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Geschichte
> Trautheim > Persönlichkeiten
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Stand:
05.07.2011
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Prof.
Dr. Martin Wagenschein
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Autor: Helmut
Rückert



Dr.
Martin Wagenschein 1896 – 1988 mit Ehefrau Wera
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Eine
der bedeutendsten Persönlichkeiten Trautheims war der 1988
verstorbene Prof. Dr. Dr. h.c. Martin Wagenschein. Der
promovierte Physiker war als Pädagoge und Didaktiker
wegbereitend in der Entwicklung neuer Unterrichtsinhalte und
Lehrmethoden im naturwissenschaftlichen Bereich. Er leistete
bedeutende und grundlegende Beiträge zur Theorie des
Lehrens und Lernens, war ein Praktiker, dessen Schüler und
Studenten von seiner Persönlichkeit und seinem Unterricht
gefangen und geprägt wurden, und er gab darüber hinaus
ein Beispiel "für eine praktische, an den Bedürfnissen
der Schule orientierte und hinderliche Fachgrenzen überwindende
Pädagogik, die Modelle für neue Lösungen enthält
und auf welche eine künftige schulpädagogische und
fachdidaktische Forschung mit Gewinn zurückgreifen kann".
So Walter Köhnlein in seiner Nürnberg-Erlanger
Dissertation 1973. Oder wie es einer meiner Freunde, ein Schüler
Wagenscheins an der Aufbauschule, einmal sagte: "Wenn er
etwas erklärte, verstanden es alle sofort". Wohl das
schönste Kompliment für einen Pädagogen!
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Martin
Wagenschein wurde 1896 in Gießen geboren, Dort studierte
er nach dem Besuch des Realgymnasiums Physik und Mathematik.
Beides Disziplinen, die ihm als vorurteilsfreie und objektive
Fundamente allen Wissens erschienen. Später hat sich ihm
die Auflösung dieses Irrtums als die "notwendige
Aufgabe allen physikalischen Schulunterrichts enthüllt",
kundgetan mit der Folgerung, daß "wir nicht Physiker
Vorschulen, sondern Menschen zu bilden (haben)...so daß
auch einige Physiker werden können". Nach dem
Staatsexamen und der Promotion zum Dr. phil. in Physik 1921 war
er ein Jahr lang Assistent an der Universität in Gießen
und trat dann in den staatlichen Schuldienst ein. Dort lernte er
Unterrichtsmethoden kennen, die mit seinen persönlichen
Vorstellungen nicht übereinstimmten. Er spricht später
von "vorbeugenden Dompteuranweisungen wie Beherrschung der
Klasse mit einem Blick, nie ihr den Rücken zukehren, fester
Standort, nicht umhergehen, in den ersten Wochen niemals
lächeln!" Dazu kamen die verständnislosen
Gängeleien durch Vorgesetzte und Kollegen und der in
Routine erstarrte Unterrichtsbetrieb.
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So
nahm er das Angebot des bekannten Reformers Paul Geheeb dankbar
an, als Lehrer an seine Freie Schulgemeinde Odenwaldschule in
Oberhambach bei Hep-penheim zu gehen. Die neun Jahre in dieser
"pädagogischen Provinz am Waldrand" waren für
den jungen Lehrer von prägendem Einfluß für
sein ganzes Leben. Die Zeit war für ihn "so bedeutsam
hell wie die Antike für die westliche Welt" wie er
einmal schreibt. Hier hat er Pädagogik als Lebensraum und
die Freiheit des Lehrens erfahren, Austausch, nicht Belehrung
als unverrückbare Basis des Unterrichts, eine Pädagogik,
die ernst macht mit dem übergeordneten Lehrziel zum
"mündigen Bürger". Wagenschein stand in der
Odenwaldschule, wie er bemerkte, "nicht vor einer Klasse
von Schülern, ich sah mich von Kindern umgeben, die ja
etwas anderes sind als Schüler. Wenn sie Kind bleiben
dürfen, dann wollen sie lernen". Kinder wurden
ermutigt, ihre Sicht der Dinge angstfrei zu äußern.
Wagenschein wurde zum Verfechter eines freien Lernens, "keine
Jahrgangsklassen, kein Sitzenbleiben, statt dessen Fachgruppen,
Epochenunterricht, Koedukation, radikale Verdichtung des Stoffes
auf Themenkreise, keine Noten, wohl aber Urteile".
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In
dieser Zeit entwickelte Wagenschein eine eigenständige
pädagogische Konzeption mit Impulsen für die Reform
der Unterrichtsorganisation und Gedanken über die
erzieherische Aufgabe des naturwissenschaftlichen Unterrichts.
Er plädierte dafür, an exemplarischen Beispielen, wo
möglich am Kontext der Entstehungsgeschichte des Problems,
in die Tiefe zu gehen und damit einerseits das Typische eines
Faches sichtbar zu machen und andererseits die Fachgrenzen zu
überschreiten. Der so "Gebildete" übernimmt
Verantwortung für sein Lernen und behält den Stil des
forschenden und entdek-kenden Lernens bei. Um das Prinzip des
"Exemplarischen" kreiste seine gesamte pädagogische
Arbeit.
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1934
mußte Geheeb emigrieren, und Wagenschein trat, wieder als
Lehrer für Physik und Mathematik, in Darmstadt in den
Schuldienst ein. 1938 erwarb er ein Grundstück in
Trautheim, In der Rode 21, und bezog dort ein Jahr später
sein kleines Haus, in dem er bis zu seinem Tod lebte. Nach 1945
unterrichtete er an der Aufbauschule in Traisa. Diese Zeit
bezeichnete er als seine zweite pädagogisch schöne
Zeit. Die Kinder kamen fast alle vom Land oder aus dem Osten,
dazu etwa 50 ehemalige Kriegsteilnehmer, die hier ihr Abitur
nachholen wollten. Alle waren begierig auf Wissen und Bildung.
Trotz der widrigen Umstände - alle Säle waren ständig
überfüllt, (Wagenschein bezeichnet dies als den
"Glanz der Improvisation") - entwickelte sich ein
Unterricht nach seiner Art. "Freie Gespräche mit
Fragen, wie sie weder früher noch später kamen".
Einige Zeit danach gehörte er zum Gründerkreis des
"Schuldorfes Bergstraße", an dem er erfahren
konnte, was es heißt, "im Rahmen der Natur zu
lehren".
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Seit
etwa 1950 verlegte Wagenschein seine Tätigkeit immer mehr
auf Einrichtungen, wo er mehr für die Reform des
mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts tun konnte als
im beengten Rahmen von einzelnen Schulen. Er machte aber keine
pädagogische Kompromisse, übernahm nie eine
Leitungsfunktion in der Schulverwaltung oder im
Universitätsbetrieb. Er beteiligte sich an praktischen
staatlichen Schulversuchen und an Bildungsplänen besonders
zur Auflockerung der Oberstufe. 1951 nahm er an der Konferenz
"Universität und Schule" in Tübingen teil,
an der sich namhafte Wissenschaftler und Schulpraktiker mit
Problemen einer Umgestaltung der Bildungseinrichtungen und
Lehrmethoden beschäftigten. Wagenschein, der an der
wichtigen "Tübinger Resolution" mitarbeitete,
brachte seine Theorie des "Exemplarischen Lernens"
ein, wo sich Widerstand formierte gegen eine flüchtig
angesammelte Vielwisserei und die Häufung von
Prüfungsfächern im Abitur. Bei der Gruppe der
gymnasialen Physiker stieß er teilweise auf Ablehnung,
aber er hatte auch viele Befürworter. Dies war die
Geburtsstunde des "exemplarischen Prinzips" in der
modernen Pädagogik, das mit dem Namen Wagenschein aufs
engste verbunden ist.
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Es
folgten Lehraufträge an der Universität Frankfurt und
der TH Darmstadt. Von 1956 bis 1978 lehrte er als
Honorarprofessor an der Universität Tübingen. Er war
im Landesschulbeirat Hessen tätig und Mitglied im Ausschuß
Höhere Schulen des Deutschen Ausschusses für
Erziehungs- und Bildungswesen. Die Reihe seiner Ehrungen ist
lang, sie alle aufzuzählen, würde diesen Rahmen
sprengen. Zwei seien hier erwähnt. 1978 verlieh ihm die TH
Darmstadt die Würde eines Doktors ehrenhalber für
seine Verdienste um die Verbesserung des Unterrichts für
die Gesamtheit der Schulen. In der Laudatio heißt es
u.a.:"... die Ideen dieses Mannes voll hilfsbereiter Güte
und Weisheit sind zum Grundbestand der Ausbildung künftiger
Lehrer geworden". Diese Auszeichnung hat ihn besonders
"überrascht und beglückt", sah er sich doch
als "Outsider". "Eben deshalb", sagten
diejenigen, die ihn ehrten. 1986 bekam er den Ehrenpreis für
Didaktik der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, dem
erlauchtesten Gremium deutscher Physiker.
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Wagenschein
hat nicht nur eine Generation von Naturwissenschaftlern
didaktisch geprägt, sein Einfluß dehnte sich auch auf
Lehrer anderer Fachrichtungen aus. Viele seiner Ideen wurden
zwar anerkannt, werden aber nicht praktiziert, da sie einerseits
stark von seiner Persönlichkeit geprägt waren,
andererseits unsere Gesellschaft die Schulen immer noch
vorrangig als Institutionen zur Auslese junger Menschen für
gesellschaftliche Positionen sieht. Deshalb nannte der
international führende Mathematiker Hans Freudenthal 1978
Wagenschein: "Das pädagogische Gewissen des
Fachwissenschaftlers".
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Wagenschein
war ein großer Verehrer des Ober-Ramstädter
Physikers, Schriftstellers und Spötters Georg Christoph
Lichtenberg; beide einte die Kritik am bloßen
Kompendienwissen und der Widerstand gegen das Auseinanderdriften
von Geistes- und Naturwissenschaft.
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Martin
Wagenschein war einfach, bescheiden und anspruchslos in seiner
persönlichen Lebensführung, die den Akzent auf das
Qualitative setzte, auf Menschlichkeit, auf das Staunen und
Sichergreifenlassen. Er lag damit im Widerspruch zum Zeitgeist.
Den Trautheimer Mitbewohnern sind die Wagenscheins als
naturliebende Wanderer in Erinnerung: Zwei hochgewachsene
Gestalten, bis ins Alter aufrecht schreitend, den kleinen
Rucksack auf dem Rücken, freundlich dem Gruß dankend.
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