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Geschichte Waschenbach

Stand: 14.06.2011

 

 

 


 

Die Gemeinde seit 1968


Bürgermeister Dr. Paulßen

Wie schon vier Jahre vorher bewarben sich auch 1968 drei Gruppierungen um den Einzug ins Gemeindeparlament. Wegen der gestiegenen Einwohnerzahl war dieses übrigens auf neun Sitze erhöht worden. Es wurden nominiert

bei der Wählergruppe Waschenbach WW:
Ernst Adam, Bruno Müller, Kurt von der Heyden, Helmut Dietz, Georg Keller, Adam Geyer, Ernst Filka

bei der Freien Wählervereinigung FW: Dr. Johann Friedrich Paulßen, Erich Kaffenberger, Heinz Peter Schäfer, Heinz Poth, Valentin Creter, Wilhelm Mahr, Peter Germann, Adam Müller V

bei der SPD: Georg Krauß, Erwin Pahlke, Georg Schmidt, Karl May, Adam Schwinn, Emil Ehrhardt, Heinrich Schnellbacher, Bernd Schuchmann, Georg Krichbaum

Aus heutiger Sicht bemerkenswert war das große kommunalpolitische Interesse der Ortsbürger. Erklärlich allerdings, weil in der noch selbständigen Gemeinde wichtige Entscheidungen zu treffen waren. Auffällig: Es fehlten die Frauen.

Kleine Episode am Rand: Die Liste der SPD wurde zunächst abgelehnt, weil sie erst einige Minuten nach Ablauf der Frist eingereicht worden war. Es gab aber einen erfolgreichen Protest, denn das Wahlamt war schon vor dem Ende der Frist nicht mehr besetzt gewesen.

Die Wahl am 20.10.1968 brachte folgendes Ergebnis:

Dr. Johann Friedrich Paulßen FW
Erich Kaffenberger FW
Heinz Peter Schäfer FW
Heinz Poth FW
Ernst Adam WW
Bruno Müller WW
Kurt von der Heyden WW
Georg Krauß SPD
Erwin Pahlke SPD

Stärkste Fraktion war die FW geworden (37,2%), die WW hatte ihre Mehrheit verloren (35,7%), die SPD hatte ihre Stammwähler mobilisiert (27,1%).

Die konstituierende Sitzung des neuen Gemeinderats im November 1968 wurde von Erwin Pahlke geleitet, mit 73 Jahren sozusagen der Alterspräsident. Peter Wembacher trat nicht mehr zur Wahl des Bürgermeisters an. In einer kurzen Rede bedankte er sich bei seinen Helfern der vergangenen vier Jahre, vor allem bei Anneliese Müller, die quasi seine rechte Hand gewesen war, und den Gemeindevertretern Ernst Kühn und Ernst Adam. Unter der Leitung von Valentin Creter wurde in geheimer Wahl Dr. Paulßen zum neuen Bürgermeister gewählt (6 Ja, 2 Nein, eine Enthaltung). Valentin Creter rückte als Gemeindevertreter nach.

Dr. Paulßen (1900 – 1988) stammte aus Gera in Thüringen. Er war verheiratet mit Susanne, geb. Mentz (1905 – 1969), die aus Ostpreußen kam. Bis zu seinem Ruhestand war er Beamter im Regierungspräsidium in Darmstadt, wo die Familie auch wohnte.

Anneliese Müller übernahm nochmals das Amt der Schriftführerin. Sie trat allerdings nach wenigen Wochen zurück. Kurzzeitig wurde sie von Lehrer Gustav Merz vertreten. Auf Vorschlag von Erich Kaffenberger wurde die Hauptsatzung so geändert, dass alle drei im Parlament vertretenen Gruppen einen Beigeordneten erhalten. Gewählt wurden:

Erwin Pahlke 1. Beigeordneter
Wilhelm Mahr 2. Beigeordneter
Helmut Dietz 3. Beigeordneter

Einer der ersten öffentlichen Amtshandlungen von Dr. Paulßen war der Grenzgang Ende Dezember 1968. Abgegangen wurde die nordwestliche Hälfte der Grenze. Es herrschte starkes Schneetreiben. Bei einer etwas schwierigen Passage brach sich Georg Kunkelmann das Bein. Weiter heißt es in dem Bericht des ECHO:

Am alten Sportplatz (im Ballertstal) war ein Holzfeuer errichtet worden, bei dem Wurst, Weck und Bier für eine willkommene Stärkung sorgten. Letzteres steuerten als Einstand die neu gewählten Beigeordneten … bei. Bereits unterwegs hatten an den Grenzsteinen die „Mundschenke“ Erich Kaffenberger und Heinz Poth mit scharfen Getränken für innere Erwärmung gesorgt“.

Wie bei seinem Vorgänger standen auch bei Dr. Paulßen die Wasserversorgung und der Kanalbau an vorderster Stelle der Agenda. So musste er mit der Gemeinde Frankenhausen in Kontakt treten, damit deren Landwirte das Jauchefahren im Einzugsgebiet der Waschenbacher Quelle oberhalb des Steinbruchs am Billerstein unterließen. Beim Kanalbau wurde der 2. Bauabschnitt in der Ortsmitte begonnen, zu dem die Gemeinde weitere 113.000,- DM aufnehmen musste.

Weitere Ausgaben aus dem Haushalt zeugen von den Problemen, die damals in der Gemeinde aktuell waren:

Fußboden Schulsaal 2500,- DM
Rücklage Sportplatz Teichwiese 10000,- DM
Vorbereitende Arbeiten Sportplatz 4000,- DM
Unterhaltung Ortsstraße 7000,- DM
Rücklage Feuerwehrhaus 5000,- DM
Zuschuss Omnibuslinie 5800,- DM

Ein erstes Signal des kommenden Zusammenschlusses mit Nieder-Ramstadt war die Zusammenlegung der Standesamtsbezirke. Schon ab 1968 war das Standesamt Waschenbach verwaist, ab Juli 1969 wurde der Nieder-Ramstädter Standesbeamte Albert Heil offiziell mit den Geschäften beauftragt. Waschenbach zahlte dafür jährlich 75 Pfennig pro Einwohner und einen Sachkostenzuschuss von 50,- Mark.

Dauerbrenner Wasserversorgung

Die Quelle am Billerstein (Kastenwald) und der Hochbehälter an der Alten Eiche waren an ihre Grenzen gekommen. Auch die Qualität des Wassers ließ zu wünschen übrig. Nur knapp war die Gemeinde der Auflage entgangen, das Trinkwasser chloren zu müssen. Die Sanierung der Wasserversorgung war unbestritten. Die Gemüter erregten sich darüber, wo das Wasser herkommen sollte. Drei Varianten wurden diskutiert:

Die Quellen in der Geberstadt ausbauen, aus denen heute das Vogelbrünnchen gespeist wird.
Tiefenbohrung auf den Langwiesen gegenüber der heutigen Firma REA (Grundstück von Hans Adam)
Anschluss an die Südhessische Gas- und Wasser AG

Ein neuer Hochbehälter mit den entsprechenden Leitungen musste auf alle Fälle gebaut werden. In einer öffentlichen Gemeindevertretersitzung in Anwesenheit von Fachleuten wurde darüber heiß diskutiert. Das ECHO vom 4.10.1969 schrieb dazu:

Schlecht dankten es einige der vielen Zuhörer dem Bürgermeister Dr. Paulßen, daß er in großzügiger Weise und entgegen den Gepflogenheiten alle anwesenden Bürger …. mit beraten ließ, als es im Anschluss zu einigen unschönen Angriffen kam. Der Bedeutung der Entscheidung entsprechend verlief die Sitzung ähnlich einer Bürgerversammlung im vollbesetzten Schulsaal.“

Mit den Stimmen der Freien Wähler FW und der SPD wurde schließlich beschlossen, den Tiefbrunnen zu bauen. Das ganze Projekt sollte 500.000,- DM kosten. Mit einer Finanzierungshilfe durch das Land wurde gerechnet.

Eine Episode am Rande war der Einsatz eines Wünschelrutengängers zur Festlegung der Bohrstelle. Dorle Tilmann geb. Paulßen meinte dazu:

Das passte gar nicht zu meinem Vater“.

Hans Adam war dabei und hielt auch die Wünschelrute:

Das war eine unglaubliche Kraft“.

Selbst die Tiefe der Wasserader konnte mit ungefähr 30 m festgestellt werden.

Auch beim Grenzgang Ende November 1969, der mit 106 Personen eine große Teilnahme verzeichnete, war der Tiefbrunnen ein Thema. Die Baustelle wurde besichtigt. Dr. Paulßen berichtete, dass es bei 11 m Tiefe gerade Schwierigkeiten wegen eines Felsens gab; 40 m sollten erreicht werden. Um die Quelle zu schützen, musste der Bachlauf des Waschenbachs aus dem Bereich des Brunnens entfernt werden. Der Bach verlief damals auf der östlichen Talseite bis zur Waschenbacher Mühle (anstelle eines anderswo üblichen Mühlgrabens). Er hatte sich im Lauf der Zeit in den Hang „eingesägt“; die Böschung drohte abzurutschen. Auch aus diesem Grund musste der Bach wieder in die Talsohle verlegt werden.

In direktem Zusammenhang mit der Erneuerung der Wasserversorgung stand auch die Frage nach der Einführung von Wasserzählern, um angemessene und gerechte Gebühren erheben zu können. Bisher wurde noch ein pauschales Punktesystem angewandt, beinahe noch einmalig im Kreis der Nachbargemeinden. Natürlich würde es zum Teil zu höheren Belastungen kommen. Mit Unmutsäußerungen musste gerechnet werden. Trotzdem beschlossen die Gemeindevertreter im April 1970, Wasseruhren einzuführen. Die neue Gebührenordnung sollte am 1.1.1971 in Kraft treten.

Dr. Paulßen tritt zurück

Etwas überraschend erklärte Dr. Paulßen zum 30.6.1970 seinen Rücktritt. Im ECHO vom 5.6.1970 nannte er seine Gründe:

Dr. Paulßen erklärte, dass die sich ständig häufenden Verwaltungsarbeiten bei ihm zu gesundheitlichen Beschwerden geführt hätten. Auch die mehrwöchige Kur vor wenigen Monaten habe nicht grundlegende Abhilfe geschaffen. … Als offizielle Begründung wollte er doch Gründe seines Alters verstanden wissen, weil er im Interesse der Gemeinde auf das ihm bei einem Rücktritt aus Gesundheitsgründen zustehende dreimonatige Übergangsgeld an Aufwandsentschädigung verzichten will“.

Ein sehr großzügiger Entschluss! Der Schritt war persönlich verständlich, es kam darin aber auch zum Ausdruck, dass der ehrenamtliche Bürgermeister einer kleinen Gemeinde ohne wesentliche Hilfe durch Fachkräfte an seine Grenzen stieß. In seiner praktisch letzten Amtshandlung hatte Dr. Paulßen neue Beigeordnete eingeführt, weil Erwin Pahlke auch zurückgetreten war:

1. Beigeordneter Wilhelm Mahr
2. Beigeordneter Karl May
Helmut Dietz war als 3. Beigeordneter im Amt geblieben.

Wilhelm Mahr fiel die Aufgabe zu, Dr. Paulßen zu verabschieden. In seiner Laudatio hob er hervor, dass in den zwei Jahren Dr. Paulßen die Zahl der Gemeinderatssitzungen dem Pensum der vollen Legislaturperiode von vier Jahren entsprochen hätte. Die vielfältigen Anforderungen dieser Zeit hätten es notwendig gemacht, aber es passte wohl auch zu dem Demokratieverständnis des scheidenden Bürgermeisters.

Nieder-Ramstadt kommt ins Spiel

Erste Stimmen wurden hörbar, die von einem Anschluss an Nieder-Ramstadt sprachen. In einer ECHO-Kolumne vom Mai 1970 hatte der Reporter Volker Göckel (Teutschländer) noch Öl in die Diskussion gegossen. Er berichtete von diesen Stimmen, die an eine gemeinsame Verwaltung dachten und zählte Vorteile auf (Kostenersparnis, ständige Erreichbarkeit). Der Bürgermeister Willi Späth wäre bereit gewesen. Zu diesem Zeitpunkt wollte Waschenbach jedoch in seiner Mehrheit seine Selbständigkeit noch nicht aufgeben.

Bürgermeister Kaffenberger

Zum neuen Bürgermeister wurde Erich Kaffenberger gewählt. Zu den ersten Gratulanten gehörte der Spielmannszug. Wie bei früheren Bürgermeistereinführungen brachte er ein Ständchen unter Stabführer Helmut Dietz. Der neue Bürgermeister spendierte einen Umtrunk im Waschenbacher Hof. Erich Kaffenberger *1926, ∞ Hilde Kunz (1929 – 2002 aus Bessungen) stammte aus der Alleestraße 5. Nach einigen Jahren im Elternhaus schuf er sich ein neues Domizil in Zum Birkenwald 4. Seit 1960 engagierte er sich bereits in der Gemeindepolitik. In der späteren Gemeinde Mühltal war er viele Jahre im Gemeindevorstand. Auch dem Ortsbeirat Waschenbach gehörte er sehr lange an.

Der 3. Abschnitt des Kanalausbaus stand an, die Wasserversorgung musste weiter saniert werden (Ringleitung und Hochbehälter), neue Baugebiete sollten erschlossen werden, die Vereine hatten große Wünsche (der Turnverein nach einem Sportplatz, die Feuerwehr nach einem Gerätehaus). All dies musste unter erschwerten Haushaltsbedingungen geschehen: Die Gemeindefinanzreform hatte dem Ort einige Mehrbelastungen gebracht, Einnahmen aber waren zurückgegangen. Die finanzielle Situation des bisher nicht gerade finanzschwachen Orts hatte sich wesentlich verschlechtert.

Einige der anstehenden Aufgaben waren bereits angegangen. So waren auch die Vorstellungen von neuen Baugebieten schon recht konkret. Am Buchwald könnten relativ preiswert 19 Bauplätze eingerichtet werden, weil die nötige Infrastruktur frisch geschaffen worden war. Ein zweites Baugebiet gegenüber dem Linsenacker im Ballertstal wurde angedacht (bis heute nicht weiterverfolgt). Die damals erwogene Ausdehnung in der Mühlbergstraße gegenüber dem Sportplatz ist heute aktuell.

Noch heute (2009) ist Erich Kaffenberger stolz, wenn er auf die Einweihung des neuen Hochbehälters im Hainberg 1971 zu sprechen kommt. Mit Nachdruck und viel persönlichem Engagement hatte er dessen Fertigstellung vorangetrieben. Das Darmstädter Echo berichtete, dass die jahrzehntelangen Wassersorgen Waschenbachs nunmehr der Vergangenheit angehörten.

Das Ende der selbständigen Gemeinde

Die schlechte personelle und neuerdings auch finanzielle Ausstattung der Gemeinde drückte offenbar auf die Stimmung, vor allem bei einigen Gemeinderäten. Sie sahen in dem Zusammenschluss mit Nieder-Ramstadt eine Lösung. Am 19.12.1971 wurde zu einer Bürgerversammlung eingeladen, in der eine „informatorische Befragung“ über Pro und Contra stattfinden sollte. Von den Befürwortern eines Zusammenschlusses wurden als Vorteile aufgeführt:

Dem dominierenden Gegenargument, dass nämlich Waschenbach seine Selbständigkeit verliert, schloss sich in dieser Versammlung die Mehrheit der erschienenen Bürger an. Der Mehrheit des Gemeinderats war dieses Votum nicht ausreichend. Diesem war offenbar die Verantwortung für eine gedeihliche Entwicklung der Gemeinde unter den gegebenen Umständen zu groß geworden.

Am 1.1.1972 war Waschenbach ein Ortsteil von Nieder-Ramstadt geworden. 50 Jahre Selbständigkeit hatten ein Ende gefunden

Autor:
Dr. Heinz Schuchmann






Das Hoheitszeichen der Gemeinde Waschenbach:
Das Mühlrad ist als Zeichen Waschenbachs ins das Wappen der Gemeinde Mühltal eingangen.





Dr. Friedrich Paulßen,
Bürgermeister 1968 - 1970



Erich Kaffenberger,
der letzte Bürgermeister der Gemeinde Waschenbach
1970 - 1972





Der erste Hochbehälter für die Trinkwasserversorgung am Hang von Alteich aus den Anfangsjahren des 20. Jh.



Der neue Hochbehälter auf dem Hainberg





Das Schulhaus ist zum Gemeinschaftshaus geworden





Der Steinbruchbetrieb
der Familie Thomas
ließ die Einkünfte der Gemeindekasse sprudeln





Wenn sich auch die Gerüchte halten:
Nein, Heilwasser fließt nicht aus dem Brünnchen, das Mitglieder des Natur- und Vogelschutzvereins gefaßt und ihrem verstorbenen Vorsitzenden Peter Germann gewidmet haben.