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Geschichte > Waschenbach > Vereine

Stand: 26.10.2011

 

 

 


 

Der Turnverein 1911

Die Turnvereine gehen in Deutschland auf Friedrich Ludwig Jahn (1778 – 1852) zurück, den sog. Turnvater. Die Turnbewegung 1811 begann mit der Errichtung des ersten Turnplatzes auf der Berliner Hasenheide. Neben ihren sportlichen und geselligen Zwecken waren die Turnvereine damals, im von Napoleon besetzten Deutschland, durchaus auch patriotisch ausgerichtet. Ein Jahrhundert später hatte Waschenbach gewissermaßen seinen eigenen Turnvater, nämlich den damaligen Lehrer Philipp Karl Knecht (1879 – 1934).

Am Sonntag, 5.3.1911 hatte er zur Gründungsversammlung bei Gastwirt Christoph Schneider eingeladen, nachmittags 4 Uhr. In seiner Rede wirkte er überzeugend: 22 Turner über 18 Jahre und 9 Zöglinge (14 bis 18 Jahre) folgten seinem Aufruf. In der ersten Hauptversammlung am 19. März bei Gastwirt Joh. Wembacher IV wurde der Vorstand gewählt:

1. Sprecher Philipp Karl Knecht
2. Sprecher Jakob Dieter (Ortsstraße24)
Schriftwart Ludwig Adam (Ortsstraße 17)
Kassenwart Johannes Kling (Ortsstraße 30)
1. Turnwart Philipp Schneider II (Ortsstraße 14, heute 15)
2. Turnwart Johannes Dieter I (Bruder von Jakob)
Zeugwart Christoph Müller (Kreisstraße 5)
Vereinsdiener Heinrich Burger (Ortsstraße 34, heute 37)
Beisitzer Johannes Poth (Ortsstraße 38)
Georg Dieter IV (Bruder von Jakob)
Peter Brückmann (Ortsstraße 23, später 20)

Die erste Turnstunde war am Samstag 22.4.1911, abends 8 Uhr im Hof der neuen Schule. Zweimal pro Woche wurde geübt, samstags im Freien und dienstags zunächst im Raum der alten Schule (Mühlbergstraße 2), ab September im Saal des Gasthauses Zum Odenwald. Sportgeräte waren anfänglich Barren (geliehen von den Nieder-Ramstädter Turnern), Reck und Matten. Ab 1912 wurde auch mit Eisenstäben geübt. Pferd und Ringe gab es zunächst nicht in Waschenbach – die Turner trainierten als Gast in Nieder-Ramstadt.

Mit ihrem frisch erworbenen Können hielten sie nicht lange hinter dem Berg. Noch 1911 wurden Turnfeste und Freundschaftsturnen bei Nachbarvereinen besucht oder im Ort ein Schauturne veranstaltet. Eine Waschenbacher Barrenriege errang beim Gauturnfest in Eberstadt am 7.7.1912 den 3. Platz. Auch Vereinswanderungen (damals „Turngänge“ genannt) gehörten zum Programm des Vereins. 1914 wanderte man im April nach Kranichstein und zum Oberwaldhaus, im Juli nach Seeheim und Malchen. Abmarsch war jeweils morgens um 6 Uhr! Weitere Turngänge für dieses Jahr fielen dem 1. Weltkrieg zum Opfer.

Kulturell knüpfte der neue Verein wahrscheinlich nahtlos an die Tradition des Gesangvereins an. Es wurden Abendunterhaltungen mit Musik, Theaterstücken und Vorträgen angeboten. Auch die Weihnachtsfeiern hatten immer ein schönes Programm. Die Sänger waren ein „Opfer“ der neuen Interessenlage im Ort. Als Verein ist die „Sängerlust“ vermutlich so langsam eingeschlafen. Bei den Turnern blieb Gesang aber für Jahrzehnte eine Tradition.

Ab 1. August 1914 war diese erste Blüte des Turnvereins 1911 zu Ende – der 1. Weltkrieg war ausgebrochen. Im Protokoll der Hauptversammlung vom 15.1.1915 ist vermerkt:

5 Turner sind infolge der Mobilmachung zur Fahne berufen worden, davon gehören 3 dem Vorstand an.“
„Über den Turnbetrieb kann ich leider keinen Bericht erstatten, da er …. eingestellt ist. Hoffentlich wird es im neuen Jahr besser“.

Der Protokollführer war zu optimistisch. Noch vier Jahre lang wurde es nicht besser. Erst 1919 gab es wieder neue Lebenszeichen vom Turnverein. Drei Turner waren nicht aus dem Krieg zurückgekommen.

Wie es weiterging wird in einer Vereinschronik berichtet, die zum hundertjährigen Bestehen des Vereins im Jahre 2011 erschienen ist. Einige Exemplare der Vereinschronik liegen noch vor. Sie können bei sigrid@schuchmann-wb.de bestellt werden. Der Unkostenbeitrag (ohne Versandkosten) beträgt 5,- €“.

 

Autor:
Dr. Heinz Schuchmann