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Die
Hartsteinwerke Thomas in Waschenbach
Seit
mehr als einem Jahrhundert werden in der Umgebung unseres Orts
Steine abgebaut. Viele Menschen waren als Arbeitgeber und
Arbeitnehmer daran beteiligt. Einen dominierenden Einfluss auf
diese Entwicklung hatten drei Generationen der Familie Thomas. Bis
heute werden der Steinbruch und die Familie Thomas praktisch in
einem Atemzug genannt. Es ist fast vergessen, dass in den Anfängen
noch andere Betreiber beteiligt waren.
Steinbrechen in
Waschenbach begann mit Adam Thomas (1859 – 1950) aus
Frankenhausen, der Margarethe von der Au (1858 – 1940) aus
Ernsthofen geheiratet hatte. Bei den Steinen handelt es sich um
Gabbro, ein Tiefengestein wie Granit. Wann Adam Thomas zum ersten
Mal Steine Am Kastenwald in der Gemarkung Billerstein gewonnen
hat, ist nicht exakt bekannt. Bereits 1892 war jedenfalls ein
Großauftrag für die Gemeinde zu erledigen: Im Rahmen
der Flurbereinigung wurden von ihm 216 Setzsteine für 1243,-
Mark geliefert. Ab 25. Sept 1893 war er Mitglied der
Berufsgenossenschaft. Am 14. April 1897 erteilte das
Großherzogliche Kreisamt „dem Adam Thomas aus
Frankenhausen …. die Genehmigung zur Anlage und zum Betrieb
eines Steinbruchs in der Gemarkung Waschenbach auf dem Grundstück
Flur III … im Kastenwald“.
Viele Geschäfte
machte Adam Thomas weiterhin mit der Gemeinde Waschenbach, wie man
deren Kassenbuch (aufgezeichnet von Jakob Krauß) entnehmen
kann:
1906 Pacht Steinbruch
Billerstein (am Kastenwald) 1.4.1905 – 1911 (6 Jahre) 42,-
Mark
1908
Grundbausteine und Geröll für Schulbau 81,90 Mark
1913
23 Cubm Chaussiersteine a M6,- 138,- Mark 914 An
Steinbruchbesitzerin A. Thomas Ehefrau für 8 Grenzsteine a
0,50 4,- Mark
Angefangen hat Adam Thomas also im
heutigen Steinbruch am Kastenwald. Der Abbau war allerdings
schwierig. Die Löcher für die Sprengung mussten im
Handbetrieb eingebracht werden: Ein Mann hielt die Bohrstange (das
Spitzeisen) und drehte sie, zwei Männer schlugen abwechselnd
mit dem Schlaghammer. Das anschließende Zerkleinern von
größeren Steinbrocken war zeitraubend, weil die Steine
„verkehrt“ saßen. Sie splitterten nicht wie
gewünscht.
Im ersten Jahrzehnt des letzten
Jahrhunderts wechselte deshalb Adam Thomas die Abbaustätte.
1905 zahlte er noch Pacht im Voraus für den Bruch
Billerstein, aber im Jahr 1910 gibt es einen Hinweis auf eine neue
Abbaustätte in der Geberstadt. Dort hatte er eine Beschwerde
laufen:
Unterhalb des Steinbruchs in
der Geberstadt 9 wohnte im ehemaligen Hirtenhaus der Polizeidiener
Friedrich Becker. Dieser beabsichtigte, sein Haus zu vergrößern
und bat das Großherzogliche Kreisamt in Darmstadt um
Genehmigung. Adam Thomas befürchtete Schäden infolge
seiner Sprengungen. Das Kreisamt lehnte die Beschwerde ab und gab
dem Baugesuch statt.
Wie Adam Thomas mit seinem
Betrieb über den 1. Weltkrieg kam, ist unklar. Erste Bilder
und Dokumente stammen wieder aus den 1930er Jahren. Vorher wurden
Waschenbachs Steine aber auch für weitere Betreiber
interessant. Die Odenwälder Hartsteinindustrie OHI war 1898
u.a. aus den Steinbrüchen in Nieder-Ramstadt und Roßdorf
hervorgegangen. Im Ort hat sie wenige Jahre Steine in der
Steingretel (hinterer Buchwald) abgebaut, wie man heute noch
feststellen kann. Auf dieser Seite des Buchwalds saßen die
Steine „richtig“, d.h. es gab beim Brechen und
Sprengen nicht die Probleme, wie sie Adam Thomas am Billerstein
hatte. Die Abfahrt der Steine erfolgte durch die Alleestraße,
die im unteren Teil damals einen Hohlweg bildete (die „Huhl“).
Erich Kaffenberger (Elternhaus Alleestraße 5) erinnert sich:
„Die schweren Pferdefuhrwerke haben in der Huhl tiefe Gleise
hinterlassen“.
Im Kassenbuch der Gemeinde ist
vermerkt:
1925 OHI Pacht 11.9.1925
30 Jahr 150,- Mark
1928
Steinbruchpacht OHI ist aufgehoben
Ab diesem Jahr
versuchte Georg Thaler sein Glück, und zwar am Kastenwald
(Billerstein) in dem von Adam Thomas aufgegebenen Gelände.
Durch seine Heirat mit Minna Wembacher, der Tochter des Wirts
Johannes Wembacher IV aus dem Gasthaus Zum Odenwald, war er
Ortsbürger geworden. In der Gemeinde war er in vielfältiger
Weise aktiv:
1925 Eintritt in
Kohlen- und Sparverein 1927 – 1928 1. Turnwart des
Turnvereins 10.9.1935 – 22.4.1938 2. Beigeordneter der
Gemeinde Waschenbach
Im Jahr 1928 zahlte Georg
Thaler für den Bruch am Billerstein eine Pacht von 150,-
Mark. Auch 1932 ist wieder der gleiche Betrag im Kassenbuch
aufgeführt. 1934 heißt es aber dann: „Bruch
nichts“. Möglicherweise hat Georg Thaler in dieser Zeit
die Produktion eingestellt?!
In all den Jahren hat sich
der Steinbruch von Adam Thomas in der Geberstadt weiterentwickelt.
Am 1.1.1936 trat Ludwig Wendel Thomas (1895 – 1971), der
Sohn von Adam, in den Betrieb ein. Das Kassenbuch der Gemeinde
verzeichnet schon für das vorherige Jahr 1935 seinen Namen:
„Wendel Thomas Wiese bei
Steinbruch Geberstadt 504,- Mark“
Offenbar
versuchte er sogleich, die Firma durch den Ankauf von Gelände
unabhängiger zu machen. Wendel war mit Margarethe (Gretel)
Keller (1906 – 1980) verheiratet. Das Ehepaar hatte drei
Kinder: Ria (1924 – 1997) ∞ Heinrich Pritsch (1921 –
2008) dem späteren langjährigen Bürgermeister von
Neutsch, Ludwig („Lud“) (1925 – 2010) ∞
Albine Grüdl *1929, Friedrich („Friedel“) (1927 –
2003) ∞ Liesel Stephan *1933.
Wendel
Thomas hat bei der Firma Wacker & Dörr (Nieder-Ramstadt)
eine Mechanikerlehre gemacht, seinen Meisterbrief erworben und
dann einige Jahre Berufserfahrung in fremden Firmen gesammelt. Im
1. Weltkrieg war er Soldat. In Waschenbach wurde er schnell
bekannt, weil er seine hervorragenden turnerischen Fähigkeiten
in den Turnverein 1911 einbrachte. Sein Rüstzeug hatte er
u.a. auf der Deutschen TurnschTurnschule in Berlin erworben. Von
1934 bis 1936 war er sogar Oberturnwart bei den Waschenbacher
Turnern.
Der 2. Weltkrieg brachte wie der 1. einen starken
Einschnitt. Anfänglich wurde der Betrieb weitergeführt,
zum Teil mit französischen Kriegsgefangenen.Ab 1941 ruhten
die Arbeiten. Die Pacht an die Gemeinde wurde auf die Hälfte
reduziert. Wendel Thomas war mit einem Teil der Produktionsmittel
zur Organisation Todt (die „Bautruppe“ Hitlers) in den
Osten zwangsverpflichtet worden. In das Bürogebäude zog
im Jahr 1944 Dr. Richtzenhain ein, ein ausgebombter Darmstädter
Arzt, bei dem die Ortsbürger oft eine willkommene Hilfe
fanden. Das Kassenbuch der Gemeinde vermerkt:
„Dr.
Richtzenhain für Bretter (Thomas Büro) 87,- Mark
1945
wurde der Betrieb durch die Familie Thomas wieder aufgenommen. Der
Gründer Adam Thomas war längst auf dem Altenteil. Am
1.1.1949 war Adam Thomas „als Mitunternehmer gestrichen“
worden. Ein Jahr später ist er im hohen Alter von 90 Jahren
gestorben.
Der Betrieb entwickelte sich enorm und stieß
bald an seine Grenzen. In den Jahren 1952 und 1953 begann die
schrittweise Rückkehr zu den Ursprüngen: Der Bruch am
Kastenwald (Billerstein) wurde reaktiviert. Der alte Betrieb wurde
abgemeldet, eine Voraussetzung zum privaten Hausbau auf dem
stillgelegten Gelände. Das bewirkte bei den Turnern eine
gewisse Besorgnis. Der Verein (damals vorübergehend als Turn-
und Sportgemeinde Waschenbach 1946) hatte im Juni 1948 mit der
Gemeinde einen Vertrag geschlossen, worin es hieß:
„Die
Gemeinde Waschenbach überläßt kostenlos und
widerruflich auf die Dauer von zehn Jahren ab 1.7.1948 die
Gemeindewiese, Hütte und den freien Platz am alten Steinbruch
der Turn- und Sportgemeinde Waschenbach als Sportgelände“.
Welche Vorgeschichte die erwähnte Hütte
hatte, ist unbekannt. Sie diente nach dem Krieg kurze Zeit der
ausgebombten Familie Schmank als Unterkunft. Sie stand etwa im
Bereich der großen Abraumhalde, die heute gerade wieder
abgetragen wird. Der Verein investierte Zeit und Geld, um die
Hütte wieder herzurichten, vor allem das Dach wurde erneuert.
Auch am Gelände wurden Planierungsarbeiten vorgenommen. Am
19.6.1949 fand eine Einweihung mit Festzug und sportlichen
Darbietungen statt. Gegen die Frankenhäuser Nachbarn wurde
ein Faustballspiel bestritten und verloren.
So
war man also über die Bestrebungen der Firma Thomas nicht
gerade erfreut. Letzten Endes aber „versüßte“
Wendel Thomas den Ausstieg aus dem Vertrag, indem er 400,- Mark
zahlte. Der Verein hatte inzwischen wieder seinen alten Namen
angenommen. (Erwähnenswert
ist, dass zwei ehemalige Nachbarbuben aus Frankenhausen in
Waschenbach über einige Jahrzehnte eine führende Rolle
gespielt haben.) Mit dieser Finanzspritze konnte der Turnverein
übrigens von Heinrich Harnischfeger ein neues
Sportgelände im Ballerts erwerben.
Ab 1952 änderte
sich die Landschaft am Kastenwald ziemlich rasch. Zunächst
wurde noch mit Loren gearbeitet, ab 1954 erfolgte die Umstellung
auf „gleislosen“ Verkehr. In diesem Jahr kam es zu dem
einzigen tödlichen Unfall in der Geschichte des Steinbruchs,
als Hans Jung aus Frankenhausen von einem großen Stein
überrollt worden war.
Im Jahr 1955 treten die Söhne
von Wendel Thomas, Friedrich und Ludwig, in die Firma ein. Sie
verstanden es, den Steinbruch kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Große Stützen der Firma über Jahrzehnte hinweg
waren der Prokurist Wilfried Spengler und der Betriebsleiter Hans
Adam. In den 1990er Jahren wurden mehrere verdienstvolle
Mitarbeiter der Hartsteinwerke für langjährige
Betriebszugehörigkeit geehrt, darunter so bekannte Ortsbürger
wie Hans Adam, Hans („Steffi“) Jung und Heinz
(„Mecki“) Heuß.
1995
waren im Steinbruch am Kastenwald sechs Sohlen angelegt.
Inzwischen sind es sieben.
Über die Jahrzehnte haben
die Waschenbacher und der Steinbruch zusammengelebt, „in
guten und schlechten Zeiten“. Vielen Ortsbürgern bot er
einen Arbeitsplatz. Mancher private Bauherr war für die eine
oder andere Hilfe dankbar. Die Gemeinde hat oft unter
Sonderbedingungen Geschäfte mit dem Bruch gemacht. Der Vogel-
und Naturschutzverein wurde beim Bau seiner Vogelhütte auf
der ehemaligen Abraumhalde in der Geberstadt unterstützt.
Auch der Turnverein zählte vor allem bei seinem Hallenbau
1982 - 1985 die Familie Thomas zu seinen Sponsoren.
Allerdings
verursachte das Unternehmen auch Ängste unter manchen
Bürgern: Seine Ausdehnung in Richtung des Orts, die
Sprengungen, der starke Verkehr und Feinstaubemissionen riefen in
den 1990er Jahren Proteste hervor, teilweise von starken Emotionen
begleitet. Heute gehen die Parteien nüchterner miteinander
um. Die Familie Thomas hat sich aus der direkten Betriebsleitung
zurückgezogen, die OHI ist nach Waschenbach zurückgekehrt.
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Dr.
Heinz Schuchmann


Alle
Bilder aus den Sammlung en von Dr. Heinz Schuchmann und
Volker Thomas (falls keine andere Angabe)
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Adam
Thomas
(1859
– 1950) und Margarethe
(1858
– 1940)

Georg
Thaler (1901 – 1947)

Ludwig
Wendel Thomas (1895 – 1971)

.
. . und als Seniorchef

Die
„Thomasriege“ aus Frankenhausen mit Wendel Thomas (4.
vr). Links daneben Hans Keller, viele Jahre Vorsitzender des
GTV Frankenhausen. (klick ins Bild zeigt
Vergrößerung)

1936
Das erste Privatauto von Wendel Thomas, ein Adler Trumpf.
Davor
seine Frau Gretel (links)

Die
stillgelegte Abbaustätte in der Geberstadt

ehem.
Turnplatz mit Hütte am neuen Betriebsstandort

Das
neu eröffnete Betriebsgelände 1953. Links die Hütte
auf dem seith. Turnplatz (klick ins Bild zeigt
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1995
waren im Steinbruch am Kastenwald sechs Sohlen angelegt.
Inzwischen sind es sieben. (klick ins Bild zeigt Vergrößerung)

Lud
und Friedel Thomas beim 100jährigen Jubiläum der
Hartsteinwerke 1997
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