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Weinbau
in Nieder-Ramstadt
Der Wingertsberg war im 16.
Jahrhundert eines der bedeutendsten Weinbaugebiete der
Nieder-Ramstädter Gemarkung. Wein war als „Haustrunk“
weit verbreitet. Der Weinbau war in früherer Zeit neben dem
Bäcker- und Müllergewerbe eine wichtige Einnahmequelle
der Nieder-Ramstädter Bewohner.
Dies war auch im 1966
verliehenen Ortswappen deutlich dargestellt: die Rebblätter
erinnern an den früheren Nieder-Ramstädter Weinbau, die
Brezeln an die große Bedeutung der einstigen Bäcker-
und Müllerzunft.
Wein ist ein alkoholisches Getränk,
das aus Weintraubensaft hergestellt wird. Die Weinreben gedeihen
auf terrassenförmigen Flächen, besonders in sonnigen
Lagen, wobei der Boden einen besonderen Einfluß auf Wachstum
und Qualität hat. Der Weinbau ist eine der höchsten
Arbeitsaufwand erfordernden landwirtschaftlichen Kulturen, weshalb
die Bewirtschaftung in den meist mit Arbeitskräften stark
besetzten Familienbetrieben durchgeführt wird. Ein mäßig
feuchtes, sonniges Klima ist Voraussetzung für gutes
Gedeihen; hinzu kommt ein regelmäßiger Rebschnitt,
Anbinden, 4-5maliges Hacken, 3-4 Laubarbeiten, Düngung und
3-4maliges Spritzen gegen Krankheiten und Schädlinge. Zu
diesem alljährlich notwendigen hohen Aufwand an Arbeit und
Betriebsmitteln tritt ein ebenso hoher Kapitalaufwand, da
frühestens erst Jahre nach der Anlage des Weinbergs geerntet
werden kann.
Heute macht der Wingertsberg seinem Namen
keine Ehre mehr. Die Hänge sind nicht mehr mit Reben, sondern
mit Wald und Hecken bewachsen. Die Flureinteilung der Gemarkung
erfolgte in drei Fluren entsprechend der bis ca. 1800 üblichen
Dreifelderwirtschaft:
Flur
I nördlich der Modau Flur II südlich der Modau,
nördlich des Griesbaches Flur III südlich der Modau,
südlich des Griesbaches
Daß
tatsächlich Wein in nicht unerheblichen Mengen angebaut
wurde, belehren uns noch die heutigen Flurnamen, die schon durch
ihren Namen auf ehemalige Weingärten hindeuten:
im
Sandwingert“ „hinter Schumachers Weinberg“ „vorn
am Kaysersberg bei Adam Krugen Weingarten“
Die Gewanne „in,
auf und an der Schmallert“ waren während des 16.
Jahrhunderts fast ganz und in den Jahren 1630 und 1700 noch zum
größten Teil mit Reben bepflanzt.
Im Jahr 2002
ließ der damalige Kultur- und Heimatverein Nieder-Ramstadt
die alte Tradition des Weinbaus wieder aufleben. Am „Weinberg
zum Schmallert“, wie man seinerzeit formulierte, wurden
pressewirksam die ersten Reben gesetzt. Zur ersten Weinlese, auf
die jeder gespannt war und die frühestens in zwei bis drei
Jahren hätte erfolgen können, ist es jedoch nicht
gekommen, denn man merkte bald, daß Weinanbau mit viel Mühe
und Arbeit verbunden ist. Heute gibt es nicht nur diesen Verein
nicht mehr, sondern auch von den damaligen Anpflanzungen ist
nichts mehr zu sehen. Soweit der Ausflug in die Neuzeit.
Früher
bedeckten die Weingärten eine große Fläche in den
Gewannen „in und am Schäfersberg“, „in der
Mittelbach“ und „hinter den Wiesen“. Zahlreiche
Wingerte gab es auch „ in der Griesbach“ und „im
Selbenrech“. Ebenso war in der Gewann „auf dem
Cloßberg“ noch 1630 ein ganzer eingehegter Bezirk nur
mit Reben angelegt. Reben traf man außerdem häufig in
den Gewannen „in der Steig“, „am Lotzenberg“
(Richtung Nieder-Beerbach) und vereinzelt auch „im alten
Graben“. Der Stephansberg, die höchste Erhebung der
hinter der Kirche ansteigenden Anhöhe, hieß früher
„Stephanswingert“ und deutete ebenso auf Weinbau
hin.
Nach dem 30-jährigen Krieg (1618 – 1648)
und später auch durch wirtschaftlichen, besonders
landwirtschaftlichen Strukturwandel nahm der Weinbau immer weiter
ab. Trotzdem gab es auch im 19. Jahrhundert in Nieder-Ramstadt und
Umgebung (Bessungen, Darmstadt) noch einzelne Weingärten. Den
letzten Weinberg in unserer Gemarkung bepflanzte der ehemalige
Bürgermeister Friedrich Bender. Auf dem vorderen
Schlottenberg, einem über dem Bahnhof gelegenen Wingert,
wurden im Jahr 1887 die letzten Trauben geerntet.
Alte
Rechnungen der Kellerei Darmstadt geben uns Aufschluß über
die Menge des im 16. Jahrhundert erzielten Weines. Landgraf
Philipp der Großmütige hatte eine Weinsteuer, das
sogenannte “Um- oder Ungeld“ eingeführt, die für
Nieder-Ramstadt schon 1513 erwähnt ist und halbjährlich
berechnet wurde. Sie machte den zehnten Teil des Geldwertes aus,
den die Reifwirte für verzapften und ausgeschenkten Wein
eingenommen hatten.
Die jährlichen Steuererträge
betrugen für Nieder-Ramstadt in den Jahren
1568
= 152 Gulden, 1569 = 154 Gulden, 1570 = 233 Gulden, 1572
= 274 Gulden und 1573 = über 188 Gulden.
Wenn man diese
Zahlen mit 10 multipliziert, erhält man die von den
Schankwirten vereinnahmten Summen. Demnach haben die
Nieder-Ramstädter Schankwirte im Jahr 1572 = 2740 Gulden
eingenommen. Das entsprach im Jahr 1913 = 15579.- RM.
Nieder-Ramstadt stand mit diesen Summen an erster Stelle von allen
Orten des Amtes Darmstadt.
Die Menge des 1572 in
Nieder-Ramstadt verschankten Weines betrug 953 Hektoliter, wobei
ein Durchschnittspreis von 12 Pfennigen für die Maß (=
2 Liter) angenommen ist. Davon haben natürlich die Einwohner
selbst einen beträchtlichen Teil getrunken, da es nicht
möglich war, den gewöhnlichen und sicherlich sauren
(herben) Wein auswärts zu verkaufen. Die Reifwirte haben
somit überwiegend ihren eigenen Wein ausgeschenkt, da sie
selbst ja auch Wein angebaut haben. Wenn man davon ausgeht, daß
auch damals schon in steuerlicher Hinsicht manipuliert wurde,
scheint eine Summe von 1100 Hektoliter als realistisch.
Wir
sehen also, daß der Weinbau somit zu den wichtigsten
Einnahmenquellen der Bauern gehörte. Schon damals wußte
man, daß Weintrinker gesellige Menschen sind. In den
Wirtschaften ging es oft hoch her!
Durch die hohen Erträge
des Weinbaus wurde natürlich auch die Trinkfreudigkeit der
Einwohner gefördert, so daß im Jahr 1614 der damalige
Pfarrer Stumpf sich von der Kanzel aus gegen die ausgedehnten
Gasthausbesuche und sonntäglichen Zechereien aussprach und
die Lockerung der guten Sitten anprangerte.
An vielen
Häusern im Ort hing seinerzeit ein Faßreif als Zeichen
für die Vorbeikommenden, daß die Wirte, ähnlich
wie heute bei den Straußwirtschaften, die Erlaubnis zum
Ausschank des Weines erhalten haben und sie somit einluden, bei
ihnen einzukehren.
An Wirtsnamen sind uns folgende
überliefert:
Jerg
Bauer Petter Kremer Hanß Spiß Mor Lengen
(Leonhard Mohr) Jacob Leckhaup (Luckhaupt) Hanß
Leckhaup Hanß Stumpf Philips
Leckhaup Drisser Henche (Hennchen Traiser) Lorentz
Motze (= der damalige Pfarrer – von 1526-1560 im Amt)
(Die
evangelische Landeskirche hat heute noch ihr eigenes Weingut in
Rheinhessen und verkauft ihren Wein bei der Kirchenverwaltung am
Paulusplatz in Darmstadt)
Hanß
Beßhan Philips Nongesser Wenlin Schlosser Lenhardt
Kremer Ehwaldt Pfeiffer Veltin Schumacher Hanß
Hoffmann Dilmann Schneider Stheffen Herder Quirin von
Wimpffen, u.a.
Das Ungeld wurde
von 33 Weinbergbesitzern bzw. Schankwirten entrichtet.
Heute
erkennt man vielerorts noch im Gelände die ehemals
vorhandenen Weinterrassen und staunt immer wieder, wie stark der
Weinbau in unserem Gebiet verbreitet war. Man hat den Eindruck,
als wäre er wichtiger gewesen als etwa der Getreideanbau.
Leider ist nicht bekannt, welche Rebsorten angepflanzt wurden. Er
war ohnehin ohne Sorten- und Qualitätsangabe überwiegend
für den Eigenbedarf bestimmt. Dieser einst so bedeutende
Wirtschaftszweig ist heute in Nieder-Ramstadt überhaupt nicht
mehr vertreten.
Der Weinbau ist staatlich geregelt, wobei
immer mehr EG-Regelungen der Sache wenig dienlich sind, sondern
sie vielmehr verschlimmbessern. Weinberge gibt es nur in
festgelegten Weinanbaugebieten. Außerhalb derselben werden
keine neuen genehmigt
Wir befinden uns
hier im Weinanbaugebiet „Hessische Bergstraße“ –
Bereich Starkenburg. Bergsträßer Weine gelten heute als
edel und hochqualitativ, ihre Winzer als innovativ und seriös.
In unserer näheren Umgebung wird Weinanbau gewerblich u.a. in
Seeheim, Roßdorf, Reinheim , Groß-Umstadt und
selbstverständlich entlang der gesamten Bergstraße
betrieben.
Hobbywinzer finden wir aber auch in Neutsch
(Gaststätte Lautenschläger), in Eberstadt am
Steigertsweg (Arbeitsgruppe des Eberstädter Bürgervereins),
in Pfungstadt (Stadt) und in Darmstadt (Polizeipräsidium).
Dieses Schlupfloch ist möglich, weil die
„Hessische
Verordnung über die Abgabe für den Stabilisierungsfonds
nach dem Gesetz über die Maßnahme auf dem Gebiet der
Weinwirtschaft“ vom 13. August 1963 im § 2 bestimmt,
daß Anpflanzungen dann nicht als Weinbergflächen
gelten, wenn sie mit weniger als 100 Weinreben bepflanzt sind.
Hier haben wir die magischen 99 Rebstöcke, die jedermann ohne
staatliche Genehmigung anpflanzen kann.
An manchen
Hauswänden, Fassaden, Zäunen und Lauben wachsen auch in
Nieder-Ramstadt heute noch Reben. Die Trauben sind jedoch wegen
ihrer vielen Kerne und zäher Haut nicht allzu beliebt. Vögel
jedoch sind davon ganz begeistert!
Zum Weinbau gibt es
natürlich auch einige Bauernregeln:
Hat
der Wein abgeblüht auf St. Vit (= 15. Juni), bringt er
schönes Weinjahr mit. Nur in der Juliglut, wird Obst und
Wein dir gut. Septemberregen ist dem Bauer gelegen, wenn er
aber den Winzer trifft, ist er ebenso schlecht wie Gift. Oktober
– Sonnenschein schüttet Zucker in den Wein.
Auch viele
unserer Dichter und Denker haben sich über den Wein
ausgelassen:
„Wo´s
keinen Wein mehr gibt, gibt`s keine Liebe.“ (Europides) „Wo
der Wein fehlt, sterben selbst die Reize der Aphrodite und machen
der Menschen wüst und freudlos.“ (Europides 480 –
406 v. Chr.) „Zuviel kann man wohl trinken, doch nie
trinkt man genug.“ (Gotthold Ephraim Lessing) „In
vino veritas – im Wein liegt die Wahrheit.“
(Platon) „Guter Wein ist der beste Diplomat!“
(Talleyrand) „Wein ist kein Genußmittel, sondern
eine Medizin.“ (Louis Pasteur 1822 – 1895) „Wer
nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben
lang.“ (Martin Luther - angeblich)
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Autor: Harald
Zeitz


Ein
zusammenfassender Aufsatz von Hans Hohlmann


Weinbau
war weit über
die Region hinaus ein wichtiger Zweig der Landwirtschaft. Im
Nachbardorf Nieder-Modau hat sich für dessen Einheimische
über die Jahrhunderte der Spitzname „Murrer Essig“
erhalten – wohl in Anspielung auf die Eigenart des dortigen
Weines.


Auf
Rämschter Reben gewachsen,Jahrgang 2011: Es gibt sie noch,
die privaten Hausweinbereiter

Der
mißlungene Versuch,
im Angedenken
an die Rämschter Weinbaugeschichte einen kleinen Wingert auf
der Schmallert anzulegen

Südhang
der Schmallert
mit Einfahrt
zum Straßentunnel. Die in den Hang hineingearbeiteten
Terrassen, die die Bearbeitung des Bodens und der Reben
erleichterten, sind gut zu erkennen.

Blick von
der Schmallert nach Traisa.Im Hintergrund der Taunus.

Blick vom
Klosberg über das Waschenbachtal zur Schabeck

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