

Der
„alte Friedhof“ nach der Auflassung kurz vor dem
Abräumen der letzten Grabstätten

Die
hohe Bruchsteinmauer, die den östlichen Berghang zur
Dorfmitte abstützt. Darüber war der Gottesacker für
Nieder-Ramstadt, Traisa und Waschenbach angelegt. Heute stützt
sie die Grundmauern des evangelischen
Kindergartens.

Grabstätten
aus der 2. Hälfte des 19. Jh. auf dem Kirchhof: Es
dominieren die Holzdenkmale wegen der aufwendigen und teuren
Bearbeitung des heimischen kristallinen Odenwald-Gesteins.
Wenige Fotos von recht imposanten steinernen Grabmälern
sind bekannt.

Der
Hauptweg zur alten Friedhofskapelle auf dem kommunalen
Friedhof


„Museumswand“
auf dem heutigen, dem kommunalen Friedhof mit Grabmälern
abgelaufener Grabstätten verdienstvoller Bürger (oben
und darüber)

Der
Friedhof der Nieder-Ramstädter Diakonie und der ev.
Lazarusgemeinde
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