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Die
Füllhalterfabrik „Reform“
Noch
immer prangen Füllfederhalter und Kugelschreiber an der
Fassade des ehemaligen Bürogebäudes der „Reform“
- so heißen die längst umgenutzten Baulichkeiten bei
Ortskundigen zum Teil noch heute. Sie erinnern an die Glanzzeiten
der Federhaltermanufakturen im nordwestlichen Odenwald, unter
denen „die Reform“ in Nieder-Ramstadt ehemals eine
führende Rolle spielte. Der Zusatz „ERO“ an der
Werbeeinrichtung macht schon darauf aufmerksam, daß
Füllhalterfabrikation in der „Reform“ Geschichte
ist – ja, auch in ihrem Nachfolgeunternehmen ERO.
2010 ist Inge
Wegt geb. Jung, die letzte Tochter eines der Firmengründer,
die 1928 mit ihrem Unternehmen von Heidelberg nach Nieder-Ramstadt
übersiedelten, gestorben. Ihr Vater, der Kaufmann Ludwig
Jung, der Drechsler Paul Fortran und der Holzdreher Johann Heinz
gründeten 1919 in St. Ilgen bei Heidelberg ein Unternehmen
für die Herstellung von „Sicherheitsfüllhaltern“.
Nach
der Schließung der Zündholzfabrik Reichenbach und
Bessunger in der Ober-Ramstädter Straße in
Nieder-Ramstadt übernahmen 1928 die drei Unternehmer die
Liegenschaften und verlegten den Betrieb nach Nieder-Ramstadt.
Unter der Marke „Reform“ stellten sie Füllfederhalter,
Tintenschreiber und Drehbleistifte von der einfachen bis zur
Luxusausführung her, die zum größten Teil
exportiert wurden.
Gefertigt wurde auf einfachen Drehbänken
und Revolverdrehbänken. Außenkonturen wurden später
auch geschliffen. Ein Füllhalter bestand aus 26 Einzelteilen.
Als Rohstoffe wurden Hartgummi, Galalith und gehärtetes
Celluloid nach einem Patent der Firma Dietz und Böttcher aus
der Hahnmühle bei Pfungstadt verarbeitet. Ein Mitarbeiter
produzierte in der Woche rund 120 Stück.
Ausgeliefert
wurde nicht über den Großhandel, sondern Vertreter
förderten den Export des „Worldpen“ in ganz
Europa, in Mittelamerika und in Asien. 99 v.H. der Erzeugnisse
gingen ins Ausland. In einzelnen Ländern kam die
Marktführerschaft der „Reform“ einer
Monopolstellung gleich. Im Elsaß entstand ein Zweigbetrieb.
In Deutschland war die „Reform“ weit weniger bekannt
als auf dem Weltmarkt. 1941 wurde die „Reform
Füllfederhalterfabrik Gmbh“ umbenannt in „Reform
Füllfederhalterfabrik Heinz & Jung“, Fortran
gehörte offenbar nicht mehr zu den Inhabern. Um diese Zeit
hatte der Betrieb mit etwa 100 Arbeitern und Angestellten seinen
höchsten Beschäftigtenstand erreicht.
Thomas
Neureither (Heidelberg), der sich mit der
Füllfederhalter-Produktion in und um Heidelberg befaßt,
ist auch Kenner der Nieder-Ramstädter Reform auf Grund zweier
Schriften zur Firmengeschichte und umfangreicher Nachfragen bei
Inge Wegt. Neureither hat das knappe Wissen, das hier a Standort
der ehemaligen Reform bekannt ist, um einige wichtige Ergänzungen
bereichert, u.a.:
„Die Weltwirtschaftskrise machte
sich in Europa mit einer Verzögerung bemerkbar. Nach einer
wirtschaftswissenschaftlichen Arbeit aus dem Jahr 1950 war 1932
das schlechteste Absatzjahr der Füllhalterindustrie. Die
Abwertung des englischen Pfundes und der Aufbau massiver
Schutzzölle erschwerte den internationalen Handel, der
massive Goldpreisanstieg zwang zu einer Umstellung der
Federnproduktion. Der Export konnte aber umgestellt werden und das
Inlandsgeschäft zog spürbar an. Im Sog der
Wiederaufrüstung wurden auch erhebliche Mengen Füllhalter
benötigt. Der Bedarf an Schreibgeräten war dermaßen
hoch, dass die Bestellungen aus der Bevölkerung, wenn
überhaupt, nur nachrangig befriedigt werden konnten. Obgleich
1943 ein massiver Rohwarennotstand zu bemerken war, war die
Füllhalterproduktion in Deutschland 1945 sogar noch höher
als 1936!“

Die
Belegschaft beim Betriebsausflug etwa 1940
Neureither hat
Kenntnis davon, daß auch unmittelbar nach dem Kriege, anders
als es heute oft heißt, hervorragende Erfolge erzielt
wurden. „Tatsächlich gab es nach dem Kriege eine
Umbruchphase mit einer Neuorientierung. Der Bedarf an
Schreibgeräten war aber weltweit nicht zurückgegangen
und die große Zahl von Firmen-Neugründungen nach dem
Krieg zeigt die Beständigkeit dieses Wirtschaftszweiges. Ein
Problem war sicher die Zurückführung der Produktion auf
Friedensverhältnisse. Mir liegt eine Anfrage eines Geschäftes
aus Regensburg von 1943 vor, deren Bestellung von der Reform wegen
"Betriebsumstellung" abgeschlagen werden musste. Dieses
bedeutete zu dieser Zeit, dass Speers Zwangsbewirtschaftung das
Werk zur Rüstungsproduktion konvertiert hatte.“
Wegen
der international ungewöhnlich guten Reputation der Firma sei
der „Reform“ weltweit Kredit gezollt worden, die
Exportware sei oft schon mit der Bestellung im Voraus bezahlt
worden. Nach einem Aufsatz, der Neureither in Teilkopie vorliegt,
seien bis zu 95 v.H der Auslandslieferungen im voraus bezahlt
worden. Die Reform habe sogar für sich in Anspruch nehmen
können, als erste Firma in Deutschland einen unkündbaren
Akkreditiv-Kredit nach dem Kriege aus dem Ausland erhalten zu
haben. Fast der ganze Zahlungsverkehr mit dem Ausland habe „zur
Zeit (verm. 1952)“ auf dieser Grundlage beruht.
Thomas
Neureither hat für die vorliegende Beschreibung der
erfolgreichen, wenn auch (in Nieder-Raumstadt) nicht einmal
dreißigjährigen Reform-Geschichte Abbildungen zweier
Produktionsmaschinen aus seinem Gerätepark überlassen,
eine Wolff-Jahn-Drehbank und eine Guillochiermaschine (sprich:
Gilluschiermaschine). Neureither: „Auf die sonst so
schmucklose Oberfläche eines schwarzen Hartgummifüllers
konnte ein filigranes Kratzmuster aufgetragen werden, dies machte
das Schreibgerät auch griffiger. Mit dieser Maschine
übertrugen kleine Industriediamanten ein in einer
mechanischen Scheibe codiertes Muster. Guillochieren war nach
seinem Erfinder, dem französischen Mechaniker und Goldschmied
Guillot benannt. Ursprünglich wurden Tabakdosen oder
Taschenuhrdeckel mit einem Korn- oder Zykloidenmuster verziert.
Dies zeigt auch mit welcher Liebe und Präzision Füllhalter
der 20er und 30er Jahre hergestellt und von ihren Besitzern oft
wie Schmuckstücke verwahrt wurden.“
„Das
Ende der Reform 1956 war deshalb eigentlich recht kurios: Ludwig
Jung weigerte sich, die handwerkliche Qualität seiner
Produkte gegen die in dieser Zeit noch zweifelhafte Machart der
Massenware aus Spritzgussteilen einzutauschen, und hat den
Betrieb, der auf dieser Basis nicht mehr haltbar war, lieber
geschlossen. Tatsächlich hat es lange Zeit eine
stillschweigende Vereinbarung zwischen den Produzenten gegeben,
die Spritzgussmaschinen, die es seit 1938 gab, nicht für die
Füllhalterproduktion einzusetzen. Neben den befürchteten
Aufständen der Fabrikarbeiter, die vom Verlust ihrer Arbeit
bedroht gewesen wären, wollte man sich den Weltruf deutscher
Qualitäts-Füller nicht zerstören. Insbesondere die
gepressten Gewinde waren – und sind bis auf den heutigen Tag
– den handgeschnittenen Gewinden.
Die bei ebay –
teilweise ungebraucht – angebotenen Reform-Füllhalter,
beziehen sich zum allergrößten Teil auf Reform-Füller
aus Heidelberg. Die Marke war an die Firma Mutschler-Schreibgeräte
verkauft worden, die den Handelsnamen und das geflügelte 'R'
bis zu ihrem eigenen Konkurs weiterverwendete. Das sind zwar gute
Alltagsfüller gewesen, aber - kein Vergleich mit den
Nieder-Ramstädter Celluloid-Füllern und deren
Goldfedern.“
1958 übernahm die Firma Rodenhäuser
aus Ober-Ramstadt „Ero“ die Liegenschaften der Reform
und verlegte ihre Schreibgeräte-Produktion hierher.

Freistempelabdruck
aus dem Jahr 1939
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Text: Volker
Teutschländer
Quellen: Karl Dehnert † Karl-Heinrich
Schanz Friedrich Wegt Thomas
Neureither


Sicherheitsfüllfederhalter
in Baby- Größe aus Hartgummi noch aus der Heidelberger
Zeit der Reform, also vor 1928, (oben), darunter ein
Celluloid-Füller Refograf (klick ins
Bild)

Sicherheitshalter
Reform 200, mit Aufsteckclip und Glasfeder. Diesen Federn fehlte
natürlich der flexible Schreibkomfort, doch man konnte damit
mehrere Kohlepaper-Durchschläge machen. Während
Kriegszeiten war der private Goldhandel verboten und man musste
vermehrt auf diese Federn zurückgreifen. (klick ins
Bild)

Ein
Original-Reform mit Logo-Prägung im Besitz von Harald
Zeitz

Zelluloid
- und Galalithestäbe als Rohware zur Herstellung von
Schreibgeräten auf Drehbänken, es stammt zum großen
Teil aus der hiesigen Nachbargemeinde Fischbachtal (klick ins
Bild)

Die
Wolff-Jahn-Drehbank (klick ins Bild)

Die
Guillochiermaschine (klick ins Bild)


Gebäude
der damaligen Streichholzfabrik Reichenbach und Bessunger. Das
hintere Haus diente später zeitweise als Bürgermeisterei,
das vordere als Verwaltungsgebäude der „Reform“ und
ihrer Nachfolgerin Ero (Bild unten)

Das
Logo der Nachfolgefirma „Ero“ Rodenhäuser (Foto
Karl-Heinrich Schanz)

Besteck
aus der seinerzeitigen Kantine der Reform, noch heute im Gebrauch
bei Friedrich Wegt, Schwiegersohn des Firmen-Mitgünders
Ludwig Jung.
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