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Nieder-Ramstadt
– ein Weindorf?
Da wird wohl mancher
Zeitgenosse ungläubig den Kopf schütteln. Zwar gibt es
mittlerweile wieder in paar Hobby-Winzer, aber immer noch weniger
als etwa vor dem letzten Weltkrieg, wo noch viele Fassaden, Zäune
und Lauben weinumrankt waren,
Jedoch vor dem
Dreißigjährigen Krieg, im 16. Jahrhundert, der
Blütezeit des Rämschter Weinbaues, kam man in ganz
Südhessen an den Rämschtern nicht vorbei, wenn man schon
von Wein sprach. Daß man dies so genau weiß, verdanken
wir dem Umstand, daß der Fiskus – unabhängig von
Staats- und Regierungsform – schon immer versucht hat, zur
Deckung sogenannter öffentlicher Ausgaben Steuern und Abgaben
zu erheben, die auf halbwegs kontrollierbaren gewerblichen
Umsätzen beruhen.
So hat auch Landgraf Philipp der
Großmütige in seinen Landen den Weinausschank mit einem
Um- oder Ungeld belegt. Im Amt Darmstadt war es sogar schon früher
eingeführt und Nieder-Ramstadt erscheint schon 1513 in den
Listen der Darmstädter Kellerei. Greift man aus diesen
Aufstellungen das Jahr 1572 heraus, so ergibt sich für
Nieder-Ramstadt eine Summe von 274 Gulden, für Darmstadt von
192 Gulden, für Arheilgen von 133 Gulden, für alle
anderen Orte weniger,
Welch wichtige Einnahmequelle das
Ungeld war, mag man daran erkennen, daß z.B. 1596 für
die Stadt Darmstadt das Weinungeld 293 Gulden = 22 v.H. der
Haushaltseinnahmen ergab. Wenn wir jedoch noch einmal auf das Jahr
1572 zurückgreifen,so läßt sich die Menge des
offiziell von den Reifenwirten*) ausgeschenkten Weines mit 953
Hektoliter errechnen. Wenn man ein gewisses Maß an
Eigenverbrauch hinzurechnet und davon ausgeht, daß auch
damals schon in steuerlicher Hinsicht manipuliert wurde, erscheint
eine Summe von 1100 Hektolitern als realistisch. Das bedeutet bei
rd. 800 Einwohnern einen Verbrauch von 130 Litern pro Kopf und
Jahr. Da kann man schon von einem „Weindorf“ sprechen.
Durch den Dreißigjährigen Krieg und später
auch durch wirtschaftlichen, bes. landwirtschaftlichen
Strukturwandel, ging der Weinau immer mehr zurück. Die letzte
mehr oder weniger gewerbliche Weinernte fand im Jahre 1887 auf dem
Schlottenberg statt, das ist der Berg unmittelbar über dem
Bahnhof. Der letzte „Weinbauer“ war der damalige
Bürgermeister Friedrich Bender, dessen Sohn, der „Löwenwirt“,
noch etlichen Rämschtern in Erinnerung sein wird (1994). Als
Kuriosum soll erwähnt werden, daß sich der erste
evangelische Pfarrer Laurentius Motz, der von 1526 bis 1560 im Amt
war, unter den Reifwirten fand.
An den Weinbau erinnern
noch zahlreiche Gewannamen wie z.B.“ Wingertsberg“,
„Im Sandwingert“, „Hinter Schumachers Weinberg“,
„Auf dem Klosberg“ (Clos = umfriedeter Wingert), aber
auch Geländestrukturen, wie dies besonders deutlich an der
fein terrassierten Schmallert erkennbar ist.
So gesehen
haben natürlich „die blauen Rebblätter in den
silbernen Feldern“ des 1966/67 neu geschaffenen
Nieder-Ramstädter Wappens ihre volle Berechtigung.
*)
so genannt, weil ein Faßreif am Haus auf den Weinausschank
hinwies.
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Autor: Hans
Hohlmann †



Das
amtliche Wappen der Gemeinde Nieder-Ramstadt (bis
31.12.1976)
mit den Zeichen der bedeutendsten
Wirtschaftszweige in der Vergangenheit,dem Müller- und
Bäckergewerbe sowie dem Weinbau.


Der
Wingertsberg war einst eine der bedeutendsten Lagen im Weindorf
Nieder-Ramstadt. Seit 1896 wurde in seinem Innern Gabbrogestein
abgebaut – der Berg wurde zum Krater (Luftbild: Otto Reeg †)
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