|
Am
27.12.1870 wurde die neue Odenwaldbahn eröffnet, was sicher
die Attraktivität unserer Gegend als Ausflugsziel der
Darmstädter Bürger erhöhte. Vielleicht ist es
diesem Umstand zuzuschreiben, daß der Darmstädter
Bankier Heinrich Bopp ein Grundstück in der Nähe der
Emmelinenhütte erwarb, auf dem er 1871 ein Landhaus
erbaute. Sommerhäuser dieser Art waren damals in
großbürgerlichen Kreisen weit verbreitet. Man lebte
und arbeitete zwar in der Residenz, zog sich aber gerne im
Sommer in die Landhäuser zurück. Bevorzugte Gegend war
die vordere Bergstraße, besonders beliebt war
Jugenheim.
Daß nun Bopp seine "Datscha",
wie er das Haus nannte, ausgerechnet hier, neben der kleinen
Forstwarthütte errichtete, wird in seinen Kreisen wohl
kopfschüttelndes Unverständnis ausgelöst haben.
Heute können wir die Wahl Bopps nur begrüßen,
denn dieses Sommerhaus ist die Keimzelle unseres Ortsteils
Trautheim.
Heinrich Bopp war Direktor und Mitbegründer
der "Bank für Handel und Industrie" in Darmstadt,
der Vorläuferin der "Darmstädter und
Nationalbank", in den Zwanzigerjahren eines der
bedeutendsten Finanzinstitute Deutschlands. Ein zeitgenössisches
Gemälde zeigt ihn als einen energischen, ernsten Herren mit
einem ausladenden Backenbart.
Er schenkte das neue Haus
seiner aus Rußland stammenden Frau zur Hochzeit. Heinrich
Bopp konnte sich aber nur kurze Zeit seines Trautheimer Besitzes
erfreuen, 1876 starb er bereits. Seine Frau ließ das neben
dem Landhaus stehende Kutscherhaus als Gästehaus ausbauen,
um ihrer zahlreichen Verwandtschaft Unterkunft zu bieten. Dieses
Gästehaus, 1912 nochmals umgebaut, steht heute noch (Alte
Darmstädter Straße Nr.3), während das Boppsche
Haupthaus 1969 abgerissen wurde, um den heute dort stehenden
Reihenhäusern Platz zu machen. Der Boppsche Grundbesitz,
den der Sohn Dr. Alexander Bopp durch Zukauf erweiterte, umfaßte
große Teile des Gebietes westlich der Alten Darmstädter
Straße von der Emmelinenhütte bis zu dem heutigen
Haus Brammer, Alte Darmstädter Straße 25. Der
Schwiegersohn Dr. Carl Alwin Schenck pflanzte auf dem Grundstück
seltene Bäume, von denen heute leider kaum noch etwas zu
sehen ist. Schenck war ein bedeutender Forstmann, der 1898 in
den USA die erste Forstschule gründete und damit dort die
Forstwissenschaft einführte.
Die Boppschen Häuser
wurden, wie die anderen frühen Landhäuser Trautheims,
nur in den Sommermonaten bewohnt. Erst nach 1918 dienten sie
ganzjährig als Wohnsitz. Frau Maria Bopp verkaufte in den
folgenden Jahren einen Teil des riesigen Grundstücks; als
sie 1932 starb, waren immerhin noch rd. 6000 qm vorhanden.
Der
Sohn des Bankiers Bopp, der Rechtsanwalt Dr. Alexander Bopp, war
ein Freund des Großherzogs Ernst Ludwig und Gründer
des Schwimmklubs "Jung-Deutschland" in Darmstadt, des
heutigen DSW. Er stellte vor dem Ersten Weltkrieg den Weißen
Dragonern ein Gelände östlich der Alten Darmstädter
Straße zu Übungszwecken zur Verfügung. Diese
"Funkerwiese" wurde bis 1918 vom Militär genutzt,
später war sie Fußballplatz. 1914 ist Alexander Bopp
bereits gefallen.
|