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Geschichte > Nieder-Ramstadt

Stand: 14.10.2011

 



 

Der Weiler Mordach


Der Name des Weilers auf Nieder-Ramstädter Gemarkung weist auf ein einst (wie heute) wasserreiches Gebiet hin. Völlige Klarheit über die Bedeutung des Namens besteht aber nicht. Durchweg wird ein Zusammenhang etwa mit Tötungsdelikten ausgeschlossen Anders aber Ludwig Hahn (in „Der Odenwald, Land zwischen Rhein, Main und Neckar“, 1959, Burkhard-Verlag, Ernst Heyer, Essen) in seinem Beitrag „Flurnamen“: Gerichtsstätten und und sonstige Rechtsdenkmäler, in Flurnamen überliefert, finden sich fast in jedem Dorf und nennt u.a. die Mordach in Nieder-Ramstadt.

Mit dem Namen „Mordach“ in unterschiedlichen Schreibweisen wurden in frühen Kartierungen die Ansiedlungen in den engen Tallagen der Modau (unterhalb der Ortslage Nieder-Ramstadt) und des Mordach-Baches genannt, die sich am „Kühlen Grund“ treffen. Später wurden diese beiden Gewässer-Abschnitte auch Drusbach oder Trostbach genannt. Der Mordach-Bach heißt in seinem Oberlauf „Beerbach“, nämlich in den Gemarkungen Nieder-Beerbach und Ober-Beerbach, also außerhalb Nieder-Ramstadts.

Das enge und landschaftlich reizvolle Mordachtal vom Kühlen Grund bis zum Burgwald unter dem Frankenstein teilen sich Nieder-Ramstadt und Eberstadt, denn der Mordach-Bach bildet die Grenze zwischen beiden Gemarkungen und folglich zwischen den Gemeinden Mühltal und Darmstadt. Die Ansiedlungen bis vor die Gemarkung Nieder-Beerbach stehen rechts des Mordach-Baches, folglich in Nieder-Ramstadt und bilden den Weiler Mordach. Eine Ausnahme bildet die Waldmühle oder Mahrsmühle: Ihr Hauptgebäude steht links der Mordach auf Eberstädter Gebiet und wird deshalb nicht zu dem Nieder-Ramstädter Weiler gezählt werden. Schon 1475 wird zwischen der Eberstädter und der Nieder-Ramstädter Mordach unterschieden.

Unkundige bezeichnen häufig in einem engen (falschen!) Sinne nur die Bebauung auf dem Weg von der Landesstraße bis zum Waldrand des Boschels als Mordach.

Erstmals wird „die Mordach“ 1390 als „Mortart" anläßlich eines Waldkaufs durch Hans den Älteren von Walbrunn genannt, dessen unmittelbare Vorfahren sich noch „von Ramstadt“ (das ist Nieder-Ramstadt) nannten. Daß das Gebiet ein eigenes Gericht hatte und in vorreformatorischer Zeit zur Pfarrei Neunkirchen (1475) gehörte, läßt auf eine ursprünglich selbständige Gemarkung schließen.

Es gibt Dokumente, die von den Strapazen für Mensch und Tier berichten, wenn Verstorbene aus der Mordach im Winter auf einer Mehr-Tages-Reise mit dem Pferdefuhrwerk zum Kirchhof auf die bald 25 km entfernte und 600 m hohe Neunkircher Höhe geschafft werden mußten.

1698 gründete Landgraf Ernst Ludwig von Hessen hier eine Glas- und Spiegelmanufaktur zur Fertigung von Hohlgläsern, Butzen- und Spiegelscheiben. Da sich der Betrieb als unrentabel erwies, wurden die Gebäude 1705 verkauft und zu einer Getreidemühle umgebaut, zu einer von drei „Mordachmühlen“. Als diese 1896 niederbrannte, errichtete Friedrich Ludwig Schneider auf dem Standort der Brandruine das Gast- und Kurhaus Burgwald. Schneider war Nieder-Ramstädter Bürgermeister von 1893 bis 1901, er verstarb 1904. 1909 verkaufte Familie Schneider die „Villa Burgwald“ an den „Verein zur Heilung von Alkoholkranken“, der eine Heil- und Rehaeinrichtung betrieb, aus der das heutige „Haus Burgwald“ als Einrichtung für Suchtkranke hervorgegangen ist. Daß sie als ihren Standort „Nieder-Beerbach“ angibt ist ein Fehler.

Im Verzeichnis der Wohnplätze im Großherzogtum Hessen von 1902 werden unter Nieder-Ramstadt die einzelnen Wohnplätze in der Mordach genannt. Nach Wikipedia sind Wohnplätze im engeren Sinne die von einer Stadt oder Gemeinde "abgesonderten Gemeindeteile", also Siedlungen mit eigenem Namen, die vom Hauptort räumlich getrennt sind und im Laufe der Geschichte schon immer zu dieser Gemeinde gehörten. 1902 befinden sich demnach folgende Wohnplätze im Tal der Mordach:


Zwei Mordachmühlen: Die vormals dritte Mordachmühle bestand bei der Erstellung des Wohnplatzverzeichnisses (1902) ja nicht mehr und wurde schon als Villa Burgwald aufgeführt. Für die beiden verbliebenen Mordachmühlen sind die Namen Frankenbergersmühle und Zehmühle geläufig.

Burgwald: Das ist die bis dahin dritte Mordachmühle (auch Krugsmühle), die 1896 total abbrannte. 1909 wurde an dieser Stelle das „Gast- und Kurhaus“ errichtet.

Nieder-Ramstädter Backsteinbrennerei: Das ist die ehemalige Dampfziegelei, im Volksmund Russenfabrik.


Insgesamt befinden sich am Mordach-Bach sechs ehemalige Mühlenstandorte, deren heutige Gebäudeformen den früheren Verwendungszweck als Wassermühlen noch recht gut erkennen lassen. Vier weitere Mühlen betrieb der emsige Bach weiter oberhalb in Nieder-Beerbach, wo er „Beerbach“ heißt. Alles über die Mordachmühlen wird im Zusammenhang mit dem „Wanderweg zu Mühltals Mühlen nach Müllers Lust“ beschrieben (Klick auf den Schalter in der rechten Spalte).

Nichts mehr zu sehen ist von der „Nieder-Ramstädter Backsteinbrennerei“ genannt „Russenfabrik“ in der Mordach unterhalb des Boschels, eine industriell arbeitende Ziegelei, die den am Ort vorkommenden Rohstoff verwendete. Der Betrieb wurde nach dem Krieg stillgelegt, alle Betriebseinrichtungen wurden geschleift.

Der Weiler wurde nach dem kommunalen Zusammenschluß der Mühltalgemeinden zu einem Ortsbezirk erhoben, obwohl von einer örtlichen Gemeinschaft in der Mordach nicht gesprochen werden kann. Eine politische Vertretung besteht im gemeinsamen Ortsbeirat mit Nieder-Ramstadt. Amtlich hatte die damalige Gemeinde Nieder-Ramstadt und in ihrer Nachfolge die Gemeinde Mühltal dem Weiler die Bezeichnung „Ortsteil in der Mordach“ gegeben.

Warum die mundartliche Präposition im amtlichen Namen des Weilers Eingang gefunden hat, ist nicht bekannt, aber auch unverständlich. Sogar (frühere) Gemeindenamen werden umgangssprachlich mit Präposition versehen, ohne daß diese Eingang in den amtlichen Namen fanden (z.B. Braunshardt, heute Gemeinde Weiterstadt: „In der Brauscht“).

Text:
Volker Teut
schländer



Mehr über die Mordachmühlen:



Zur Landschaft des Mordachtales:





Der Name Mordach in alten Dokumenten (aus: Hess. Ortsnamenbuch,
Wilhelm Müller, 1937):

1445 Mortart
1475 Mordthardt
1513 Mortart
1560 Mordach
1746 Morthart
1927 Mordach

Bitte beachten Sie:
Zu keiner Zeit war der Name mit einer Präposition verbunden.






Die ehem. Russenfabrik,
die industriell arbeitende Ziegelei, die „Nieder-Ramstädter Backsteinbrennerei“




Die Zehmühle,
die oberste Mordachmühle, heute ein Reiterhof




Das Haus Burgwald:
Blickfang auf der Fahrt durch das Mordachtal nach Lautertal
auf dem Standort der ehem. Glshütte: