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Die
Gemeinde seit 1968
Bürgermeister
Dr. Paulßen
Wie
schon vier Jahre vorher bewarben sich auch 1968 drei Gruppierungen
um den Einzug ins Gemeindeparlament. Wegen der gestiegenen
Einwohnerzahl war dieses übrigens auf neun Sitze erhöht
worden. Es wurden nominiert
bei
der Wählergruppe Waschenbach WW: Ernst Adam, Bruno
Müller, Kurt von der Heyden, Helmut Dietz, Georg Keller, Adam
Geyer, Ernst Filka
bei der Freien Wählervereinigung
FW: Dr. Johann Friedrich Paulßen, Erich Kaffenberger, Heinz
Peter Schäfer, Heinz Poth, Valentin Creter, Wilhelm Mahr,
Peter Germann, Adam Müller V
bei der SPD: Georg
Krauß, Erwin Pahlke, Georg Schmidt, Karl May, Adam Schwinn,
Emil Ehrhardt, Heinrich Schnellbacher, Bernd Schuchmann, Georg
Krichbaum
Aus
heutiger Sicht bemerkenswert war das große
kommunalpolitische Interesse der Ortsbürger. Erklärlich
allerdings, weil in der noch selbständigen Gemeinde wichtige
Entscheidungen zu treffen waren. Auffällig: Es fehlten die
Frauen.
Kleine Episode am Rand: Die Liste der SPD wurde
zunächst abgelehnt, weil sie erst einige Minuten nach Ablauf
der Frist eingereicht worden war. Es gab aber einen erfolgreichen
Protest, denn das Wahlamt war schon vor dem Ende der Frist nicht
mehr besetzt gewesen.
Die Wahl am 20.10.1968 brachte
folgendes Ergebnis:
Dr.
Johann Friedrich Paulßen FW Erich Kaffenberger FW Heinz
Peter Schäfer FW Heinz Poth FW Ernst Adam WW Bruno
Müller WW Kurt von der Heyden WW Georg Krauß
SPD Erwin Pahlke SPD
Stärkste
Fraktion war die FW geworden (37,2%), die WW hatte ihre Mehrheit
verloren (35,7%), die SPD hatte ihre Stammwähler mobilisiert
(27,1%).
Die konstituierende Sitzung des neuen
Gemeinderats im November 1968 wurde von Erwin Pahlke geleitet, mit
73 Jahren sozusagen der Alterspräsident. Peter Wembacher trat
nicht mehr zur Wahl des Bürgermeisters an. In einer kurzen
Rede bedankte er sich bei seinen Helfern der vergangenen vier
Jahre, vor allem bei Anneliese Müller, die quasi seine rechte
Hand gewesen war, und den Gemeindevertretern Ernst Kühn und
Ernst Adam. Unter der Leitung von Valentin Creter wurde in
geheimer Wahl Dr. Paulßen zum neuen Bürgermeister
gewählt (6 Ja, 2 Nein, eine Enthaltung). Valentin Creter
rückte als Gemeindevertreter nach.
Dr. Paulßen
(1900 – 1988) stammte aus Gera in Thüringen. Er war
verheiratet mit Susanne, geb. Mentz (1905 – 1969), die aus
Ostpreußen kam. Bis zu seinem Ruhestand war er Beamter im
Regierungspräsidium in Darmstadt, wo die Familie auch wohnte.
Anneliese Müller übernahm nochmals das Amt der
Schriftführerin. Sie trat allerdings nach wenigen Wochen
zurück. Kurzzeitig wurde sie von Lehrer Gustav Merz
vertreten. Auf Vorschlag von Erich Kaffenberger wurde die
Hauptsatzung so geändert, dass alle drei im Parlament
vertretenen Gruppen einen Beigeordneten erhalten. Gewählt
wurden:
Erwin
Pahlke 1. Beigeordneter Wilhelm Mahr 2. Beigeordneter Helmut
Dietz 3. Beigeordneter
Einer
der ersten öffentlichen Amtshandlungen von Dr. Paulßen
war der Grenzgang Ende Dezember 1968. Abgegangen wurde die
nordwestliche Hälfte der Grenze. Es herrschte starkes
Schneetreiben. Bei einer etwas schwierigen Passage brach sich
Georg Kunkelmann das Bein. Weiter heißt es in dem Bericht
des ECHO:
„Am
alten Sportplatz (im Ballertstal) war ein Holzfeuer errichtet
worden, bei dem Wurst, Weck und Bier für eine willkommene
Stärkung sorgten. Letzteres steuerten als Einstand die neu
gewählten Beigeordneten … bei. Bereits unterwegs
hatten an den Grenzsteinen die „Mundschenke“ Erich
Kaffenberger und Heinz Poth mit scharfen Getränken für
innere Erwärmung gesorgt“.
Wie
bei seinem Vorgänger standen auch bei Dr. Paulßen die
Wasserversorgung und der Kanalbau an vorderster Stelle der Agenda.
So musste er mit der Gemeinde Frankenhausen in Kontakt treten,
damit deren Landwirte das Jauchefahren im Einzugsgebiet der
Waschenbacher Quelle oberhalb des Steinbruchs am Billerstein
unterließen. Beim Kanalbau wurde der 2. Bauabschnitt in der
Ortsmitte begonnen, zu dem die Gemeinde weitere 113.000,- DM
aufnehmen musste.
Weitere Ausgaben aus dem Haushalt zeugen
von den Problemen, die damals in der Gemeinde aktuell waren:
Fußboden
Schulsaal 2500,- DM Rücklage Sportplatz Teichwiese
10000,- DM Vorbereitende Arbeiten Sportplatz 4000,- DM
Unterhaltung Ortsstraße 7000,- DM Rücklage
Feuerwehrhaus 5000,- DM Zuschuss Omnibuslinie 5800,- DM
Ein
erstes Signal des kommenden Zusammenschlusses mit Nieder-Ramstadt
war die Zusammenlegung der Standesamtsbezirke. Schon ab 1968 war
das Standesamt Waschenbach verwaist, ab Juli 1969 wurde der
Nieder-Ramstädter Standesbeamte Albert Heil offiziell mit den
Geschäften beauftragt. Waschenbach zahlte dafür jährlich
75 Pfennig pro Einwohner und einen Sachkostenzuschuss von 50,-
Mark.
Dauerbrenner
Wasserversorgung
Die
Quelle am Billerstein (Kastenwald) und der Hochbehälter an
der Alten Eiche waren an ihre Grenzen gekommen. Auch die Qualität
des Wassers ließ zu wünschen übrig. Nur knapp war
die Gemeinde der Auflage entgangen, das Trinkwasser chloren zu
müssen. Die Sanierung der Wasserversorgung war unbestritten.
Die Gemüter erregten sich darüber, wo das Wasser
herkommen sollte. Drei Varianten wurden diskutiert:
Die
Quellen in der Geberstadt ausbauen, aus denen heute das
Vogelbrünnchen gespeist wird.
Tiefenbohrung
auf den Langwiesen gegenüber der heutigen Firma REA
(Grundstück von Hans Adam)
Anschluss
an die Südhessische Gas- und Wasser AG
Ein
neuer Hochbehälter mit den entsprechenden Leitungen musste
auf alle Fälle gebaut werden. In einer öffentlichen
Gemeindevertretersitzung in Anwesenheit von Fachleuten wurde
darüber heiß diskutiert. Das ECHO vom 4.10.1969 schrieb
dazu:
„Schlecht
dankten es einige der vielen Zuhörer dem Bürgermeister
Dr. Paulßen, daß er in großzügiger Weise
und entgegen den Gepflogenheiten alle anwesenden Bürger ….
mit beraten ließ, als es im Anschluss zu einigen unschönen
Angriffen kam. Der Bedeutung der Entscheidung entsprechend verlief
die Sitzung ähnlich einer Bürgerversammlung im
vollbesetzten Schulsaal.“
Mit
den Stimmen der Freien Wähler FW und der SPD wurde
schließlich beschlossen, den Tiefbrunnen zu bauen. Das ganze
Projekt sollte 500.000,- DM kosten. Mit einer Finanzierungshilfe
durch das Land wurde gerechnet.
Eine Episode am Rande war
der Einsatz eines Wünschelrutengängers zur Festlegung
der Bohrstelle. Dorle Tilmann geb. Paulßen meinte dazu:
„Das
passte gar nicht zu meinem Vater“.
Hans
Adam war dabei und hielt auch die Wünschelrute:
„Das
war eine unglaubliche Kraft“.
Selbst
die Tiefe der Wasserader konnte mit ungefähr 30 m
festgestellt werden.
Auch beim Grenzgang Ende November
1969, der mit 106 Personen eine große Teilnahme
verzeichnete, war der Tiefbrunnen ein Thema. Die Baustelle wurde
besichtigt. Dr. Paulßen berichtete, dass es bei 11 m Tiefe
gerade Schwierigkeiten wegen eines Felsens gab; 40 m sollten
erreicht werden. Um die Quelle zu schützen, musste der
Bachlauf des Waschenbachs aus dem Bereich des Brunnens entfernt
werden. Der Bach verlief damals auf der östlichen Talseite
bis zur Waschenbacher Mühle (anstelle eines anderswo üblichen
Mühlgrabens). Er hatte sich im Lauf der Zeit in den Hang
„eingesägt“; die Böschung drohte
abzurutschen. Auch aus diesem Grund musste der Bach wieder in die
Talsohle verlegt werden.
In direktem Zusammenhang mit der
Erneuerung der Wasserversorgung stand auch die Frage nach der
Einführung von Wasserzählern, um angemessene und
gerechte Gebühren erheben zu können. Bisher wurde noch
ein pauschales Punktesystem angewandt, beinahe noch einmalig im
Kreis der Nachbargemeinden. Natürlich würde es zum Teil
zu höheren Belastungen kommen. Mit Unmutsäußerungen
musste gerechnet werden. Trotzdem beschlossen die
Gemeindevertreter im April 1970, Wasseruhren einzuführen. Die
neue Gebührenordnung sollte am 1.1.1971 in Kraft treten.
Dr.
Paulßen tritt zurück
Etwas
überraschend erklärte Dr. Paulßen zum 30.6.1970
seinen Rücktritt. Im ECHO vom 5.6.1970 nannte er seine
Gründe:
„Dr.
Paulßen erklärte, dass die sich ständig häufenden
Verwaltungsarbeiten bei ihm zu gesundheitlichen Beschwerden
geführt hätten. Auch die mehrwöchige Kur vor
wenigen Monaten habe nicht grundlegende Abhilfe geschaffen. …
Als offizielle Begründung wollte er doch Gründe seines
Alters verstanden wissen, weil er im Interesse der Gemeinde auf
das ihm bei einem Rücktritt aus Gesundheitsgründen
zustehende dreimonatige Übergangsgeld an
Aufwandsentschädigung verzichten will“.
Ein
sehr großzügiger Entschluss! Der Schritt war persönlich
verständlich, es kam darin aber auch zum Ausdruck, dass der
ehrenamtliche Bürgermeister einer kleinen Gemeinde ohne
wesentliche Hilfe durch Fachkräfte an seine Grenzen stieß.
In seiner praktisch letzten Amtshandlung hatte Dr. Paulßen
neue Beigeordnete eingeführt, weil Erwin Pahlke auch
zurückgetreten war:
1.
Beigeordneter Wilhelm Mahr 2. Beigeordneter Karl May Helmut
Dietz war als 3. Beigeordneter im Amt geblieben.
Wilhelm
Mahr fiel die Aufgabe zu, Dr. Paulßen zu verabschieden. In
seiner Laudatio hob er hervor, dass in den zwei Jahren Dr. Paulßen
die Zahl der Gemeinderatssitzungen dem Pensum der vollen
Legislaturperiode von vier Jahren entsprochen hätte. Die
vielfältigen Anforderungen dieser Zeit hätten es
notwendig gemacht, aber es passte wohl auch zu dem
Demokratieverständnis des scheidenden Bürgermeisters.
Nieder-Ramstadt
kommt ins Spiel
Erste
Stimmen wurden hörbar, die von einem Anschluss an
Nieder-Ramstadt sprachen. In einer ECHO-Kolumne vom Mai 1970 hatte
der Reporter Volker Göckel (Teutschländer) noch Öl
in die Diskussion gegossen. Er berichtete von diesen Stimmen, die
an eine gemeinsame Verwaltung dachten und zählte Vorteile auf
(Kostenersparnis, ständige Erreichbarkeit). Der Bürgermeister
Willi Späth wäre bereit gewesen. Zu diesem Zeitpunkt
wollte Waschenbach jedoch in seiner Mehrheit seine Selbständigkeit
noch nicht aufgeben.
Bürgermeister
Kaffenberger
Zum
neuen Bürgermeister wurde Erich Kaffenberger gewählt. Zu
den ersten Gratulanten gehörte der Spielmannszug. Wie bei
früheren Bürgermeistereinführungen brachte er ein
Ständchen unter Stabführer Helmut Dietz. Der neue
Bürgermeister spendierte einen Umtrunk im Waschenbacher Hof.
Erich Kaffenberger *1926, ∞ Hilde Kunz (1929 – 2002
aus Bessungen) stammte aus der Alleestraße 5. Nach einigen
Jahren im Elternhaus schuf er sich ein neues Domizil in Zum
Birkenwald 4. Seit 1960 engagierte er sich bereits in der
Gemeindepolitik. In der späteren Gemeinde Mühltal war er
viele Jahre im Gemeindevorstand. Auch dem Ortsbeirat Waschenbach
gehörte er sehr lange an.
Der 3. Abschnitt des
Kanalausbaus stand an, die Wasserversorgung musste weiter saniert
werden (Ringleitung und Hochbehälter), neue Baugebiete
sollten erschlossen werden, die Vereine hatten große Wünsche
(der Turnverein nach einem Sportplatz, die Feuerwehr nach einem
Gerätehaus). All dies musste unter erschwerten
Haushaltsbedingungen geschehen: Die Gemeindefinanzreform hatte dem
Ort einige Mehrbelastungen gebracht, Einnahmen aber waren
zurückgegangen. Die finanzielle Situation des bisher nicht
gerade finanzschwachen Orts hatte sich wesentlich verschlechtert.
Einige der anstehenden Aufgaben waren bereits angegangen.
So waren auch die Vorstellungen von neuen Baugebieten schon recht
konkret. Am Buchwald könnten relativ preiswert 19 Bauplätze
eingerichtet werden, weil die nötige Infrastruktur frisch
geschaffen worden war. Ein zweites Baugebiet gegenüber dem
Linsenacker im Ballertstal wurde angedacht (bis heute nicht
weiterverfolgt). Die damals erwogene Ausdehnung in der
Mühlbergstraße gegenüber dem Sportplatz ist heute
aktuell.
Noch
heute (2009) ist Erich Kaffenberger stolz, wenn er auf die
Einweihung des neuen Hochbehälters im Hainberg 1971 zu
sprechen kommt. Mit Nachdruck und viel persönlichem
Engagement hatte er dessen Fertigstellung vorangetrieben. Das
Darmstädter Echo berichtete, dass die jahrzehntelangen
Wassersorgen Waschenbachs nunmehr der Vergangenheit
angehörten.
Das
Ende der selbständigen Gemeinde
Die
schlechte personelle und neuerdings auch finanzielle Ausstattung
der Gemeinde drückte offenbar auf die Stimmung, vor allem bei
einigen Gemeinderäten. Sie sahen in dem Zusammenschluss mit
Nieder-Ramstadt eine Lösung. Am 19.12.1971 wurde zu einer
Bürgerversammlung eingeladen, in der eine „informatorische
Befragung“ über Pro und Contra stattfinden sollte. Von
den Befürwortern eines Zusammenschlusses wurden als Vorteile
aufgeführt:

Dem
dominierenden Gegenargument, dass nämlich Waschenbach seine
Selbständigkeit verliert, schloss sich in dieser Versammlung
die Mehrheit der erschienenen Bürger an. Der Mehrheit des
Gemeinderats war dieses Votum nicht ausreichend. Diesem war
offenbar die Verantwortung für eine gedeihliche Entwicklung
der Gemeinde unter den gegebenen Umständen zu groß
geworden.
Am 1.1.1972 war Waschenbach ein Ortsteil von
Nieder-Ramstadt geworden. 50 Jahre Selbständigkeit hatten ein
Ende gefunden
|
Autor: Dr.
Heinz Schuchmann



Das
Hoheitszeichen der Gemeinde Waschenbach: Das Mühlrad ist
als Zeichen Waschenbachs ins das Wappen der Gemeinde Mühltal
eingangen.


Dr.
Friedrich Paulßen, Bürgermeister 1968 - 1970

Erich
Kaffenberger, der letzte Bürgermeister der Gemeinde
Waschenbach 1970 - 1972


Der
erste Hochbehälter für die Trinkwasserversorgung am Hang
von Alteich aus den Anfangsjahren des 20. Jh.

Der
neue Hochbehälter auf dem Hainberg


Das
Schulhaus ist zum Gemeinschaftshaus geworden


Der
Steinbruchbetrieb der Familie Thomas ließ die
Einkünfte der Gemeindekasse sprudeln


Wenn
sich auch die Gerüchte halten: Nein, Heilwasser fließt
nicht aus dem Brünnchen, das Mitglieder des Natur- und
Vogelschutzvereins gefaßt und ihrem verstorbenen
Vorsitzenden Peter Germann gewidmet haben.
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