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Kur
und Erholung, Künstlersiedlung, Villenkolonie
Trautheim
ist nach der Einwohnerzahl die drittgrößte Ortschaft
im Mühltal. Die Siedlung ist entstanden auf dem
Gemeindegebiet Nieder-Ramstadts und war folglich Teil
Nieder-Ramstadts, bis die Gemeinde Nieder-Ramstadt in der neuen
Gemeinde Mühltal aufging. Nieder-Ramstadt, Trautheim und
der schon 1390 nachgewiesene Weiler Mordach sind somit heute
drei Gemeindeteile Mühltals auf der Gemarkung
Nieder-Ramstadt.
Ab
1871 entstanden die ersten Häuser nahe dem Forsthaus
Emmelinenhütte. 1871 erbaute der Darmstädter Bankier
Karl Heinrich Bopp ein Landhaus, 1891 folgte das heutige
Floethsche Haus und 1895 die „Villa Trautheim", beide
erbaut von Rudolf Vollrath. Dieser war aus Mitteldeutschland
hierher übersiedelt und hatte sein zweites Haus nach seinem
Sohn „Trautheim" benannt. Ein Novum war der Name
indes nicht, denn im Schweizer Engelberg bestand schon ein
großes Hotel dieses Namens.
Der Sohn Bopps war
ein enger Freund des letzten Großherzogs und Gründer
des Schwimmklubs "Jung-Deutschland" in Darmstadt, des
heutigen DSW. Er stellte vor dem Ersten Weltkrieg den Weißen
Dragonern ein Grundstück östlich der heutigen Alten
Darmstadt Straße, also schräg gegenüber seinem
Vaterhaus, als Übungsgelände zur Verfügung. Diese
"Funkerwiese" wurde bis 1918 vom Militär genutzt,
später war sie Fußballplatz.
Am
1. Juni 1894 erhielt er die Genehmigung zum Betrieb einer
Gastwirtschaft. Sie wurde seit 1903 als „Kurhaus Trautheim
im Odenwald" bezeichnet, seit 1906 gab sie der entstehenden
Siedlung den Namen. Veranlaßt durch die idyllische
landschaftliche Lage, bequeme Spazierwege und das gute Klima
entstanden weitere Villen auch in der Gewann „Auf der
Steinkaute" nahe der Gemarkungsgrenze zu Traisa, 1893 die
heutige Villa Tachtler - lange Zeit eine angesehene
Naturheilanstalt - und 1894 die Kaffeewirtschaft von August
Böning, Vorläuferin des weithin bekannten Hotels und
Cafés „Waldesruh".
Weitere wichtige
Impulse bekam die Bebauung mit baukünstlerisch wertvollen
Wohngebäuden durch die Gartenstadtbewegung um die
Jahrhundertwende 1900. Der Verein Gartenstadt
Nieder-Ramstadt/Traisa scheiterte zwar im Ersten Weltkrieg,
schuf aber bis dahin bemerkenswerte architektonische und
künstlerische Werke am Rande von Traisa, auf dem Lohberg in
Nieder-Ramstadt und in der Landschaft, die heute Trautheim
geworden ist.
Trautheim,
ein fruchtbarer Boden für kluge Geister
Das
Trautheim der Dreißigerjahre war ein gutbürgerliches
Wohngebiet, eine "Villenkolonie", so die offizielle
postalische Bezeichnung. Aber Trautheim war keine
"Künstlerkolonie", wie es manchmal hieß.
Dazu waren die Künstler in der Minderzahl und die Motive zu
unterschiedlich, die die Menschen bewogen, in Trautheim ihren
Wohnsitz zu nehmen. Aber man hatte Freunde, Kollegen. Es sprach
sich herum, daß „der Kleukens in Trautheim wohnt“
oder Hermann Velte ein schönes Atelier direkt am Wald
hatte.
Man kann verstehen, daß sich Freundschaften
bildeten mit Nachbarn, Menschen aus aus anderen Berufen, Beamte,
Kaufleute, Pädagogen, Juristen, daß ein Klima des
Miteinanders entstand, ein Lebensraum für geistigen und
künstlerischen Austausch.
Vor
allem zog es immer wieder Künstler nach Trautheim.
J.
H. Müller in
einem Beitrag für den Regionalen Informationsdienst
Odenwald (23.4.1997):
„Eine
Villensiedlung in unberührter Landschaft
Gegen
Ende des 19. Jahrhunderts entstand in unberührter
Landschaft aus einem Naherholungsgebiet die Kolonie Trautheim.
Sie entwickelte sich parallel zu den anderen "Gartenstädten"
Darmstadts (Paulusviertel, Villenkolonie Eberstadt,
Komponistenviertel), war jedoch ähnlich der Mathildenhöhe
eine Kolonie, der Architekten, Künstler und Anhänger
der Reformbewegung eine eigene Prägung gaben.
Bis
1871 nur ein Forsthaus
Bis
1871 war die Emmelinenhütte, der Vorgängerbau des
heutigen Forsthauses, das einzige Gebäude in der Umgebung
gewesen. Seit der Zeit der Romantik hatte sie sich zum beliebten
Ausflugsziel der Darmstädter Bevölkerung entwickelt,
die auf ihren ausgedehnten Spaziergängen über den
Papiermüllerweg ins Modautal oder zum Lindenberg-Tempel
hier Zwischenstation machte. Die schön gelegenen Felder und
Wiesen am Waldrand boten sich geradezu an als Sitz von
Wochenend- und Sommerhäusern. Und so baute sich als erster
ein Darmstädter Bankier in direkter Nachbarschaft zum
Forstwarthaus 1871 ein Landhaus.
Die
Odenwaldbahn erhöht den Wohnwert
Mit
dem Bau der Odenwald-Eisenbahnlinie 1870 hatte die klimatisch
begünstigte Gegend zusätzlich an Attraktivität
gewonnen. Die Sommerhäuser wurden zu Wohnhäusern
umgenutzt, eine Vielzahl von Kur und Erholungsheimen, Cafés
und Gaststätten entstand. Das "vegetarische Speisehaus
mit Gästezimmern der Erholung", das Rudolf Vollrath
1896 errichtete, gab der Siedlung ihren Namen. Einer seiner
Söhne hieß Ehregott Trautheim, nach ihm benannte er
die Gaststätte. 1911 ließ sich Christian Heinrich
Kleukens, ein Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie,
in Trautheim nieder. Ihm folgten viele andere Künstler und
Architekten nach, sowie Persönlichkeiten, die der Jugend-
und Reformbewegung nahestanden. Einer von ihnen war Johannes
Aff, der maßgeblich an der Gründung der
Baugenossenschaft 'Wildnis" 1919 beteiligt war und als der
"Vater Trautheims" gilt.
Aus
der „Wildnis“ wird eine Ortschaft
Die
Baugenossenschaft wollte die "Künstlerkolonie"
auch unter sozialen Gesichtspunkten weiterentwickelt wissen. Den
Bau von gesundem und zweckmäßig eingerichtetem
Wohnraum für sozial benachteiligte Familien, vorzugsweise
Kriegsteilnehmer oder deren Angehörige, wollten sie zu
billigen Preisen fördern. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren
21 Häuser entstanden, weit verstreut zu beiden Seiten der
Odenwaldstraße, die erst zwischen 1896 und 1899 zur
Chaussee ausgebaut worden war. Bis 1940 hatte die Siedlung im
wesentlichen die heutige Ausdehnung erreicht, begrenzt von der
Waldstraße und Bahnlinie im Norden und der Straße
"Am Klingenteich" im Süden, eingefaßt von
Wald und Wiesen im Westen und Osten. In der Nachkriegszeit wurde
die Bebauung verdichtet, eine Entwicklung, die in jüngster
Zeit verstärkt wieder eingesetzt hat und den
ursprünglichen, weitläufigen Charakter der Kolonie
Trautheim zu zerstören droht.
Ein
Bilderbuch der Architektur
Beginnend
am "Haus Elim" läßt sich bei einem Rundgang
durch Trautheim wie in einem Bilderbuch der Architektur
blättern. Die ganze Spannbreite der historisierenden Formen
des Heimatstils, die Prägung durch den Darmstädter
Jugendstil, die später unter funktionalen und
experimentellen Gesichtspunkten entstandene Versachlichung,
lassen sich am erhaltenen Baubestand ablesen.
"Haus
Elim" (Alte Darmstädter Straße 9), 1889 als
Erholungsheim gebaut, und die Gaststätte 'Villa Trautheim"
(Am Trautheim 1) von 1896 sind als die ersten Bauten noch stark
von der Gründerzeit geprägt. Weiter östlich zeugt
das Jugendstil-Wohnhaus des Architekten Max Hill "Haus
Eisenhut" (In der Röde 20) aus dem Jahre 1912 von dem
Einfluß seines "Lehrers" Joseph Maria Olbrich.
Am Ende dieser Straße liegt zurückgesetzt das
Dachhaus (Odenwaldstraße 65), ebenfalls von Hill 1922
gebaut, das als Vorläufer der Fertigbauweise angesehen
werden kann und nach nur drei Monaten Bauzeit bezugsfähig
war.
Nicht
alle dieser Baudenkmäler stehen noch
Auf
dem Weg nach Süden durch die "Alte Darmstädter
Straße" und die "Alte Dieburger Straße"
gelangt man zu den beiden Häusern, die Prof. Franz Schuster
aus Wien baute. "Die Arche" (Am Klingenteich 15) von
1933 ist wie das Dachhaus ein Versuch, die Holzbauweise
durchzusetzen, um niedrigere Baukosten zu erreichen. Gegenüber
liegt ein Holzhaus (Am Klingenteich 20), das Schuster als
Musterhaus für Arbeitersiedlungen entworfen hat.
Auf
dem Rückweg über den Papiermüllerweg durch den
Wald kann man die Ruhe und Beschaulichkeit genießen, die
die Begründer der Kolonie so geschätzt haben.“
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Text: Helmut
Rückert
 Volker
Teutschländer

Der
Beitrag von J.H. Müller ist übernommen mit
freundlicher Genehmigung aus:
Regionaler
Informationsdienst Odenwald:

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 Ausschnitt
aus einer Ansichtspostkarte (Anfang 20. Jh.): „Kurhaus
Trautheim im Odenwald“, das der Siedlung und späteren
Ortsteil den Namen gegeben hat.

Mehr
zum Verein „Gartenstadt Nieder-Ramstadt/Traisa“:


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