|

|
|
...
|
Geschichte
> Traisa
|
Stand:
17.09.2010
|
|
|
|
|
|
|
Traisa
bis zum 19. Jahrhundert
|
Autor Karl
Dehnert



Das
Ortsgerichtssiegel von 1622 zeigt die gleichen Symbole, die die
Gemeinde Traisa angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung des
Bäckerhandwerks in ihrem Siegel führte.
Mehr:



Die
drei Sterne im amtlichen Gemeindewappen (bis 1976) erinnerten an
die Entstehung Traisas aus den „Drei Traisen“

Einfall
der Mansfelder in Hessen
Neben Schadensaufstellungen
ließ die landgräfliche Regierung einen amtlichen
Bericht Über die Greueltaten der Mansfeldischen Truppen 1622
in unserer Heimat aufstellen und in allen Orten glaubwürdige
Zeugen vernehmen. In den „Südhessischen Chroniken aus
der Zeit des Dreißigjährigen Krieges –
Geschichtsblätter des Kreises Bergstraße 1983“
wird
Hans
Luckhaupt
wie
folgt zitiert: Mansfeldisch Volk sei bei
ihnen gewesen, er sich aber bald mit den Seinigen davon und nach
Umstadt begeben und in vier Wochen daselbst ufgehalten. Hans
Waltern hätten sie geknebelt, alles geplündert; sein,
des Zeugen, beneben noch dreien Häusern seien abgebronnen.
Aller Hausrat zerschlagen, allen Vorrat an Korn und Spelzen
mitgenommen.


Traisas
erste Schule, zugleich das älteste Haus am Ort, freilich im
besseren Zustand als der geschilderte

Traisas
„neue“ Schule – das Hauptgebäude von
1906

Gesamtansicht
„Luftkurortes Traisa im Odenwald“ mit dem
Behrens-Hufnagelschen Gasthof im Vordergrund

Teil
des Titelblattes einer Festschrift zum 50jährigen Bestehen
des Gesangvereins „Eintracht“ Traisa im Jahre
1913

Mehr
über
die
Odenwaldbahn und den Bahnhof Nieder-Ramstadt/Traisa (heute:
„Mühltal“)



Traisas
Rathaus
|
|
|
|
Traisas
Gerichtstag an Laurenzi
|
|
|
|
Von
1527 an waren die dreu Deeyseb ub Händen der hessischen
Landgrafen und gehörten nach der Teilung Hessens 1567 zur
Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. Verwaltungsmäßig
waren Nieder- und Ober-Traisa schon in der Katzenlelnbogener Zeit
der Zent Pfungstadt unterstellt, deren schriftliche
Aufzeichnungen 1422 beginnen. Nach dem Weistum von 1492 ist der
Landgraf oberster Vogt und Herr des Gerichts. Traisa gehörte
der Zent und dem Zentgericht bis 1821 an.
|
|
Neben
der hohen Gerichtsbarkeit der Zent gab es noch die Orts- oder
Zentgerichte. In Nieder-Traisa hatten bis 1316 die Groschlag von
Dieburg, dann das Kloster Höchst und ab 1372 die Schenken
von Erbach das Dorfgericht inne bis es dann 1527 an Hessen kam.
Die Dorfgerichte verhandelten Rügen und Veräußerungen
von Besitz. Vom Traisaer Gericht ist das von 1551 bis 1634
geführte „Rügengerichtsbüchlein“
erhalten, in dem die Rechtsgrundsätze und Strafen aufgeführt
sind. Ein Vermerk im Salbuch des Amtes Pfungstadt von 1571
bestätigt, daß Traisa ein Halbgericht mit sieben
Schöffen hatte, das einmal im Jahr auf Laurentzentag
gehalten wurde.
|
|
Das
Ortsgerichtssiegel aus dem Jahre 1622 zeigt einen Wappenschild
mit zwei Spitzwecken und einer Brezel sowie die Umschrift „DES
GERICHT SIGILL ZU DRES". Es soll 1944 in Darmstadt verbrannt
sein
|
|
|
|
Krieg
und Notzeiten
|
|
|
|
In
dieser Zeit wird unsere Heimat oft von Krieg und Not überzogen,
worüber wir durch schriftliche Aufzeichnungen unterrichtet
sind. Die Dörfer wurden geplündert und ausgeraubt, so
1518 in der Sickingschen, 1546 während der Schmalkaldischen
Fehde. Damals scheint Traisa, weil es etwas abseits lag, weniger
betroffen worden zu sein. Doch im 30jährigen Kriege mußte
auch unser Dorf wie die Umgebung schrecklich leiden.
|
|
1622
beim Mansfeldschen Einfall betrug der Schaden 2582 Reichstaler.
1634 nach der Nördlinger Schlacht hausten in Nieder-Ramstadt
die Kaiserlichen, in Traisa die Schweden. In dieser Zeit wurde
auch der gräfliche Hof in Ober-Traisa zerstört. Pest
und Hungersnot taten das ihrige, um die Bevölkerung zu
dezimieren. Auf dem Lande konnte sich wegen der Unsicherheit
niemand aufhalten, so sind vor allem die Frauen nach Darmstadt
geflüchtet, wo alle Kinder von 1636 bis 1650 getauft wurden.
Auch später, nach dem 30jährigen Kriege, wurden die
Ortschaften noch hart bedrängt. In den französischen
Raubkriegen von 1672-1679 und im spanischen Erbfolgekrieg
1701-1714 gab es wieder Raub und Plünderungen, auch wurden
hohe Kontributionen aus der Bevölkerung herausgepreßt.
|
|
|
|
Mittel-Traisa
besteht nicht mehr, Streit um Ober-Traisa
|
|
|
|
In
dieser Zeit wird Mittel-Traisa nicht mehr erwähnt. Aber
Nieder-Traisa und die Ober-Traisaer Mark erscheinen noch immer
als getrennte Teile.
|
|
Um
die letztere entbrennt 1602 ein heftiger Streit mit der Gemeinde
Ober-Ramstadt, später auch mit der Landgrafschaft, der bis
1730 anhängig war. Der Ausgangspunkt des Streites scheinen
Unstimmigkeiten wegen des Weidganges gewesen zu sein, jedoch
spielt der Tausch des der Gemeinde Ober-Ramstadt gehörenden
Waldes „der Spieß“ und „das Pfarrholz"
gegen die in Ober-Ramstädter Gemarkung gelegenen
landgräflichen Höfe und den Hof in Ober-Traisa eine
erhebliche Rolle. Über diesen Tausch liegt im Mühltaler
Gemeindearchiv eine nicht gesiegelte Abschrift des Vertrages von
1621 vor, daß die Gemarkung, soweit dieselbe außerhalb
des Wildzaunes lag, an die Gemeinde Ober-Ramstadt überging.
Damit war der größte Teil der Ober-Traisaer Mark an
Ober-Ramstadt gefallen, während der kleinere innerhalb des
Wildzaunes gelegene Teil dem Landgrafen vorbehalten blieb.
|
|
Im
Jahre 1634 wurde der Hof in Ober-Traisa zerstört und erst im
Jahre 1710 von Johann Albert Dippel, dem Sohn eines
Nieder-Ramstädter Pfarrers, wieder aufgebaut. 1730 wurde
zwischen Nieder-Traisa, Ober-Ramstadt und der Landgrafschaft ein
Vergleich geschlossen, wodurch die Ober-Traisaer Gemarkung an
Nieder-Traisa fiel und der Weidgang geregelt wurde. Nach der
Grenzfestlegung wurde die Gemarkung neu ausgesteint.
|
|
|
|
Aus
drei Dreysen ist ein Traisa geworden
|
|
|
|
Die
Traisaer Gemarkung hatte nunmehr ihre endgültige Gestalt
bekommen. Als 1783 Nieder-Traisa zum Amt Darmstadt kam, wurde es
fortan nur noch Traisa genannt, der Ober-Traisaer Hof
„Dippelshof". Nur noch die Grenzsteine am Dippelshof
erinnern an die frühere Zeit, denn sie tragen an der
Innenseite die Bezeichnung „OT", was Ober-Traisa
bedeutet. An die „drei Dreysen", aus denen das heutige
Traisa entstand, erinnern nur noch die drei Sterne im goldenen
Band letzten amtlichen Gemeindewappens Traisas.
|
|
|
|
Schon
einmal gemeinsam mit Nieder-Ramstadt
|
|
|
|
Als
1821 für das Gebiet des Großherzogtums
Hessen-Darmstadt eine neue Gemeindeordnung in Kraft trat, die die
seit Jahrhunderten gültige Gemeindeverfassung mit dem
Schultheiß als herrschaftlichen Ortsvorsteher ablöste,
war die Einwohnerzahl von Traisa nicht ausreichend, um als
selbständiger Ort weiter bestehen zu können. Traisa
hatte 1825 erst 451 Einwohner, also noch deutlich unter der
Mindesteinwohnerzahl von 500 Seelen, die erforderlich war, um
selbständig zu bleiben. Da Waschenbach seinerzeit noch
weniger Einwohner hatte, wurden Nieder-Ramstadt, Traisa und
Waschenbach zur „Bürgermeisterei Nieder-Ramstadt"
zusammengefaßt. Traisa bekam anstelle des früheren
Schultheißen und des Gerichts nur noch einen Beigeordneten
und 5 Gemeinderäte, die fortan über die speziellen
Traisaer Angelegenheiten mitzubestimmen hatten. Das galt
insbesondere für die finanziellen Belange der Gemeinde.
|
|
|
|
Die
„Alte Schule" in der Ludwigstraße
|
|
|
|
Um
die Finanzkraft der Gemeinde war es damals schlecht bestellt. Nur
mit Hilfe der reicheren Kirchengemeinden der Umgebung konnte 1813
in Traisa eine Schule eingerichtet werden. Es zeigte sich aber
bald, daß das erworbene „Schulhaus", das heutige
Haus Schmunk, Darmstädter Str. 4, nicht nur zu klein,
sondern auch baufällig war. Aus den Berichten zur damaligen
Situation geht hervor, daß in der Schulstube täglich
in 2 Schichten je bis zu 50 Schüler unterrichtet werden
mußten, daß das Haus insgesamt feucht war, auch nur
teilweise unterkellert, und das Dach so beschädigt war, das
es in die Schulstube und dem Lehrer in die Schlafstube regnete.
In einem Bericht wurde die Schule sogar als „feuchte
Spelunke" bezeichnet. Dem jahrelangen Kampf der örtlichen
Schulaufsicht, die seinerzeit der Nieder-Ramstädter Pfarrer
Vogel ausübte, die Schulverhältnisse zu verbessern und
ein neues Schulhaus zu bauen, verdanken wir neben anderen Quellen
einige Interessante Einblicke in die Traisaer Verhältnisse
um 1830: „. . . besteht der größte Teil der
Traisaer Einwohner aus wenig bemittelten Leuten, welche sich
hauptsächlich als Tagelöhner, durch Steinfuhren und
durch den Verkauf von Milch und dergleichen nach Darmstadt ihren
Lebensunterhalt erwerben, da sie bei ihrer sehr kleinen
Feldgemarkung sich durch Ackerbau nicht vollständig ernähren
können."
|
|
Traisa
bekam 1833/34 ein neues Schulhaus, das heute noch als „Alte
Schule" bekannte Haus Ludwigstraße 72. Der damalige
Bau war einstöckig und enthielt einen großen Schulsaal
sowie eine Lehrerwohnung. Ein kleines Türmchen mit der
Schulglocke zierte ehedem das Haus. Nach der Inbetriebnahme der
„Neuen Schule" in der Darmstädter Straße im
Jahre 1906 wurde die Alte Schule als Wohnhaus genutzt. 1920 wurde
sie wegen der großen Wohnungsnot um ein Stockwerk erhöht,
um weitere Wohnungen zu gewinnen.
|
|
|
|
Traisa
um 1830
|
|
|
|
Traisa
hatte 1825 nur 51 bewohnte Häuser. „Hauptstraße"
war damals die „Obergasse", später „Eberstädter
Straße", heute Ludwigstraße. Die Bebauung
reichte nur von der Einmündung des „Fahrwegs",
heute Darmstädter Straße, bis zur Einmündung der
Brunnengasse. Von der damaligen Ortsmitte führte die „Speck"
vorbei an der „Weed" und dem „Röhren-Brunnen"
vor den Häusern Beckers und Hamscher/Pech zur „Untergasse",
zu dem Teil der Nieder-Ramstädter Straße, die heute
noch als „Ochsengasse" bezeichnet wird. Allerdings
reichte die Bebauung nur bis zum heutigen Anwesen Schmidt, dem
früheren Faselstall – deshalb „Ochsengasse“.
Ober- und Untergasse waren durch die Brunnengasse verbunden.
|
|
An
ihrer Einmündung in die Obergasse (Ludwigstraße) vor
dem früheren Geschäft Wacker (heute Post-Agentur)
befand sich ein weiterer öffentlicher Brunnen, von dem es
jedoch keine Beschreibung gibt. Übrigens gab es in vielen
alten Traisaer Gehöften Brunnen und Quellen, die zur
Wasserversorgung genutzt wurden, die letzte im Anwesen Beckers.
Nach alten Überlieferungen soll es in Traisa und seiner
kleinen Gemarkung 230 Quellen gegeben haben. Die ergiebigste war
die im „Grundlosen Boden" an der Nieder-Ramstädter
Straße, die ab 1907 als einzige Quellfassung das Wasser für
das damals errichtete Wasserwerk lieferte.
|
|
|
|
1836
wieder selbständig
|
|
|
|
Traisa
wurde 1836 wieder selbständige Gemeinde. Carl Daub, bisher
Beigeordneter, wurde am 1. Oktober 1836 durch das
Großherzoglich-Hessische Ministerium des Innern und der
Justiz zum Bürgermeister ernannt. Die Bürgermeister der
kleineren Gemeinden waren damals (und bis 1976) ehrenamtlich
tätig.
|
|
|
|
Traisa
als Ausflugsort
|
|
|
|
Traisas
Reize mit Natur und Landschaft und die Tüchtigkeit einer
Reihe von Gastwirten förderten Traisas Ruhm als Ausflugsort
seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts. Für
die Gemeinde Traisa, inzwischen wieder selbständig mit
eigener Bürgermeisterei, war dieser „Fremdenverkehr“
von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung. Weiteres wird in
besonderen Artikeln behandelt.
|
|
Traisa
blieb jahrzehntelang ein stark besuchter Ausflugsort. Durch den
1. Weltkrieg und die nachfolgenden schweren Zeiten ging jedoch
der Besucherverkehr merklich zurück. Außerdem waren
seit der Jahrhundertwende am Waldrand verkehrsgünstig
gelegene Ausflugsziele entstanden, die Gaststätte
„Trautheim" und das Cafe „Waldesruh", die
einen beachtlichen Anteil der Ausflügler anzogen.
|
|
|
|
Die
Struktur Traisas verändert sich
|
|
|
|
Bei
der Volkszählung im Jahre 1856 hatte Traisa 560 Einwohner
und 77 bewohnte Häuser. Innerhalb der letzten 30 Jahre hatte
die Wohnbevölkerung um 109 Personen (19,5 %) zugenommen. Die
neuen Häuser, die in diesen 3 Jahrzehnten entstanden, wurden
meistens in der Ludwigstraße in Richtung Friedhof, der aber
erst 1872 angelegt wurde, errichtet. Einzelne Häuser
entstanden im Fahrweg zwischen Ludwig- und Jahnstraße sowie
in dem Ochsengasse genannten Teil der Nieder-Ramstädter
Straße.
|
|
Am
interessantesten ist jedoch die Gliederung der
Erwerbsbevölkerung, die sich aus dem Ergebnis der Erhebung
herauslesen läßt. So wurden für Traisa neben 65
Tagelöhnern bereits 40 Fabrikarbeiter erfaßt, nämlich
28 % der Erwerbstätigen. Nieder-Ramstadt mit damals 1478
Einwohnern wies nur 17 Fabrikarbeiter, 4,3 % der Erwerbstätigen,
aus. Pfarrer Vogel vermerkte „daß die Traisaer
Arbeiter täglich in die Fabriken nach Darmstadt gehen und
daselbst einen guten Verdienst haben". Das „Gehen"
ist wörtlich zu nehmen, denn es gab damals weder Eisenbahn,
noch Fahrrad oder gar Auto. Zu Fuß ging es durch den Wald,
morgens hin und abends nach einem 12- bis 14-Stunden-Tag wieder
zu Fuß zurück. Beliebt waren die Arbeitsstellen bei
der Firma Merck, die sich damals noch am „Mercksplatz"
befand, wo heute in Darmstadt das Finanzamt und das Hallenbad
stehen. Der hohe und später ständig steigende Anteil an
Arbeiterhaushalten an der Gesamtbevölkerung hat sich prägend
für die Gemeinde Traisa ausgewirkt.
|
|
|
|
Streben
nach Fortschritt, Bildung, politischen Freiheiten
|
|
|
|
Ab
1863 erlebte unsere engere Heimat eine Welle von
Vereinsgründungen. Liberale Ideen schlugen sich nieder, es
entstehen Arbeiterbildungsvereine, Fortschrittsvereine und
ähnliche. In Traisa wurde ein Arbeiterbildungsverein
gegründet, wobei nach der Überlieferung Bürgermeister
Rückert, Ober-Ramstadt, Pate stand. Dieser Verein, dessen
ideelle Zielsetzung „die Hebung der Bildung in den
einfachen Ständen" war, gewann rasch einen großen
Teil der Bevölkerung und zählte nach kurzer Zeit 120
Personen als Mitglieder.
|
|
Über
die Vereinstätigkeit der Anfangsjahre ist leider nur wenig
überliefert, doch wurde von Anfang an vierstimmiger
Männergesang gepflegt. Der Traisaer Verein erlitt jedoch das
gleiche Schicksal wie die Vereine in anderen Gemeinden, nämlich
Einstellung der Aktivitäten wegen der schlechten
wirtschaftlichen Entwicklung und den kriegerischen
Auseinandersetzungen zwischen Preußen und Österreich
1866, sowie dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Erst
danach lebte die Vereinstätigkeit wieder auf und so
erscheint ab Januar 1873 Traisas erster Verein wieder, jetzt aber
unter dem Namen „Gesangverein Eintracht".
|
|
|
|
Die
neue Mobilität erfordert Straßen
|
|
|
|
Im
Zusammenhang mit dem geplanten Ausbau einer chaussierten
Wegeverbindung nach Darmstadt ist uns ein interessanter Bericht
über die wirtschaftlichen Belange der Gemeinde Traisa
erhalten. Damals verlief die wichtigste Straße von
Ober-Ramstadt bzw. dem oberen Modautal über Nieder-Ramstadt,
nämlich über die Dornwegshöhstraße und Alte
Darmstädter Straße zum späteren Gasthaus
Trautheim und von dort etwa auf der Trasse der B 449 zum
Böllenfalltor.
|
|
Die
heutige direkte Verbindung über die Odenwaldstraße (B
449) vom „Dreieck" (an der Modaubrücke) zum
Trautheim wurde erst 1898 fertiggestellt. Die Traisaer benutzten
bis dahin unbefestigte Wege zur „Alten Ober-Ramstädter
Straße", den „Valtinsweg" am Kinderheim
vorbei, heute „Datterichpfad", den „Fahrweg",
teils auch den „Röderweg".
|
|
Der
Traisaer Gemeinderat setzte sich sehr für eine chaussierte
Direktverbindung nach Darmstadt ein, lehnte jedoch den Anschluß
an die über Nieder-Ramstadt führende Straße ab.
Die Begründung war einleuchtend:
|
|
„Die
Traisaer haben noch niemals den chaussierten Weg von Traisa über
Nieder-Ramstadt benutzt um nach Darmstadt zu kommen und werden
ihn auch künftig nicht benutzen, weil er einen Umweg von 700
Klafter (ca. 3 km) = 21 Minuten hat und außerdem wegen
seinem abwechselnden Gefäll (Dornwegshöhe) schwierig zu
fahren ist."
|
|
Im
übrigen unterstreicht der Gemeinderat die Notwendigkeit,
einen chaussierten Weg zu bauen mit dem Hinweis auf die
wirtschaftliche Situation der Gemeinde:
|
|
„Die
betreffende Straße soll nicht nur für die Traisaer
Milchkarren dienen, sondern auch für anderes Fahrwerk. Von
Traisa werden nach Darmstadt Steine, Holz, Mehl und allerlei
Feldgewächse gefahren. Auch die Traisaer Fußgänger
werden bei schlechter Witterung den fraglichen Weg benutzen.
Besondere Erwähnung verdient, daß Traisa ein
Vergnügungs- und Erholungsort der Darmstädter ist,
wobei es oft vorkommt, daß die in großer Anzahl
Hierhergekommenen unerwartet vom Regen überfallen werden,
wodurch dieselben in eine unangenehme Lage wegen des bodenlosen
Heimwegs geraten. Die Darmstädter gehen nicht nur, sondern
reiten und fahren auch hierher."
|
|
Die
im Bericht erwähnten „Traisaer Milchkarren"
weisen auf die Bedeutung eines Gewerbes hin, das über 100
Jahre von vielen Traisaern betrieben wurde. Die „Milcher",
wie sie allgemein genannt wurden, brachten mit ihren Karren
Milch, aber auch Eier, Butter und andere Erzeugnisse nach
Darmstadt und verkauften sie in ihren Bezirken „an der
Haustür". Die Milcher hatten die Erlaubnis, mit ihren
Karren einen Weg neben der Alten Ober-Ramstädter Straße
zu befahren, der dadurch den Namen „Milchpfad" bekam.
|
|
Im
gleichen Jahr 1866 wurde auch das erste Haus am Weg nach
Nieder-Ramstadt erbaut, das Haus Nie-der-Ramstädter Straße
51, Müller-Krämer-Dehnert, das fast 100 Jahre den
Ortseingang bildete. Erst zwei Jahrzehnte später wurden dort
weitere Häuser errichtet.
|
|
|
|
Die
Odenwaldbahn – der Anschluß an die Welt
|
|
|
|
Schon
1861 begannen die Überlegungen über eine Bahnverbindung
zwischen dem Odenwald und Darmstadt. Nach der Entscheidung über
die Trassenführung kam es in den Anliegergemeinden, so auch
in Traisa und Nieder-Ramstadt, zu schwierigen Verhandlungen wegen
der Bereitstellung des erforderlichen Geländes für den
Bahnkörper, aber auch wegen der teilweise notwendigen
Änderung der Trassenführung von Straßen und
Wegen.
|
|
In
einer für heutige Verhältnisse unvorstellbaren Eile
konnten die Probleme gelöst und schon 1869 mit dem Bau
begonnen werden. Andere Schwierigkeiten gab es wegen der
Bodenverhältnisse beim Bau der Überführung der
Nieder-Ramstädter Straße kurz vor dem Bahnhof.
|
|
Die
Gewann „Im grundlosen Boden“ machte ihrem Namen alle
Ehre! Der Brückenbau wurde erheblich verzögert, weil
sich für die Fundamente in üblichen Tiefen kein
tragfähiger Boden fand. Letztlich wurden Faschinenbündel
in den morastigen Grund versenkt, auf die die Brückengründung
aufbetoniert wurde. Im Dezember 1870 wurde der Streckenabschnitt
Darmstadt (Ost) – Nieder-Ramstadt/Traisa fertiggestellt,
und am 27. Dezember lief der erste Zug aus Darmstadt auf dem
Bahnhof ein.
|
|
|
|
Das
neue Rathaus
|
|
|
|
1866
erhielt Traisa sein schönes, für die damalige Zeit
stattliches Rathaus. Es wurde an der Stelle des ehemaligen
Hirtenhauses errichtet. Im oberen Stockwerk befand sich ein Saal,
wo zunächst die Gemeinderatssitzungen, aber auch
Holzversteigerungen und ähnliches stattfanden. Später,
wahrscheinlich ab 1876, diente dieser Raum als Schulsaal, denn
durch den stetigen Bevölkerungsanstieg hatte die Schülerzahl
so zugenommen, daß eine zweite Klasse eingerichtet werden
mußte.
|
|
In
einer alten Federzeichnung ist an der linken Seite des Rathauses
zu ebener Erde ein Tor zu sehen, das nach Breite und Höhe
die Einstellung eines Wagens ermöglichte. Der dahinter
liegende Raum war wahrscheinlich der Aufbewahrungsort der
Feuerwehrgeräte, bevor das Spritzenhaus in der Darmstädter
Straße erbaut wurde.
|
|
|
|
Zwei
Kriege in fünf Jahren
|
|
|
|
1866
war Kriegsjahr. In der Auseinandersetzung zwischen Preußen
und Österreich stand Hessen-Darmstadt auf Seiten der
Österreicher. Die schnelle Niederlage der österreichischen
Armee bei Königgrätz ließ den österreichischen
Verbündeten keine Chance. Am 18. Juli wurde Frankfurt, am
21. Juli Darmstadt von preußischen Truppen besetzt. Auch in
Traisa wurde ein preußisches Kontingent einquartiert.
|
|
Das
Jahr 1870 brachte überraschend den Deutsch-Französischen
Krieg. Die Stimmung der Bevölkerung gibt ein Vermerk in der
Nieder-Ramstädter Pfarrchronik wieder: „Mächtig
war die Erregung, die der im Juli so plötzlich
hervorbrechende Krieg in den Gemütern unserer
Gemeindemitglieder hervorrief".
|
|
Aus
Traisa zogen 19 Bürger ins Feld, einer von ihnen fiel, zwei
wurden verwundet. Die heimgekehrten Krieger schlossen sich 1873
im „Kriegerverein Traisa" zusammen, der zunächst
Zweigverein des Kriegervereins Ober-Ramstadt war, aber seit 1875
als selbständiger Verein mit 25 Mitgliedern fortgeführt
wurde. Zur Erinnerung an den siegreichen Feldzug errichtete der
Verein an der „Speck" an der Straßenseite
gegenüber der „Weed", zunächst eine
Gedenktafel und pflanzte eine Friedenslinde. Der Platz wurde 1899
neu gestaltet. Es entstand der „Dallesplatz", wie ihn
die alten Traisaer noch kennen. Dabei mußte der Gedenkstein
und die Linde entfernt werden. Ein neues Denkmal wurde im
Anschluß an den „Dalles" errichtet und anläßlich
des 25. Stiftungsfestes des Kriegervereins im Jahre 1900
eingeweiht.
|
|
|
|
Frieden:
Wirtschaft und Gemeinschaft wachsen
|
|
|
|
Die
folgenden drei Jahrzehnte in der Entwicklung Traisas verliefen
verhältnismäßig ruhig. Der Ort wuchs langsam aber
stetig. Die Bebauung der Ludwigstraße erfolgte sowohl in
östlicher Richtung bis zum Friedhofsweg, in
westlicher-jedoch nur auf der Nordseite - bis zum Röderweg.
Einzelne Häuser wurden auch in der Röderstraße
zwischen Ludwig- und Nieder-Ramstädter Straße erbaut.
Dieses Straßenstück hieß damals „In der
kleinen Hohl" und war seinerzeit noch nicht als Straße
ausgebaut.
|
|
Bedeutung
hatten damals zwei Vereinsgründungen, nämlich die der
Turngemeinde im Jahre 1879 und der Freiwilligen Feuerwehr 1880.
Die Zahl der Ortsvereine war damit auf vier angewachsen, wodurch
eine nicht unwesentliche Bereicherung des gesellschaftlichen
Lebens eintrat. So haben die Turner 1881 die Traisaer
Fastnachtstradition begründet. Damals wurde erstmals am
Fastnachtsdienstag der „Prinz Karneval" mit Musik und
Tamtam am Bahnhof abgeholt und ein zünftiger Lumpenball
gehalten. Die Errichtung der Turnhalle 1886 in der Darmstädter
Straße/Ecke Weingartenstraße (heute EDEKA-Markt) war
ein bedeutender Schritt, konnten doch jetzt auch die Turnstunden
im Winter abgehalten werden..
|
|
In
dieser Zeitspanne machte auch der Dippelshof wieder von sich
reden. Nach dem Verkauf des Hofes 1858 durch Jakob Stähly,
wechselten die Besitzer und Pächter rasch, was für die
Entwicklung des Hofes keineswegs förderlich war. Die
Gaststätte verlor an Ruf und Bedeutung. 1888 erwarb der
Kaufmann Gebhardt aus Elberfeld den Hof, schloß die
Gaststätte und wandelte den landwirtschaftlichen Betrieb in
eine Obstplantage um. Auch die Baulichkeiten wurden verbessert.
Nachdem der Betrieb wieder auf einer gesunden Grundlage stand,
verkaufte er diesen 1898 an Oberstleutnant Friedrich Wilhelm
Bullrich. Dieser Besitzwechsel hatte nicht nur für den Hof,
sondern auch für die Gemeinde Traisa nachhaltige Folgen, wie
an anderer Stelle berichtet wird
|