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Die
Hochwasserkatastrophe von 1919
Die
Modau – Segen und Gefahr
Pfarrer
Weigel hat im Evangelischen Gemeindeblatt für das
Kirchspiel Nieder-Ramstadt, Traisa und Waschenbach vom Oktober
1933 einen Augenzeugenbericht über die
Hochwasserkatastrophe vom 8. Juli 1919 niedergeschrieben:

„Aus
den Tagen der Väter:
.
. . Es war am 8. Juli, als nachmittags kurz nach drei Uhr zwei
schwere Wetter am Himmel aufstiegen, eins im Südwesten
heranziehend, das andere mit Höhengegenwind von Nordosten
her. Diese beiden Wetter stießen zwischen Nieder- und
Ober-Ramstadt widereinander, und die Wolken gossen ihre ganzen
Wassermassen auf einmal aus, die sich infolge der raschen
Abkühlung über Nieder-Ramstadt schnell in Hagel
verwandelten, der nun in Stücken bis zu Walnußgröße
so dicht herniederprasselte, daß es fast völlig
dunkel wurde und man auf dem Speicher von dem starken
Aufschlagen der Hagelkörner auf die Dachziegel das eigene
Wort kaum hörte. Dabei blitzte und donnerte es
unaufhörlich.
Dieser
Hagelschlag dauerte etwa 20 Minuten in unveränderter
Stärke. Als er zu Ende war, ertönte die Sturmglocke.
Zwischen Ober-Ramstadt und hier hatten sich die Wetter in einem
Wolkenbruch entladen, die Modau war über ihre Ufern
getreten und hatte das Tal in seiner ganzen Breite in einen
reißenden Strom verwandelt, der in einem Nu sämtliche
Brücken zwischen hier und Ober-Ramstadt zerbrach und sich
an der großen Straßenbrücke über die neue
Chaussee nach Darmstadt staute. Auch diese Brücke mußte
schließlich dem Wogendrang nachgeben, sie ward zerbrochen
wie ein Spielzeug, ihre einzelnen Trümmerstücke, die
zum Teil viele Zentner wogen, wurde auf 100 Meter und mehr
fortgeschwemmt, ein sechs bis sieben Zentner schwerer Prellstein
z.B. bis ganz nahe an das erste Haus von Nieder-Ramstadt,
mindestens 300 Meter weit.
Nach
dem Einsturz der Brücke kam nun das angestaut gewesene
Wasser mit einem großen Schwall in das Dorf
hineingeschossen, alle Stege umstürzend oder beiseite
schiebend. Die Kesselgasse (Ober-Ramstädter Straße)
war plötzlich in ihrer ganzen Breite von Wasser erfüllt,
und als ich auf das Sturmläuten hin zur Fahrstraße
lief, bot sich mir ein schreckliches, in meiner Erinnerung
unauslöschliches Bild:
Das Wasser stand diesseits
der Modau bis an das Wirtshaus „Zur Linde“, in dem
etwas tiefer gelegenen Beckschen Hause stand es bis in die halbe
Höhe des unteren Stockwerks, und ich kam eben dazu, wie die
Bewohner sich mit Hilfe von Brettern und Leitern durch die
Fenster ins Freie retteten.
Jenseits der alten
Straßenbrücke reichte das Wasser bis an die Traisaer
Gasse (Bahnhofstraße). Die alte Brücke, völlig
vom Wasser überströmt, so daß nur die eisernen
Geländer hervorragten, hielt stand. Zwar wurde eben dieses
Geländer von anstoßenden Holz- und Trümmerstücken
weggerissen und das ganze Pflaster durch einen Wasserschwall
herausgehoben und fortgespült, aber die gemauerten Boten
trotzten der Gewalt des Elements.
Da stürzte
plötzlich das große Hoftor des Schneiderschen
Anwesens vornüber in das wogende Wasser, und eine große
Wassermasse, die sich nach dem Einsturz der Schneiderschen
Gartenmauer in der Schloßgartenstraße durch den
Garten wälzte, schoß hinterher.
Der diesseits
der Modau gelegene Ortsteil war nun von dem jenseits des Baches
vollständig abgeschnitten, zwischen beiden ein breiter,
rasender Strom. Jammernde Menschen standen hüben und
drüben. Leute, die im Felde von dem Unwetter überrascht
worden waren, liefen nach den Ihrigen, in in den tiefer
liegenden Ortsteilen, namentlich in der Bachgasse, wohnten. Dort
mußten das Wasser bis über das unterste Stockwerk der
Häuser stehen. Aber von keiner Stelle des Dorfes konnte man
dorthin sehen, niemand konnte Hilfe bringen.
Da stiegen
einige Männer auf den Kirchturm und konnten von da aus
feststellen, daß sich die Bewohner der Bachgasse in die
oberen Stockwerke ihrer Häuser oder unsers Dach gerettet
hatten, und daß die Häuser alle noch fest standen.
Das war immerhin ein Trost. Auch in der Pfaffengasse stand in
deren unterem Teil das Wasser stockwerkhoch, ebenso in der
unteren Schloßgartenstraße.
Es dauerte noch
etwa eine Stunde, bis das Wasser sich wieder so weit verlaufen
hatte, daß man über die Gewölbebogen der alten
Steinbrücke gehen konnte, aber welch ein Anblick der
Zerstörung bot sich dem erschreckten Auge! Die Bachgasse
und Pfaffengasse waren mit fußhohem bis meterhohem Schlamm
bedeckt, die Stuben in den Erdgeschossen, wo da Wasser hier und
da bis an did Zimmerdecke gestanden hatte, waren ebenfalls voll
Schlamm, in dem die Möbelstücke, die vom Wasser in die
Höhe gehoben und umgestürzt worden waren, und
Bettstücke und aus den Kleiderschränken
herausgefallene Kleider übel zugerichtet herumlagen. Ein
schreckliches Bild der Zerstörung, vor dem die Hausbewohner
jammernd oder stumm dastanden.
Aber bald regten sich die
Hände. Mithelfend sprangen andere Menschen hinzu. Bald sah
man, wie aufgeräumt und gewaschen wurde, wie der Schlamm
von der Straße und aus den Höfen weggeschafft wurde.
Die Feuerspritzen erschienen, um die Keller auszupumpen, kurz:
Überall wurde gegriffen und geholfen. Auch die Müllersche
Hofreite unmittelbar an der alten Straßenbrücke
(Brückenscholz), mehrere Häuser in der Pfaffengasse
und zwei Häuser in der Schloßgartenstraße waren
stark mitgenommen.
Zum Glück ist kein Menschenleben
zu beklagen, auch der Verlust von Vieh ist nur ganz gering, da
dieses zum größten Teil noch durch die hinter den
Häusern liegenden Gärten gerettet werden konnte. Auf
den Feldern und in den Gärten ist der Schaden, der durch
die Wasserflößung und Hagelschlag angerichtet worden
ist, natürlich auch außerordentlich groß.
Durch
den Hagelschlag litten namentlich der östliche und
nordöstliche Teil der Gemarkung und die Gärten, die
hinter den Häusern der Kesselgasse und Kirchgasse liegen.
Hier hingen an den Bäumen nur noch kleine Blattreste, und
die Äste und Zweige waren total zerschlagen, so daß
wohl auf Jahre hinaus mit der Obsternte kaum zu rechnen ist.
Gemüse, Bohnen usw. waren durchaus vernichtet. Wo eine
Salatpflanze gestanden hatte, war vielfach nur noch eine grüne,
schleimige Masse. Auch waren die Gärten völlig
verflößt, Haufen von Schlamm, mit Hagelbrocken
vermischt, lagen da. Im ganzen wird der Schaden an Gebäuden,
und Möbeln, auf den Äckern und in den Gärten,
ferner an den Brücken auf mehrere Millionen Mark geschätzt.
(Wl.)“
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Text: Volker
Teutschländer
Quelle: Ev. Gemeindeblatt für
das Kirchspiel Nieder-Ramstadt / Traisa / Waschenbach vom
Oktober 1933




Einen
breiten Strom der Zerstörung hinterließ die Modau
nach dem Hochwasser von 1919
(Aus der Dokumentation
von Gernot Scior „Vom Wahlverein zur politischen Partei“,
2003, erhältlich im Mühltaler Buchhandel).
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