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Das
„Schloß“ in Nieder-Ramstadt
oder:
Das Volmarsche Gut – später: Das Schneidershaus
In
Nieder-Ramstadt gibt es eine Schloßgartenstraße,
doch wird man vergeblich nach einem »Schloß«
suchen, auf das der Straßenname hindeutet. Und doch gab es
einen Adelssitz auf den die umgangssprachliche Bezeichnung
zurückgeht. Der letzte Rest dieses mehr als 400 Jahre eng
mit der Ortsgeschichte Nieder-Ramstadts verbundenen Gutes, das
Schneidershaus, fiel 1972 der Spitzhacke zum Opfer.
Das
Gut gehörte 1540 dem Junker Gilbert Waise von Fauerbach,
dessen Sohn Balthasar Waise es an den Junker Gilbert von Karben
zu Burggräfenrod veräußerte. Von diesem ging es
1589 durch Verkauf zur Hälfte an den landgräflichen
Oberförster Valentin Hofmann über, der andere Teil an
die Vormünder der Jungfrau Eva Maria Sommerbach.
1593
erwarb Landgraf Georg I. das Gut. Sein
Sohn, Landgraf Ludwig V., verlieh es
1596 an seinen adligen Hofmeister Arnold Schwartz als
abgabenfreies Besitztum. Im Zuge eines Gebäudetausches
übernahm es 1605 Landgraf Ludwig V.
wieder und schenkte es 1606 seinem Oberjägermeister
Georg Bernhard von Hertingshausen als adlig-freies Rittergut.
Dieser erwarb das »von Gemmingensche Gut« in der
Nieder-Ramstädter Mordach noch hinzu. Nach seinem Tod
verpachtete seine Witwe, Frau von Hertingshausen, das Gut an den
damaligen Oberamtmann Volmar von Bernshofen, der es 1649 ganz
erwarb.
Nun
blieb das Gut fast 100 Jahre im Besitz der Familie von
Bernshofen. Diese war mit Nieder-Ramstadt sehr verbunden, was
durch die Übernahme zahlreicher Patenschaften und
Stiftungen an die Kirche zu ersehen ist. Die beiden letzten
Familienmitglieder, zwei unverheiratete Töchter, die das
Gut von dem 1690 verstorbenen Oberamtmann geerbt hatten, starben
1744 bzw. 1747. Damit war das Geschlecht erloschen. Das Gut ging
in den Besitz von Verwandten über. Der Teil mit dem
Wohnhaus, dem »Schloß«, war so in den Besitz
des Freiherrn von Botzheim gelangt.
Nun beginnt die
»bürgerliche« Periode des Gutes. 1756 hat
Freiherr von Botzheim seinen Anteil am Gut mit dem Wohnhaus an
den in Roßdorf ansässigen Oberlandkommissar Johann
Georg Hoffmann verkauft. Noch im gleichen Jahr ließ dieser
das baufällige Herrenhaus größtenteils abbrechen
und durch einen Neubau ersetzen. Der neue Besitzer verewigte
sich durch eine Tafel über dem Türsturz mit seinem und
dem Namen seiner Frau, seinem Familienwappen und der Jahreszahl
1756:

Text
im oberen Türsturz: „Johann Georg Hoffmann –
Fürstl. hessen-darmstat. Land – Commissarius und
seine eheliche Hausfrau Maria Catharina gebohrne Eberhornin" Im
unteren Sturz: „An Gottes Segen ist alles gelegen".

Das
Hauswappen im unteren Türsturz
Vor
dem Altar in der Nieder-Ramstädter Kirche wurde 1763 Maria
Katharina Hofmann geb. Eberhorn bestattet, die Frau des Erbauers
des „Schlosses“. Die Grabplatte ist bei der
Renovierung des Kirchenraumes 1952 entfernt worden..
Im
Erbgang ging das Haus an seinen Sohn, den Nieder-Ramstädter
Schultheißen Wilhelm Alexander Emelius Hoffmann, der das
Schultheißenamt von 1766 bis 1793 innehatte, über.
Mit ihm starb die Familie Hoffmann aus.
Wilhelm
Alexander Emelius Hoffmann war mit M. Katharina Illig
(1750-1820) aus der bekannten Nieder-Ramstädter
Papiermachersippe verheiratet. Die Ehe blieb kinderlos, weshalb
das Ehepaar den gesamten Besitz ihrer Nichte, der M. Katharina
Illig (1785-1811), von Elmshausen bei Bensheim vermachte, die
mit dem gewesenen Papierfabrikanten zu Ober-Ursel, Gastwirt zu
Eberstadt Wilhelm Christoph Schneider, geboren zu
Stockstadt/Rhein verheiratet war. Von 1793 an bis 1919 war das
Anwesen im Besitz der Familie Schneider, woher sich der in
Nieder-Ramstadt übliche Name »Schneidershaus«
erklärt.
Wilhelm
Christoph Schneider hatte an der Erbschaft wenig Freude, denn
der Besitz war verschuldet. Er verlor den Wald auf dem Kohlberg
und den größten Teil der Ländereien im
Stettbachtal. Er setzte 1824 seinem Leben ein Ende. Das Haus
wurde aus der Masse für die Kinder aus erster Ehe
angekauft. Bis 1830 war es vermietet.

Auszug
aus einem von Hans Rauch † bearbeiteten Abdruck aus der
Flurkarte von 1841: Gelb eingerahmt das Gut, darin schwarz
das Schloß oder Schneidershaus. Schraffiert die
Nebengebäude und Remisen.
Zwischenzeitlich,
um 1830, waren Überlegungen angestellt worden, das
Schneidersche Haus in ein Schulhaus umzubauen, da das alte
Schulhaus am Schulberg baufällig war. Es gab bereits schon
konkrete Pläne, doch wurden diese nicht verwirklicht, unter
anderem auch deswegen, »weil das Klappern der benachbarten
Brückenmühle den Unterricht allzu sehr stören
würde«.
Wilhelm Christoph Schneider folgte der
noch in Eberstadt geborene Adam Christian Schneider und auf ihn
der letzte Besitzer Emil Wilhelm Alexander Schneider, der wie
sein Vorgänger Küfer, Gast- und Landwirt war. Der
letzte Schneider starb 1916. Die Schneiders betrieben im Haus
und in dem dazu gehörenden schönen Garten eine
Gaststätte mit Gartenwirtschaft, die weit über die
Grenzen Nieder-Ramstadts bekannt wurde.
Obwohl die
Schneiders seriöse und tüchtige Gasthalter waren, ging
es mit dem Gut abwärts. Äcker und Wiesen ebenso die
Baumbestände des Waldbesitzes wurden verkauft. 1909
erfolgte dann der Verkauf eines Teils der Hofreite und des
Schloßgartens als Baugelände. Der damalige Komplex
umfaßte mit Wohnhaus (Schloß), Nebengebäuden,
Hof und Park (Gartenwirtschaft) 1469 m2,
der sich anschließende Schloßgarten 4252 m2.
Durch diesen Komplex wurde eine neue Straße gelegt, das
parallel zur Modau verlaufende Teilstück der
Schloßgartenstraße. Die Bauplätze lagen
beiderseits des neuen Straßenstücks im ehemaligen
Schloßgarten.
Das Wohnhaus mit den Nebengebäuden
wurde 1919 von der Gemeinde erworben, die darin Mietwohnungen
einrichtete. 1969 beschloß die Gemeindevertretung die
Sanierung des Ortskernes und die Errichtung eines
Gemeindezentrums. Im Bereich
Dornwegshöhstraße/Schloßgartenstraße
sollte ein Bürgerhaus mit Rathaus sowie ein
Feuerwehrgerätehaus mit Räumen für das Deutsche
Rote Kreuz und die Ortsvereine entstehen. Durch Beschluß
der Gemeindevertretung war festgelegt, alle im Bereich der
Schloßgartenstraße liegenden Gemeindehäuser
nach ihrem Freiwerden abzutragen. Für die Umquartierung der
Bewohner wurde eigens ein 30-Familienwohnhaus im Baugebiet Hag
errichtet.
In der Bevölkerung war der Plan, das
Schneidersche Haus ebenfalls abzutragen, nicht unumstritten.
Noch in letzter Minute versuchte ein Bürgerkreis den
Abbruch mit dem Hinweis auf den historischen Wert des Hauses zu
verhindern. Doch alle Einwände halfen nichts. Der Abbruch
wurde noch vor Weihnachten 1972 vollzogen. Damit war nach der
Beseitigung des Alten Rathauses von 1840, der Friedenslinde mit
dem Kriegerdenkmal von 1912 und dem alten Zollhaus ein weiteres
Stück des alten Nieder-Ramstädter Ortskernes
verschwunden. Bald folgten auch noch das Gasthaus zum Löwen
und das Brückenscholzsche Haus, wodurch die bauhistorische
Substanz des alten Nieder-Ramstädter Ortskernes zwischen
Kirche und Dornwegshöhstraße nur noch vom ehem.
Gasthaus Zur Linde und dem ehem. Bäckerhof Bahnhofstraße
1 repräsentiert wird.
Der
Rest vom Schloß: Der Wappenstein
Hans
Möller † war unter den wenigen Einheimischen, die
1972 gegen den Abbruch des Schlosses (des Schneidershauses)
vergeblich protestierten. Er hat den Wappenstein aus dem Sturz
über dem Portal sichergestellt und bis zu seinem Tod
aufbewahrt.
Die Gemeinde Mühltal hat den Stein auf
Veranlassung des Arbeitskreises Heimatgeschichte Mühltal
zur Erinnerung am ehemaligen Standort des Hauses in eine
Einfriedigungs-Mauer eingefügt.
Das
Rätsel des Wappensteins von
Heinz Bormuth
Das Wappen des ehem. Schneiderschen Hauses
gibt Rätsel auf. Eindeutig ist es ein Wappen im
Renaissancestil mit allen Stilmerkmalen dieser Zeit: Der Helm
über dem Wappenschild mit dem Anker, der Helmzier als
tuchschwingende Frau und ausgeprägtgen Helmdecken.
Das
Datum ist offenbar in jüngster Zeit überarbeitet
worden, m. E. falsch, denn die zweite Ziffer müsste eine 5
und nicht eine 7 sein, im 15. und 16. Jh. hat man die 1 mit dem
dargestellten Schnörkel, die 5 aber ähnlich wie später
die 7 geschrieben. Dies hat man bei der Restaurierung offenbar
nicht verstanden. Die zwei Balken (Fenstersturz und Türsturz)
gehören deshalb wohl nicht zusammen.
Möglicherweise
stammt der untere Balken mit dem Wappen von dem Vorgängerbau
und der Balken mit der Hoffmann-Inschrift vom Neubau.
Dabei
muss auch folgendes überprüft werden: Die hess.
Landkommission wurde 1777 nach der Berufung des Kanzlers Frh.
von Moser begründet. Damals lebte „Landcommissarius“
Hoffmann offenbar nicht mehr, denn Maria Catharina Hoffmann wird
im Hess. Ortsnamenbuch (S. 513) schon 1760 als Witwe bezeichnet.
Hier gibt es noch Forschungsbedarf.
Baurat Fritz Nodnagel
beschreibt in einer Beilage „Heimatliche Bauweise“
zum Gewerbeblatt im Februar 1911 Hauszeichen und Zunftwappen. Er
zeigt die Abbildungen zweier identischer Schlußsteine.
Beide enthalten in einem Wappenschild den Anker als Symbol und
darüber eine aufrecht stehende weibliche Gestalt „in
gesegneten Umständen“, ein Tuch über dem Kopfe
schwingend.
Eine der Abbildungen stellt das Wappen an
der Haustüre des Gasthauses Schneider in Nieder-Ramstadt
dar und scheint nach Nodnagel das jüngere von beiden zu
sein (Jahreszahl 1756). Die Jahreszahl des anderen abgebildeten
Wappens am Torbogen des Hauses Geistberg Nr. 7 in Mainz ist
undeutlich. Nach der Zwei zu schließen (172x) dürfe
es aber das ältere sein. In welchem Zusammenhang die beiden
Wappen stehen, ist nicht bekannt.
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Autor: Karl
Dehnert † Heinz Bormuth †
Der
Aufsatz von Karl Dehnert ist weitgehend inhaltsgleich in der
Chronik für Nieder-Ramstadt, 1988, Gemeinde Mühltal,
erschienen

Christel
Franze-Merlau (Roßdorf):
Johann
Georg Hofmann, * ca. 1699 verh. vor 1725 mit Maria
Catharina Eberhorn(in),
war
1733 bis 1756 mit dem herrschaftl. Hof in Roßdorf belehnt.
Es handelt sich um das Bobenhausensche Gut unterhalb der Kirche,
später genannt "die Ochsenschule",
leider in den 80er Jahren abgerissen für einen
Parkplatz.
Das Hauptgebäude war genutzt seit 1828
als Gastwirtschaft "Zum Odenwald", später als
Schulhaus. In dieser Zeit war der Faselstall in den
Stallgebäuden untergebracht (daher der Name Ochsenschule).
Nach 1945 im Hauptgebäude Unterbringung von
Vertriebenen/Flüchtlingen.
7 Kinder des Ehepaares
Hofmann sind in in Roßdorf bekannt. Die Kinder 6 und 7
sind in Roßdorf geboren, und zwar 1735 und 1737. Das 3.
Kind Wilhelm Alexander Emil war von 1766 bis 1793 Schultheiß
in Nieder-Ramstadt.


Das
Schneiderdhaus: Ansicht von Süden vor 1970

Ansicht
von Norden vor 1970




Zwei
identische Schlußsteine, gezeichnet von Nodnagel 1911 (s.
„Das Rätsel des Wappensteines“ links). Oben das
Nieder-Ramstädter, mitte das Mainzer Sandsteinrelief. In
beiden Wappenabbildungen hat der Künstler den
obligatorischen Helm über dem Wappenschild (Anker)
vernachlässigt, nicht aber die Helmzier (die Dame) und die
Helmdecke (Verzierungen).
Unten: Der Helm im Ausschnitt
aus der Fotografie des Nieder-Ramstädter Wappensteines.
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